Mental load als Genrebild

Why care about Elisa Breyer?

Installationsansicht "Elisa Breyer. CARRYING GLOW", Foto: Toska Schwarzaeugl, Courtesy Galerie Roberta Keil and the artist

Selbstironie, Female Rage und das Gewicht des Alltäglichen – ein Besuch in der aktuellen Schau der Galerie Roberta Keil.


„I don't care, I love it" sangen Icona Pop 2013 in der HBO-Serie Girls und dann noch „I'm a 90s bitch". Und irgendwie sind sie mir beim Schreiben im Ohr, die Szenen vor dem inneren Auge, während draußen Szenen von Elisa Breyer flickern.

Die 90ies sind wieder omnipresent – und längst mehr als Nostalgie, eher ein Aggregatszustand.

Paula Watzl

Auch für Elisa Breyer. Die 1995 in Berlin geborene Künstlerin, die ebenda lebt und arbeitet, liebt Sex and the City, zitiert Stranger Things und Euphoria und fragt sich zeitgleich selbst – warum eigentlich? Warum liefert in die Jahre gekommene Popkultur in globalisierten Krisenzeiten so viel Comfort, und ist Comfort nicht immer auch kritisch zu betrachten?
Kritisch schaut Breyer in die Schubladen: Die großformatigen Stillleben chaotischer Alltagszustände zwischen (Self-)Care und Care(-Pflichten) sind der große Coup der aktuellen Schau in der Galerie Roberta Keil. Carrying Glow, der Titel der Ausstellung, verspricht eine Veredelung des Alltäglichen – und das gelingt der sichtlich geschulten Malerin (Breyer studiert seit 2021 Malerei in der Klasse von Karin Kneffel an der Akademie der Bildenden Künste München, nach einem vorangegangenen Studium der Visuellen Kommunikation an der Bauhaus-Universität Weimar) tatsächlich, nicht zuletzt durch den altmeisterlichen Einsatz von Stoffen in der Komposition der zeitgenössischen Stillleben. Hier wird die Falte zur Geste, der Drapée-Wurf zum Zitat.

Elisa Breyer, Female Rage Archive (Regina), © Elisa Breyer, Courtesy Galerie Roberta Keil and the artist

Elisa Breyer, Female Rage Archive (Regina), © Elisa Breyer, Courtesy Galerie Roberta Keil and the artist

Auf den größten Formaten der Schau, museum of mental load I und II, liegen Fleckenentferner, Haargummis, Nähzeug, Textmarker und Klebeband zwischen den Stoffbahnen wie Reliquien einer unsichtbaren Arbeit. Die Etiketten sind weggemalt, die Marken trotzdem identifizierbar – Breyer weiß, dass Ikonografie heute auch ohne Logo funktioniert, dass eine Flaschenform genügt. Das ist der eigentliche Witz dieser Stillleben: Sie zeigen, was niemand kuratiert, weil es ohnehin niemand sieht. Mental load als Genrebild.

Die Porträts der Schau erzählen derweil vom Leben der Künstlerin und den Szenen am Bildschirm; beide Sphären greifen ineinander, wie es in dieser Generation fast schon zu selbstverständlich geworden ist. In der Female Rage-Serie versammelt Breyer Regina George aus Mean Girls, Maddy Perez aus Euphoria und Laura Palmer aus Twin Peaks – Figuren in Wutmomenten, die ihre prägende Rolle einer ganzen Generation eingeschrieben haben und denen Breyer mit jenem ambivalenten Blick begegnet, den man für Idole entwickelt, aus denen man herausgewachsen ist, ohne sie loszuwerden. Daneben stehen leisere Bilder aus dem Künstlerinnenleben gegriffen, Dalia in the bath etwa, wo Care nicht Pflicht, sondern geteilter Moment ist.

Breyer pendelt sich irgendwo zwischen Kritik und Faszination ein und denkt die eigene Person selbstironisch mit. Carrying Glow trägt die Anstrengung schon im Verb: Glow ist hier kein Zustand, sondern eine Last – und Breyer malt mit, wer sie schultert. Eine erfrischende Ausstellung, die es lohnt, dafür einmal vom Screen ins analoge Bild zu wechseln.

Installationsansicht "Elisa Breyer. CARRYING GLOW", Foto: Toska Schwarzäugl, Courtesy Galerie Roberta Keil and the artist

Installationsansicht "Elisa Breyer. CARRYING GLOW", Foto: Toska Schwarzäugl, Courtesy Galerie Roberta Keil and the artist

Elisa Breyer, Museum of mental load I, © Elisa Breyer, Foto: Toska Schwarzäugl, Courtesy Galerie Roberta Keil and the artist

Elisa Breyer, Museum of mental load I, © Elisa Breyer, Foto: Toska Schwarzäugl, Courtesy Galerie Roberta Keil and the artist

Elisa Breyer, Female Rage Archive (Laura), © Elisa Breyer, Courtesy Galerie Roberta Keil and the artist

Elisa Breyer, Female Rage Archive (Laura), © Elisa Breyer, Courtesy Galerie Roberta Keil and the artist

Elisa Breyer, Female Rage Archive (Cassie), © Elisa Breyer, Courtesy Galerie Roberta Keil and the artist

Elisa Breyer, Female Rage Archive (Cassie), © Elisa Breyer, Courtesy Galerie Roberta Keil and the artist

Installationsansicht "Elisa Breyer. CARRYING GLOW", Foto: Toska Schwarzäugl, Courtesy Galerie Roberta Keil and the artist

Installationsansicht "Elisa Breyer. CARRYING GLOW", Foto: Toska Schwarzäugl, Courtesy Galerie Roberta Keil and the artist

Elisa Breyer, Anna raised me, © Elisa Breyer, Courtesy Galerie Roberta Keil and the artist

Elisa Breyer, Anna raised me, © Elisa Breyer, Courtesy Galerie Roberta Keil and the artist

 



 


ELISA BREYER. CARRYING GLOW

bis 30.05.2026
Galerie Roberta Keil

Mehr Informationen


Installationsansicht "Elisa Breyer. CARRYING GLOW", Foto: Toska Schwarzäugl, Courtesy Galerie Roberta Keil and the artist

Installationsansicht "Elisa Breyer. CARRYING GLOW", Foto: Toska Schwarzäugl, Courtesy Galerie Roberta Keil and the artist

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