Verflochtene Systeme im NKW Wien

Ausstellungsansicht "Weaving the Present", 2026, © Neuer Kunstverein Wien, Foto: Lorenz Kunath

Fäden gehören zu den frühesten Trägern von Bedeutung: Kunst und Tradition – zugleich Symbol globaler Handelsstrukturen. In der Ausstellung „Weaving the Present“ ist Weben nicht nur Handwerk, sondern ein Strukturmodell, das die Trennung von Technik und Material ebenso infrage stellt wie jene zwischen Ost und West.


Der Neue Kunstverein Wien feiert mit einer frischen Ausstellung seine Übersiedlung an die neue Location im DOCKS im 3. Wiener Bezirk. Hier werden Materialien und kulturelle Bedeutungen miteinander verwoben, traditionelle Techniken treffen auf digitale Technologien im transkontinentalen Dialog zwischen Shanghai und Wien. Die neue Ausstellungsfläche im modernen Wohnviertel lädt zum Austausch ein und macht Kunst junger Künstler:innen unmittelbar erlebbar.
 

Unterschiedliche kulturelle Kontexte treten nicht gegeneinander an, sondern werden als miteinander verwobene Strukturen sichtbar.

Dora Filo


Der Raum lenkt den Blick sofort auf Materialität: Große Glasfenster öffnen ihn nach außen, während bewusst ungeputzt belassene Wände die Haptik der Werke betonen. Gleich beim Betreten fällt ein Holzbalken auf, bedeckt von bunten Textilhänden (sharing Life with 44 Hands, 2026) – fast eine wörtliche Setzung von „Handarbeit“.
Daneben hängt eine mit Kristallen überzogene Collage aus Teppichfragmenten der Türkei, Afghanistans und dem Iran (Feels like Water, 2025/26). Noushin Redjaian knüpft in diesen Arbeiten an ihre familiäre Herkunft aus der Teppichproduktion: Fragmente werden neu verbunden und Reste aufgewertet – eine ästhetische Geste gegen Verschwendung.

Arbeit von Noushin Redjaian, Ausstellungsansicht "Weaving the Present", 2026, © Neuer Kunstverein Wien, Foto: Lorenz Kunath

Arbeit von Noushin Redjaian, Ausstellungsansicht "Weaving the Present", 2026, © Neuer Kunstverein Wien, Foto: Lorenz Kunath

Historisch zwischen Handwerk und industrieller Produktion verortet, steht Weben für Kontinuität und Wissenstransfer. Gefertigt mithilfe der traditionellen Xiabu-Technik verbindet Wanbing Huangs Arbeit (Plenitude and Decline Series, 2025) Natur, Spiritualität und kulturelles Wissen. In den ineinander verwobenen Kreisen werden Fäden als Zeitzeugen einer über Generationen fortdauernden Praxis erfahrbar. Auch bei Li Li Ren bleibt menschliche Präsenz im Material eingeschrieben: Handfragmente aus Kunstharz evozieren Leben, während fluide Glasformen manuelle Prozesse imitieren (Earthly Delights I und III, 2024).

Vom Handwerk führt die Ausstellung zur digitalen Transformation. Christiane Pescheck überträgt stark retuschierte Fotografien auf synthetisches Polarfleece (Ghost Appearance 4, 2023), ein Material, das Textil imitiert und zugleich künstlich bleibt. Simon Lehner transformiert Fotografien mithilfe eines Robotrouters in dreidimensionale Objekte. Technologie erscheint dabei nicht als Gegensatz: Der Jacquardwebstuhl, Vorläufer moderner Rechenprozesse, strukturiert Informationen binär. Peschecks und Lehners Arbeiten führen diesen Ansatz fort.

Ausstellungsansicht "Weaving the Present", 2026, © Neuer Kunstverein Wien, Foto: Lorenz Kunath

Ausstellungsansicht "Weaving the Present", 2026, © Neuer Kunstverein Wien, Foto: Lorenz Kunath

Arbeit von Michael Pöllinger, Ausstellungsansicht "Weaving the Present", 2026, © Neuer Kunstverein Wien, Foto: Lorenz Kunath

Arbeit von Michael Pöllinger, Ausstellungsansicht "Weaving the Present", 2026, © Neuer Kunstverein Wien, Foto: Lorenz Kunath

Ausstellungsansicht "Weaving the Present", 2026, © Neuer Kunstverein Wien, Foto: Lorenz Kunath

Ausstellungsansicht "Weaving the Present", 2026, © Neuer Kunstverein Wien, Foto: Lorenz Kunath

Arbeit von Wanbing Huang, Ausstellungsansicht "Weaving the Present", 2026, © Neuer Kunstverein Wien, Foto: Lorenz Kunath

Arbeit von Wanbing Huang, Ausstellungsansicht "Weaving the Present", 2026, © Neuer Kunstverein Wien, Foto: Lorenz Kunath

Ausstellungsansicht "Weaving the Present", 2026, © Neuer Kunstverein Wien, Foto: Lorenz Kunath

Ausstellungsansicht "Weaving the Present", 2026, © Neuer Kunstverein Wien, Foto: Lorenz Kunath

Arbeit von Kaja Clara Joo, Ausstellungsansicht "Weaving the Present", 2026, © Neuer Kunstverein Wien, Foto: Lorenz Kunath

Arbeit von Kaja Clara Joo, Ausstellungsansicht "Weaving the Present", 2026, © Neuer Kunstverein Wien, Foto: Lorenz Kunath

Arbeiten von Christiane Peschek, Ausstellungsansicht "Weaving the Present", 2026, © Neuer Kunstverein Wien, Foto: Lorenz Kunath

Arbeiten von Christiane Peschek, Ausstellungsansicht "Weaving the Present", 2026, © Neuer Kunstverein Wien, Foto: Lorenz Kunath

Arbeiten von Zhao Rundong, Ausstellungsansicht "Weaving the Present", 2026, © Neuer Kunstverein Wien, Foto: Lorenz Kunath

Arbeiten von Zhao Rundong, Ausstellungsansicht "Weaving the Present", 2026, © Neuer Kunstverein Wien, Foto: Lorenz Kunath

Arbeit von Noushin Redjaian, Ausstellungsansicht "Weaving the Present", 2026, © Neuer Kunstverein Wien, Foto: Lorenz Kunath

Arbeit von Noushin Redjaian, Ausstellungsansicht "Weaving the Present", 2026, © Neuer Kunstverein Wien, Foto: Lorenz Kunath

Ausstellungsansicht "Weaving the Present", 2026, © Neuer Kunstverein Wien, Foto: Lorenz Kunath

Ausstellungsansicht "Weaving the Present", 2026, © Neuer Kunstverein Wien, Foto: Lorenz Kunath

Ausstellungsansicht "Weaving the Present", 2026, © Neuer Kunstverein Wien, Foto: Lorenz Kunath

Ausstellungsansicht "Weaving the Present", 2026, © Neuer Kunstverein Wien, Foto: Lorenz Kunath

Ausstellungsansicht "Weaving the Present", 2026, © Neuer Kunstverein Wien, Foto: Lorenz Kunath

Ausstellungsansicht "Weaving the Present", 2026, © Neuer Kunstverein Wien, Foto: Lorenz Kunath

Die Ausstellung blendet ökonomische Dimensionen sowie Fragen nach dem Umgang mit Ressourcen nicht aus. Bei Zhao Rundong kippt die Frage nach Material in eine nach Wert: Historische chinesische Münzen stehen neben billig wirkenden Casino-Tokens (Currency Traders 6, 2024; Currency Traders 10, 2025). Das Format bleibt ähnlich, der Wert wird konstruiert. Michael Pöllinger entzieht sich diesem Prinzip: In seiner gewobenen Landschaft entsteht Wert lokal, aus Nutzung statt Zirkulation (Ohne Titel, 2023).

Weben ist ein komplexes Thema, und die Ausstellung greift viele Aspekte auf, deren Dichte eine vertiefte Auseinandersetzung kaum zulässt. Genau darin liegt jedoch ihre Stärke: Statt ein geschlossenes Argument entwickelt sie ein Gefüge. Unterschiedliche kulturelle Kontexte treten nicht gegeneinander an, sondern werden als miteinander verwobene Strukturen sichtbar. Materialien, Techniken und Bildsprachen greifen ineinander und lassen geteilte Formen von Wissen und Produktion in einen respektvollen Dialog treten.


Künstler:innen

Wanbing Huang, Kaja Clara Joo, Simon Lehner, Christiane Peschek, Michael Pöllinger, Noushin Redjaian, Li Li Ren, Zhao Rundong, Chen Ruofan und Nan Zhang

 


WEAVING THE PRESENT

Neuer Kunstverein Wien
bis 19.04.2026

Mehr Informationen


 

Arbeit von Li Li Ren, Ausstellungsansicht "Weaving the Present", 2026, © Neuer Kunstverein Wien, Foto: Lorenz Kunath

Arbeit von Li Li Ren, Ausstellungsansicht "Weaving the Present", 2026, © Neuer Kunstverein Wien, Foto: Lorenz Kunath

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