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Vom Schlachthof zum Ausstellungsraum

Plato Contemporary Art Gallery, Ostrava, Tschechien, Foto: Jakub Certowicz, Juliusz Sokołowski

Ein verfallener Schlachthof, eine hart gezeichnete Industriestadt und die Vision, Kunst im Herzen Ostravas sichtbar zu machen: Die Plato City Gallery hat ein Industriedenkmal in einen lebendigen Kulturort verwandelt, ohne seine raue Vergangenheit zu glätten. Ein einzigartiger Umbau, der Denkmalpflege, Architektur und Stadtentwicklung zusammenführt.


 

Industrieerbe im Umbruch

Seit ihrer Gründung zählt die Plato City Gallery in Ostrava zu den wichtigsten Institutionen für zeitgenössische Kunst in Mitteleuropa. 2022 zog sie in den umgebauten städtischen Schlachthof, ein Projekt, das 2024 Finalist des Mies-van-der-Rohe-Preises war. Für Ostrava, einst ein Zentrum der Schwerindustrie, markiert dies einen Meilenstein im Wandel: Der Steinkohleabbau endete 1994, die Eisenproduktion 1998. Seither prägt die Frage nach der Weiternutzung der Industriegebäude Stadtpolitik und Denkmalschutz.

Plans for new pork slaughterhouse building - side elevation, 1902

Plans for new pork slaughterhouse building - side elevation, 1902

Der städtische Schlachthof entstand im Zentrum der Stadt, nahe der 1871 eröffneten Bahnlinie nach Frýdlant. Der älteste Teil, ein schlichtes Backsteingebäude, stammt aus dem Jahr 1891. Es folgte ein neuer Schweineschlachthof nach Plänen von Anton Möller aus Varnsdorf, geprägt von reich gegliederten späthistoristischen Fassaden. In den 1920ern ergänzte der Berliner Architekt Walter Frese einen modernistischen Anbau.
Nachdem der Schlachthof 1965 in den Westen der Stadt verlegt wurde und Teile des Kühlhauses aus baulichen Gründen abgerissen werden mussten, verkaufte die Stadt 1995 das Gelände mitsamt Denkmalschutzobjekten an die Baumarktkette Bauhaus. Sanierungspläne verliefen jedoch im Sande und der Schlachthof verfiel weiter.

Konzept der Öffnung

Erst mit dem Rückzug des Unternehmens aus Ostrava konnte die Stadt 2016 das Areal zurückkaufen. Neben den historischen Gebäuden erwarb sie auch das Baumarktgebäude, das 2018 zum provisorischen Sitz der Plato City Gallery wurde – ein ungewöhnliches Beispiel für die temporäre Nutzung eines solchen Bauwerks.
2017 lobte die Stadt einen Wettbewerb für den Umbau der denkmalgeschützten Teile aus. Der erste Preisträger, der Prager Architekt Petr Hájek, konnte sich nicht mit der Stadt einigen. Schließlich übernahm Robert Konieczny (KWK Promes, Katowice) das Projekt. Sein drittplatzierter Entwurf setzte auf ein prägnantes Element: Die Außenhaut der Galerie bewahrt die ruinöse, rußgeschwärzte Backsteinfassade als lebendige Erinnerung an Ostravas Industriegeschichte, lediglich ergänzt durch sorgsam patinierte Ziegel, die aus Abbruchmaterial rekonstruiert wurden. Die großflächigen Öffnungen, die einst das Schlachthofgebäude durchbrachen, bleiben sichtbar, nicht verschlossen: Heute werden sie für massive, weiße Tore aus Microzement und Stahl genutzt. Indem sich diese drehen, öffnen sie die Galerieräume, um Kunst buchstäblich hinaus in den Stadtraum zu tragen. Diese „Plombierungen“ nehmen die historische Fassadenstruktur auf und verleihen dem Ensemble eine neue Dynamik, die den starren Denkmalschutzgedanken um eine partizipative Dimension ergänzt.

Plato Contemporary Art Gallery, Ostrava, Tschechien, Foto: Jakub Certowicz, Juliusz Sokołowski

Plato Contemporary Art Gallery, Ostrava, Tschechien, Foto: Jakub Certowicz, Juliusz Sokołowski

Die Außenhaut der Galerie bewahrt die ruinöse, rußgeschwärzte Backsteinfassade als lebendige Erinnerung an Ostravas Industriegeschichte [...].

Die neuen Fassadenelemente bestehen aus filigranen Stahlrahmen mit dämmenden Blechtafeln und einer hellen Mikrobeton-Oberfläche. Sie sind außen rau und innen glatt: ein bewusster Kontrast zur texturierten Backsteinruine. Keramisch bedruckte Glasflächen, die das Licht für die Ausstellungsräume dosieren, verleihen den rahmenlosen Verglasungen eine matte, dunkle Optik. Somit bleibt die historische Erscheinung erhalten, während moderne Funktionen und Raumerlebnisse Teil des Konzepts werden – eine Fassade zwischen Bewahren und Weiterdenken.
Während andere Wettbewerbsentwürfe diese Durchbrüche schlicht verschlossen, machte Konieczny sie zum Prinzip der Dynamisierung und „Demokratisierung“ der Architektur, inspiriert von einer Idee des französischen Architekten Edouard François.
 

Patina statt Perfektion

Das Projekt legt großen Wert auf Materialwirkung und Farbigkeit. Fehlende Ziegel wurden durch passende Formate ersetzt und patiniert, Fugenmörtel in einem rußgrauen Ton gefärbt, eine Hommage an das industriell geprägte Ostrava. Rahmenlose Glasflächen erhielten per Siebdruck eine matte Struktur, um sich harmonisch ins Gesamtbild einzufügen. Dass die Innenräume dem White-Box-Prinzip folgen, dient nicht nur für Ausstellungszwecke, sondern ist auch ein bewusster Verweis auf die weiß gekalkten Innenflächen der historischen Schlachthöfe. Der markanteste Raum ist die ehemalige Schweineschlachthalle mit ihren gusseisernen Säulen aus den Vítkovice-Werken. Besonders atmosphärisch wirkt jedoch der schmale Treppenraum zwischen historischen Fassaden, einst ein offener Hof.

Plato Contemporary Art Gallery, Ostrava, Tschechien, Foto: Jakub Certowicz, Juliusz Sokołowski

Plato Contemporary Art Gallery, Ostrava, Tschechien, Foto: Jakub Certowicz, Juliusz Sokołowski

Die Galerie umfasst heute Ausstellungs-, Büro- und Kommunikationsflächen, ein Café und einen neuen Saal an Stelle des abgerissenen Südflügels. Lagerflächen und ein geplanter Vortrags- und Gemeinschaftsraum im ersten Obergeschoss befinden sich noch im Ausbau. Nicht umgesetzt wurden ein rekonstruierter Holzturmaufsatz und eine geplante Außenplattform für Kunst. Stattdessen entstand ein Permakulturgarten, der das Areal zum Quartier öffnet und Begegnungen ermöglicht. Damit wird die Plato City Gallery nicht nur zu einem Ort für zeitgenössische Kunst, sondern auch zu einem Raum, der die industrielle Vergangenheit reflektiert und gleichzeitig Impulse für eine zukunftsfähige Stadtgesellschaft gibt.
Gerade im Zusammenspiel von Denkmalschutz und zeitgenössischer Architektur setzt dieses Projekt einen neuen Akzent. Statt die historische Substanz zu restaurieren und zu „vollenden“, bleibt ihre Unvollkommenheit sichtbar und wird durch prägnante neue Fassadenelemente ergänzt. So wird der Denkmalschutz nicht als statische Bewahrung verstanden, sondern als offener Prozess, der die Spuren der Vergangenheit mit den Anforderungen der Gegenwart verbindet und damit eine neue, dialogische Lesart historischer Gebäude ermöglicht.

Plato Contemporary Art Gallery, Ostrava, Tschechien, Foto: Jakub Certowicz, Juliusz Sokołowski

Plato Contemporary Art Gallery, Ostrava, Tschechien, Foto: Jakub Certowicz, Juliusz Sokołowski

Dieser Artikel stammt aus der architektur.aktuell-Ausgabe "Raum für Haltung".
architektur.aktuell erscheint gemeinsam mit PARNASS im Medecco Verlag.

Plato Contemporary Art Gallery, Ostrava, Tschechien, Foto: Jakub Certowicz, Juliusz Sokołowski

Plato Contemporary Art Gallery, Ostrava, Tschechien, Foto: Jakub Certowicz, Juliusz Sokołowski

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