"Die Messe soll ein sinnlicher Ort sein"

viennacontemporary unter neuer Leitung

Abaseh Mirvali, Foto: Ana Hop

Ein Gespräch mit Abaseh Mirvali über ihr erstes Jahr als Direktorin der viennacontemporary, neue Allianzen und einen Kulturbegriff, der mehr will als nur Markt.


 

PARNASS : Frau Mirvali, Sie haben heuer die künstlerische Leitung der viennacontemporary übernommen. Sie hatten nur wenige Monate Zeit, um der Kunstmesse Ihren Stempel aufzudrücken. Wie war Ihr Einstieg?
ABASEH MIRVALI:
Es war intensiv, aber auch ungemein bereichernd. Ich bin direkt in eine Situation eingestiegen, in der viel in Bewegung war: wirtschaftlich, strukturell, auch emotional. Die Kunstwelt steht international unter Druck und Wien ist davon nicht ausgenommen. Gleichzeitig habe ich hier eine beeindruckende Offenheit erlebt. Viele Menschen, von Galerist:innen über Kurator:innen bis hin zu Sammler:innen haben mich sehr herzlich empfangen und sofort das Gespräch gesucht. Das hat mir gezeigt, dass es hier ein echtes Bedürfnis nach Veränderung, Dialog und mehr Internationalität und Zusammenarbeit gibt.

Für mich ist eine Messe kein rein kommerzieller Ort, sondern ein Ort des Austauschs, der Reflexion und der Öffentlichkeit.

Abaseh Mirvali

P: Sie sprechen von einem kuratorischen Ansatz für die Kunstmesse. Was bedeutet das konkret für die viennacontemporary?
AM:
Ich habe mein ganzes Berufsleben in Institutionen verbracht, als Kuratorin und Museumsdirektorin. Diese Perspektive bringe ich mit. Daher haben wir in diesem Jahr alle kuratierten Sektionen, also ZONE1, Context und das Statement-Projekt der Erste Foundation, gemeinsam mit starken, eigenständigen Kurator:innen neu gedacht. Die Arbeit mit Marcella Beccaria, Sam Ozer und Aliaksei Barysionak war dabei zentral. Wir haben nicht einfach Programme eingekauft, sondern Prozesse aufgebaut.

Abaseh Mirvali, Foto: Ana Hop

Abaseh Mirvali, Foto: Ana Hop

P: Sie haben die Emerging-Section ausgebaut. Soll es künftig mehr um junge Galerien gehen?
AM: A
bsolut. Wir haben dieses Jahr 35 junge Galerien eingeladen, das ist der größte Bereich der Messe. Für mich ist das ein Statement. Und das mit internationaler Reichweite. Mit einem Anteil von 45 Prozent kommt fast die Hälfte aller an der viennacontemporary teilnehmenden Galerien aus Mittel- und Osteuropa, ergänzt durch starke Positionen aus Mexiko, Südkorea oder Frankreich. 

P: Wie sieht es mit den etablierten internationalen Galerien aus? Das ist ein Bereich, der in Wien oft als Schwachstelle gesehen wird.
AM:
Mein Ziel war es, mit klarer inhaltlicher Handschrift zu zeigen, wohin die Reise geht. Internationaler, mutiger, besser vernetzt. Einige große Galerien konnten dieses Jahr noch nicht teilnehmen, aus Zeitmangel oder wegen wirtschaftlicher Unsicherheiten. Aber fast alle haben den Dialog gesucht und signalisiert, dass sie 2026 dabei sein möchten. Vertrauen entsteht durch Haltung und Kontinuität. Beides bauen wir jetzt auf.

Wir setzen auf Vielfalt, aber auch auf Qualität und kuratorische Schärfe.

Abaseh Mirvali

P: Sie haben auch angekündigt, mehr auf Kooperationen setzen zu wollen. Wie kommen Sie damit voran?
AM:
Ich habe viele der Museen, Off-Spaces und Kulturinstitutionen persönlich besucht und gefragt: Was brauchen Sie? Wie können wir gemeinsam arbeiten? Das reicht von Pressereisen über kuratorische Gespräche bis hin zu langfristigen Projektideen. Auch mit neuen Partnern wie dem Residency-Projekt PART oder der Kunsthalle Wien stehen wir in engem Austausch. Für mich ist klar, dass die viennacontemporary nicht isoliert gedacht werden darf. Sie muss Teil eines kulturellen Ökosystems sein. Und das bedeutet echte Beziehungen, nicht nur Logos auf einem Plakat.

P: Im Vorjahr war das Messelayout nicht sehr geglückt. Wird das Setting überarbeitet?
AM:
Ja. Wir arbeiten mit dem Architekturbüro von Claudia Cavallar, die unter anderem für das MAK gearbeitet hat und die Museografie des FRANZ JOSEFS KAI 3, Contemporary Art Space verantwortet. Gemeinsam haben wir ein offenes, dynamisches Raumkonzept entwickelt, mit besserer Orientierung, mehr Aufenthaltsqualität, spannenden Übergängen zwischen den Sektionen und neuen Food-Konzepten. Die Messe soll ein sinnlicher Ort sein, auch das gehört zur Kultur: Begegnung, Genuss, Austausch.

P: Was braucht Wien, um im internationalen Kunstmarkt wieder stärker wahrgenommen zu werden?
AM:
Mut und Selbstbewusstsein. Wien hat ein kulturelles Kapital, um das es viele Städte beneiden. Aber oft fehlen die Bündelung, die Sichtbarkeit und das Selbstbewusstsein. Ich sehe meine Aufgabe darin, das Potenzial dieser Stadt sichtbar zu machen, ohne lautes Marketing, sondern mit Substanz und Haltung. Die viennacontemporary soll nicht Basel oder Turin kopieren. Sie soll zeigen, was Wien kann. Und das ist eine ganze Menge.

viennacontemporary 2024, Foto: kunst-dokumentation.com

viennacontemporary 2024, Foto: kunst-dokumentation.com

 

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