Was sagen Tiere über uns? "Animalia" in der Horten Collection

Mit der Ausstellung „Animalia" widmet sich die Horten Collection einem Thema, das die Kunstgeschichte seit Jahrhunderten begleitet und zugleich aktueller denn je erscheint: dem Verhältnis zwischen Mensch und Tier. In einer Zeit, in der Fragen nach Biodiversität, Artensterben und den ethischen Grenzen menschlicher Herrschaft über die Natur zunehmend ins Zentrum gesellschaftlicher Debatten rücken, eröffnet die Schau einen vielschichtigen Blick auf das Tier.
Der Titel verweist auf den Begriff, den der schwedische Naturforscher Carl von Linné (1707–1778) geprägt hat, und stellt damit die Ambivalenz im Verhältnis von Mensch und Natur in den Mittelpunkt. Linné entwickelte die bis heute gültige binäre Nomenklatur zur Bestimmung der Arten. Aus Sicht der Naturwissenschaftler:innen seiner Zeit war eine solche Klassifikation tatsächlich ein Desiderat. Durch Entdeckungsreisen, die europäischen Kolonien in Übersee und den globalen Austausch der Wissenschaftler:innen wurden in Fauna und Flora seit dem 16. Jahrhundert immer neue Arten entdeckt. Linné entwickelte mit dem „Systema naturae" ein logisches und übersichtliches Ordnungssystem, das sich vor allem in der Botanik bewährte. Nur wenige, klar erkennbare und abzählbare Kennzeichen – die Blütenform, die Zahl der Staubblätter, der Sitz des Fruchtknotens und einige andere – reichten nun aus, um die Zugehörigkeit einer Art zu einer Gattung, Ordnung oder Klasse eindeutig zu bestimmen. Lange, beschreibende Artbezeichnungen waren damit überflüssig, da durch den Gattungsnamen die Position einer Art im Gesamtsystem definiert war.
Ein Beispiel: Die Rote Johannisbeere hieß beim Basler Botaniker Caspar Bauhin noch „Grossularia, multiplici acino: seu non spinoso hortensis rubra, seu Ribes officinarum" – im System von Linné schlicht „Ribes rubrum".
Mit Linnés System begann eine neue Epoche der naturkundlichen Forschung, die das Suchen nach neuen Arten förderte und genügend Möglichkeiten zur weiteren Differenzierung bot. Unsere heutige Kenntnis von der Artenvielfalt auf dem Planeten – und letztlich auch von der Bedrohung dieser Artenvielfalt – wäre ohne das System Linnés schlicht nicht vorstellbar. Doch erfasst es weder die ontologischen Zusammenhänge mit der übrigen Natur und dem Menschen noch die über die Form hinausgehenden Eigenschaften einer Pflanze. Das „Systema naturae" spiegelt die Weltvorstellung der Aufklärungsepoche: Die Seinssphären des Menschen und der Natur sind hier getrennt. Der Mensch steht in seinem eigentlichen Wesen außerhalb des Systems der Natur – eine Trennung, die in der Diskussion um einen neuen Naturbegriff in den letzten Jahrzehnten zunehmend in Frage gestellt wurde. Genau hier setzt die Ausstellung an.

François-Xavier Lalanne, Singe Avisé (très grande), 2005/2008 Heidi Horten Collection, © Bildrecht Wien, 2026
Das Tier als Projektionsfläche
In der Schau „Animalia" stehen weniger die Pflanzen als vor allem die Tiere im Mittelpunkt. Die ausgestellten Werke versammeln unterschiedliche künstlerische Positionen und Epochen, die eines gemeinsam haben: Sie zeigen, dass Tiere in der Kunst naturgemäß nicht aus der Perspektive der Naturwissenschaft gesehen werden. Vielmehr fungieren sie als Projektionsflächen für menschliche Wünsche, Ängste und Vorstellungen. Mal erscheinen sie als Sinnbilder von Freiheit, Stärke oder Verletzlichkeit, mal als Begleiter:innen des Menschen, mal als fremde Wesen, deren Eigenständigkeit sich jeder vollständigen Aneignung entzieht.
Besonders überzeugend ist die Offenheit, mit der die Ausstellung verschiedene Perspektiven nebeneinanderstellt. Das Tier wird nicht auf eine einzige Bedeutung reduziert, sondern erscheint in einer Vielzahl von Rollen. Zwischen naturalistischer Beobachtung und symbolischer Überhöhung, zwischen Nähe und Distanz entfaltet sich ein spannungsreicher Dialog über die Grenzen menschlicher Wahrnehmung. Viele Werke verdeutlichen, wie eng die Geschichte der Kunst mit dem Versuch verbunden ist, das Nicht-Menschliche sichtbar und verstehbar zu machen.
Zwischen Reflexion und Inszenierung
Gleichzeitig wirft „Animalia" Fragen auf, die über die ästhetische Betrachtung hinausreichen. Die Ausstellung bewegt sich auf einem schmalen Grat zwischen kritischer Reflexion und der traditionsreichen Inszenierung des Tieres als Objekt menschlicher Imagination. Gerade dort, wo Tiere vor allem als Metapher für menschliche Zustände erscheinen, bleibt ihre eigene Existenz häufig im Hintergrund. Die Perspektive des Menschen dominiert weiterhin die Erzählung.
Hier liegt eine der interessanten Ambivalenzen der Schau. Zwar verweist sie implizit auf aktuelle ökologische und ethische Herausforderungen, doch diese Dimension hätte stellenweise noch stärker herausgearbeitet werden können. Angesichts der Dringlichkeit gegenwärtiger Umweltkrisen stellt sich die Frage, ob eine Ausstellung über Tiere heute noch allein bei ihrer kulturellen und ikonografischen Bedeutung stehen kann.

Ausstellungsansicht Animalia, 2026, Foto: Simon Veres © Heidi Horten Collection
Sammlung und kuratorische Handschrift
Die Auswahl der Werke folgt den Schwerpunkten der Sammlung, an der sich auch die kuratorische Konzeption orientiert. Leihgaben aus dem Belvedere, dem mumok sowie von privaten Sammler:innen ergänzen die Schau, die von den Kuratorinnen Véronique Abpurg und Annkathrin Weber gestaltet wurde. Dadurch entstehen interessante Gegenüberstellungen; zugleich fehlen manche zeitgenössischen Positionen, die das Verhältnis von Mensch und Tier neu denken.
Zu Beginn begrüßt der monumentale Bronze-Gorilla „Singe Avisé (très grand)" von François-Xavier Lalanne die Besucher:innen. Die Skulptur – ein persönlicher Favorit von Heidi Horten – bewegt sich zwischen Schutzfigur, Sammlerobjekt und anthropomorpher Projektion. Ebenso zu sehen sind Werke von Roy Lichtenstein, Marc Chagall, Andy Warhol und Damien Hirst; vor allem aber überzeugt die Vielfalt jüngerer Künstler:innen mit qualitätsvollen Arbeiten, wodurch sich ein Bogen von der klassischen Moderne bis zur Gegenwart spannt.

Ausstellungsansicht Animalia, 2026, Foto: Simon Veres © Heidi Horten Collection
Die Kritik mancher Berichterstattung – darunter Wolfgang Paterno im profil vom März 2026, der bemängelte, die Schau funktioniere trotz ihrer Bezugnahme auf aktuelle Diskurse über Artensterben, Ausbeutung und Mitgeschöpflichkeit letztlich als hochkarätige „Best-of"-Präsentation der Sammlung, wobei die Fülle prominenter Namen den theoretischen Anspruch gelegentlich überstrahle – wird der gut kuratierten Ausstellung nicht gerecht.
Ein Spiegel unserer Weltwahrnehmung
„Animalia" gelingt etwas Wesentliches: Die Ausstellung erinnert daran, dass Tiere nicht nur Teil unserer Umwelt, sondern auch Teil unseres kulturellen Selbstverständnisses sind. Sie zeigt, wie tief die Begegnung mit dem Anderen – dem nicht-menschlichen Gegenüber – in der Kunst verankert ist. Gerade in ihrer Vieldeutigkeit eröffnet die Schau Räume für Reflexion und Diskussion sowie eine Vielfalt von Bedeutungsebenen. So möchte die Ausstellung mit der Dominanz, Projektion und Instrumentalisierung brechen, die unser Verhältnis zur Tierwelt und zur Natur im Allgemeinen prägen, und diese Hierarchie konsequent in Frage stellen: Nicht der Mensch steht im Zentrum, sondern die Praxis, wie er mit dem Tier umgeht. Wer sich auf die von den Kuratorinnen gestellten Fragen und geschickten Gegenüberstellungen einlässt, entdeckt in „Animalia" weit mehr als eine Sammlung tierischer Darstellungen: eine Untersuchung darüber, wie wir Menschen die Welt betrachten – und welche blinden Flecken dabei sichtbar werden.
ÜBRIGENS:
Behind the Scenes des Ausstellungsaufbaus von "Animalia" sehen Sie in
unserem PARNASS PLAUSCH mit Verena Kaspar-Eisert, Direktorin der Heidi Horten Collection – jetzt auf unserem Instagram-Kanal!

Matthias Garff, Insektenkasten (Mexiko IV), 2023 © der Künstler

