Ein Atelierbesuch in Paris

Warum Eva Nielsen den Prix Marcel Duchamp verdienen würde

Eva Nielsen in ihrem Studio, Foto: Matthieu Delbreuve

Am 23. Oktober 2025 wird der renommierte Prix Marcel Duchamp verliehen. Eine der vier Nominierten für den diesjährigen Prix, steht Eva Nielsen für einen neuen Umgang mit der Erosion der Bilder. Verschlissen, abgetragen und zu Staub zerstoben, finden fotografische Fragmente in ihren großen Leinwänden neue Formationen. Eine Geologie der Malerei unterm Eindruck des Klimawandels.


 

"Mir geht es nicht um Figuration oder Landschaftsdarstellung, sondern um den Einschnitt, den Riss“, sagt Eva Nielsen im fleckigen Arbeitskittel, deutet auf eine der beiden großen Leinwände, an denen sie gerade arbeitet, „ich suche, was dem Wiedererkennen entgeht, wodurch ein veränderter Blick auf die Welt möglich wird.“

Wie projizieren wir uns in die Welt? Und wie werden wir von dieser zurückgestoßen! Um diese Landschaft geht es. Und um deren Ruine.

Eva Nielsen

Während sie Kaffee vorbereitet, schaue ich mich um: wir sind in einem schönen, lichten neuen Künstler-Atelier, in einem Neubau gleich hinter der Neuen Nationalbibliothek im komplett neu entstandenen Viertel Tolbiac im Südosten von Paris. Organisiert-unordentlich stehen Farbtöpfe herum, Haufen von Papierabschnitten, Holzleisten, Leinwandrollen. Auf einer schmalen Wand sind Entwürfe und Ausschnitte angeheftet.
Fotos von Munch, Bonnard, David Bowie wechseln sich mit Bildern ab, die aus Familienalben stammen könnten. Ein Bild auf Papier ist ganz zerfressen, als habe sie es aus dem Müll gezogen, man erkennt noch ein Waldstück, darüber eine Schwarzweiß-Abbildung eines Planeten auf Folie, das Ganze grob mit Pack-Band auf die Wand gepinnt. Das Universum der Künstlerin entfaltet sich zwischen Erinnerungsbildern, deren Materialität – und deren Zerfall.

Eva Nielsen in ihrem Studio, Courtesy of Galerie Peter Kilchmann

Eva Nielsen in ihrem Studio, Courtesy of Galerie Peter Kilchmann

Die beiden großen Leinwände, vor denen wir nun stehen, sind noch unfertig, man erkennt Landschaften, Himmelskörper. „Die werde ich in der Hermès-Stiftung in Brüssel während meiner kommenden Solo-Ausstellung dort zeigen,“ erklärt sie. Nur eine von vielen Ausstellungen dieser international gefragten Künstlerin. Vertreten wird die 42-jährige von der Schweizer Galerie Peter Kilchmann. „Vielleicht zeige ich es auch zum Prix Duchamp, was meinst Du?“ Die überraschende Frage zeigt eine ihrer Qualitäten: sie ist offen für die Ansichten der Anderen. Eine Künstlerin, der man vertraut, der man gern zuhört. Sie redet schnell, klar, kommt rasch zum Punkt, ist dabei nie oberflächlich. Zugleich weiß sie genau, was sie tut und was sie will. Und, dass dieser höchste französische Kunstpreis noch viel von ihr abverlangen wird.

Auf der einen großen Leinwand, vor der sie jetzt breitbeinig steht, bildet eine Art Knochen einen großen Kreis, der sie fast einschließt. Dahinter breitet sich eine Landschaft aus. Rasch gemalt, grobe Pinselstriche, Spritzer, in den Farben eher prall, wie man Landschaft in einem Kinderbuch malen würde – ein Kontrast zu dem fotografisch wirkenden Knochenrund.

„Im zweiten Jahr meines Bachelor-Studiums an den Beaux-Arts in Paris, das war so 2008, habe ich Siebdruck für mich entdeckt,“ erklärt sie, „Alfred Stieglitz, Gerhard Richter, Sigmar Polke waren damals wichtig für mich. Der Siebdruck wurde zum Schlüsselwerkzeug für mich, um die Malerei mit der Materialität des Bildes zu artikulieren.“ Damals wurde Rauschenberg, dessen Arbeit an der Schnittstelle zwischen Objekt und Bild, dessen Auseinandersetzung mit der symbolischen Ladung fotografischer Bilder, Anknüpfungspunkt.

Ausstellungsansicht Eva Nielsen, Aster, La Verrière – Fondation d’entreprise Hermès, Brüssel, Courtesy of the artist and La Verrière – Fondation d’entreprise Hermès, Foto: Isabelle Arthuis

Ausstellungsansicht Eva Nielsen, Aster, La Verrière – Fondation d’entreprise Hermès, Brüssel, Courtesy of the artist and La Verrière – Fondation d’entreprise Hermès, Foto: Isabelle Arthuis

„Im St. Martins-College in London habe ich dann den Siebdruck auf die Leinwand gebracht, wie hier“ sie deutet auf das Knochengebilde. Und jetzt erst wird ganz sichtbar, dass dieser Teil auf die Leinwand gedruckt ist. Das eine, das fotografische Bild, erscheint durch die Vergrößerung fast abstrakt. Es ist mit der Malerei so kombiniert, dass die Elemente ineinander übergehen, einen neuen Raum bilden. Das Hybride, der Übergang von Figuration zu Abstraktion sei schon immer in ihrer Arbeit präsent gewesen, sagt sie: „Transfer und Projektion sind im Arbeitsprozess sehr wichtig,“ fährt sie konzentriert fort, „während ich arbeite, vergesse ich völlig die Darstellung, das, was abgebildet wird. Manchmal male ich auf dem Boden, über Kopf, wie Baselitz.“ Der inzwischen 87-jährige deutsche Maler der jungen Wilden wird oft in Paris ausgestellt und wirkt bei den Jungen weiter. Nicht unbedingt in den Motiven, eher in seiner Bildbehandlung.

„Vielleicht ist das mein nordischer Anteil, die vielen Besuche in Dänemark, jedenfalls ist Landschaft im Zentrum meiner Arbeit,“ sagt Nielsen. Eine transzendentale Landschaft, könnte man sagen, eine, die die Bedingungen ihrer Möglichkeit im Bild mit reflektiert. Es gehe um das Genre Landschaft, stimmt sie zu, das in der Kunstgeschichte nur von wenigen Frauen bearbeitet wurde. „Ich arbeite an der Kante dieses Raumes, in den man sich hineinversetzen kann und von dem man zugleich zurückgewiesen wird. Wie projizieren wir uns in die Welt? Und wie werden wir von dieser zurückgestoßen! Um diese Landschaft geht es. Und um deren Ruine.“

Gefragt, was sie damit meine, spricht sie von ihrer Reise nach Detroit im Jahr 2008, vom Erhabenen als „Verschiebung“, von der Gegenwart, den Ängsten in Bezug auf den Klimawandel, und von Erosion, einer Erosion der Bilder, der sie auf der Spur sei.

Sie öffnet das Fenster. Auf einem wild bewachsenen Vordach liegen ausgedruckte Bilder im Regenwasser, das sich dort angesammelt hat, sind teils mit Moos und Algen überwachsen. „So wie wir heute Landschaften verlieren, so verlieren wir auch die Bilder der Landschaften,“ erklärt sie nachdenklich, „das ist ein Ruin und die Bilder sind Ruinen.“ Malt sie nostalgisch dem Verlust nach? Eva Nielsen lacht, ein offenes, fröhliches Lachen. „Nein, Nostalgie interessiert mich nicht. Ich will dazu einladen, sich mit den Bildern zu verbinden, durch sie hindurch eine neue Wirklichkeit zu sehen.“ Seit sie 1983 im Pariser Vorort Les Lilas als Tochter eines Dänen und einer Französin geboren wurde, begleiten Bilder ihren Alltag. Nicht nur, wie bei uns allen, die Bilder, die sich durch Bildschirme und Druckmedien um uns herum aufgetürmt haben wie Gebirge. Sondern auch die, welche innerhalb solcher geologischen Formationen Gold- und Edelstein-Adern bilden, Bilder der Kunst.

Ausstellungsansicht Eva Nielsen, In Between, Kunsthaus Baselland, Basel, Switzerland, 2024, Courtesy of the artist and Kunsthaus Baselland, Foto: Gina Folly

Ausstellungsansicht Eva Nielsen, In Between, Kunsthaus Baselland, Basel, Switzerland, 2024, Courtesy of the artist and Kunsthaus Baselland, Foto: Gina Folly

So wie wir heute Landschaften verlieren, so verlieren wir auch die Bilder der Landschaften.

Eva Nielsen

„Mein Vater war Maler,“ erzählt sie, „er kam 1975 aus Dänemark nach Paris, um an den Beaux-Arts ein Postdiplom zu machen.“ Sie hält kurz inne, ein Lächeln huscht über ihr Gesicht, „da hat er wohl kaum ahnen können, dass seine Tochter dort einmal Professorin sein wird.“ Seit 2023 ist Eva Nielsen Atelierchefin an dieser renommierten Kunsthochschule. Ihr Vater, fährt sie fort, habe dort vor allem Druckgrafik gelernt und weiterentwickelt. „Das war in meiner Jugend sehr präsent, er hat mir sehr viel beigebracht.“
Man merkt, dass sie kein Problem damit hat, als Tochter in die Fußstapfen des Vaters getreten zu sein. „Schon mein Großvater, der als Drehfräser arbeitete, war Sonntagsmaler. Mein Vater brannte für seine Kunst, war aber sehr schüchtern.“ Das prekäre Künstlerleben habe sie abgeschreckt, fährt sie fort und nimmt die gurgelnde Espressokanne von der kleinen Herdplatte in einem Winkel des Ateliers. „Zuviel Vereinnahmung, zu viele Geldsorgen,“ sagt sie und zieht die Augenbrauen zusammen, „nicht etwa, dass ich mit dem Studium der Geschichte und Literatur an der Universität Paris 3 Aussichten als Großverdienerin gehabt hätte,“ lacht sie wieder.

Die Kunst sei dann im Studium einfach so gekommen, sie habe einfach aufgehört, sie zurückzudrängen. Ihren Studierenden sage sie immer, ergänzt die Künstlerin ernst, sie sollten nicht so viel über die Botschaft ihrer Bilder nachdenken: „Kunstschaffende sind Seiltänzer, müssen Bedingungen schaffen, in denen etwas entstehen kann.“ Es gibt viele Motive von Wäldern, von Fels-Formationen abbröckelnden Wänden in ihren Arbeiten. Sie wechseln sich ab mit persönlichen Fotografien, teil gefundenen, teils aus dem eigenen Familienalbum entnommenen Fotografien von Menschen, die meist in der Unschärfe verschwimmen. Für „Estrand IV“ hat sie 2024 einen fotografierten Sonnenuntergang zerknüllt, dann mit Acryl, Tinte, Aquarell überarbeitet. Es ist, als werke sie an der Entfernung des Weltbildes, wie wir es kennen. Ohne Weltschmerz oder Katastrophen-Rhetorik. Eher mit der angespannten Neugierde einer Künstlerin, die dem auf der Spur ist, was kommt – und wie es sich darstellen lässt.

Eva Nielsen, Lucite (They VI), 2023, Acrylic, ink, transfer print on canvas, 190 x 140 cm, Courtesy of the artist and Galerie, Peter Kilchmann, Zurich/Paris

Eva Nielsen, Lucite (They VI), 2023, Acrylic, ink, transfer print on canvas, 190 x 140 cm, Courtesy of the artist and Galerie, Peter Kilchmann, Zurich/Paris

Über den Preis

Mit 90.000 Euro dotiert, ist der Prix Marcel Duchamp der renommierteste Preis für zeitgenössische Kunst in Frankreich. Er wird jedes Jahr von der ADIAF verliehen, um die Produktion zeitgenössischer Kunst von Künstler:innen auszuzeichnen, die französisch sind oder in Frankreich leben. 2025 sind Bianca Bondi, Eva Nielsen, Lionel Sabatté und Xie Lei nominiert.

Ausstellungsansicht Eva Nielsen, Alluvion, Abbaye, Royale de Fontevraud, France, 2025, Courtesy of the artist and Abbaye, Royale de Fontevraud, Foto: Bruno Calendini

Ausstellungsansicht Eva Nielsen, Alluvion, Abbaye, Royale de Fontevraud, France, 2025, Courtesy of the artist and Abbaye, Royale de Fontevraud, Foto: Bruno Calendini

Ausstellungsansicht Eva Nielsen, Insolare, Three Shadows, Xiamen, China, 2025, Courtesy of the artist, © Three Shadows Xiamen Photography Centre

Ausstellungsansicht Eva Nielsen, Insolare, Three Shadows, Xiamen, China, 2025, Courtesy of the artist, © Three Shadows Xiamen Photography Centre

Eva Nielsen, Insula III, 2024, Silkscreen on organza on acrylic, oil and ink on leather, 70 x 50 cm, Courtesy of the artist and Galerie, Peter Kilchmann, Zurich/Paris

Eva Nielsen, Insula III, 2024, Silkscreen on organza on acrylic, oil and ink on leather, 70 x 50 cm, Courtesy of the artist and Galerie, Peter Kilchmann, Zurich/Paris

Eva Nielsen, Scope VII, 2023, Oil, silkscreen and organza on canvas, 180 x 130 cm, Courtesy of the artist and Galerie, Peter Kilchmann, Zurich/Paris

Eva Nielsen, Scope VII, 2023, Oil, silkscreen and organza on canvas, 180 x 130 cm, Courtesy of the artist and Galerie, Peter Kilchmann, Zurich/Paris

Eva Nielsen: Vincent Ferrane

Eva Nielsen: Vincent Ferrane

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