Biennale von Venedig 2019 - May You Live in Interesting Times

Venedig: Muss wieder einmal die Kunst die Welt retten?

Alex Da Corte, Rubber Pencil Devil, 2019, Mixed media | 58th International Art Exhibition - La Biennale di Venezia, May You Live In Interesting Times | Photo by: Andrea Avezzù | Courtesy La Biennale di Venezia

Seit 2006 ist der gebürtige New Yorker Ralph Rugoff Direktor der Londoner Hayward Gallery, die immer wieder mit ihrem engagierten, hochaktuellen Ausstellungsprogramm besticht. Zuvor war Rugoff Direktor des CCA Wattis Institute for Contemporary Arts in San Francisco und kuratierte unter anderem 2015 die Lyon Biennale. Damals sprach er bei der Vorstellung seines Programms davon, dass eine Biennale als „ein Instrument, um die Zeit zu messen“ fungieren muss. Und so versteht er auch die von ihm kuratierte Hauptausstellung der diesjährigen Biennale in Venedig. Politisch wach, mit einem Fokus auf die politischen und ökologischen Katastrophen der Welt – denn, so die tiefere Bedeutung des Titels, der sich angeblich auf einen chinesischen Fluch bezieht, die interessantesten Zeiten seien nicht immer die friedlichsten, sondern von Krisen geprägt. Muss wieder einmal die Kunst die Welt retten?


„Kunst kann weder den Aufstieg nationalistischer Bewegungen und autoritärer Regierungen in verschiedenen Teilen der Welt aufhalten, noch die tragischen Schicksale von vertriebenen Menschen in aller Welt lindern. Aber indirekt zumindest kann Kunst vielleicht als eine Art Leitfaden dafür dienen, wie Menschen während unserer „interessanten Zeiten“ leben und denken sollten, wird Rugoff aus einem Interview mit der Nachrichtenagentur AFP zitiert.

„Künstler sind aufmerksam und sie lehren uns aufmerksam zu sein, dadurch wird die Welt zu einem interessanteren Ort“, so Rugoff im Biennale Art Guide. Kunst so ist man sich aus kuratorischer Sicht auf der Biennale einig, bietet andere Modelle des Zusammenseins und Zusammenlebens an. Sie stellen Denkgewohnheiten infrage und bieten neue Sichtweisen an. Sie kann mit Sicherheit keine Lösungen liefern, aber Widersprüche erfahrbar machen und kritische Fragen stellen. Umberto Ecos Essay "Das offene Kunstwerk" und insbesondere der Satz „Kunst muss Fragen stellen, mehr als das sie Antworten gibt" sei so Rugoff, ein "Schlüsselwerk für die Biennale."

Dass er sich dabei nicht nur an den Künstlern der westlichen Welt orientiert ist evident. Auch wenn – und das ist der oft gehörte Vorwurf in Venedig – viele Künstler Teil des westlichen Kunstmarktes sind und nicht selten auch von großen Galerien vertreten werden und bereits in renommierten Museen oder Kunstinstitution ausgestellt waren, darunter nicht wenige in der Wiener Secession – und das zuweilen auch mit denselben Arbeiten als in Venedig.

Doch es gibt auch Neues zu entdecken und auch bekannte Namen überzeugen mit neuen Arbeiten. Darüber hinaus richtet sich die Biennale nicht nur an die, in der globalen Kunstwelt herumreisenden Experten. Was auffällt – bei aller politischen und ökologischen Thematik bleibt die Ausstellung auch der Kunst verpflichtet – und ihrer sinnlichen Erfahrbarkeit.

Neben technologisch avancierten Installationen, wie dem Roboter des chinesischen Künstlerduos Sun Yuan und Peng Yu, der dem Gleichnis des Sisyphos ähnelt und unermüdlich blutrote Farbe aufwischt, zeigte die Biennale auffällig viel Malerei, farbstarken Bilder, Installationen und Skulptur.

Sun Yuan and Peng Yu, Can’t Help Myself, 2016, Mixed media | 58th International Art Exhibition - La Biennale di Venezia, May You Live In Interesting Times | Photo by: Andrea Avezzù | Courtesy: La Biennale di Venezia

Sun Yuan and Peng Yu, Can’t Help Myself, 2016, Mixed media | 58th International Art Exhibition - La Biennale di Venezia, May You Live In Interesting Times | Photo by: Andrea Avezzù | Courtesy: La Biennale di Venezia

Wobei man auf manches, wie auf die im Kreis fahrende Kuh der Chinesin Nabuqi auch hätte verzichten können. Ebenso wirkt auch Yuan und Yus Roboter bereits ein wenig aus der Zeit gefallen, angesichts neuer Entwicklungen im Bereich der Artificial Intelligence. Und sein unermüdlicher Wisch- und Wegfimmel ist auch bald ziemlich nervig.

Rugoff beschränkte die Anzahl der teilnehmenden Künstler auf 79 und zeigt sie mit unterschiedlichen Arbeiten sowohl im Arsenale als auch im Hauptpavillon in den Giardini. Während man im Arsenale geleitet durch Stellwände aus hellem Holz der Kunst Raum gegeben hat und viele Künstler mit einem größeren Werkkonvolut gezeigt werden, wirkt der Pavillon in den Giardini wieder zu voll und zu gedrängt.

Es hätte wohl den Mut gebraucht hier nur eine Auswahl der 79 Positionen zu zeigen. Die Hängung, die auch im Arsenale nicht wirklich Dialog und Korrespondenzen zwischen den einzelnen künstlerische Positionen erzeugt, wirkt hier sehr beliebig. Großartige Arbeiten gehen in der Dichte der Saalbespielungen unter oder bekommen nicht genug Raum.


Einzelne künstlerische Positionen in der Hauptausstellung

Gleich am Beginn des Arsenale wird mit dem großformatigen Gemälde „Double Elvis“ des US-amerikanischen Malers George Condo empfangen. Seine beiden Figuren, die jeweils Alkoholflaschen in Händen halten, sind in helles Silber getaucht und eine, so Condo, „grand glorification of low-life-humanity“. Doch es ist auch ein selbstreferenzieller Rückgriff auf die Kunst selbst, konkret auf Warhols gleichnamigen Siebdruck, den Condo, der als junger Künstler in Warhols Factory arbeitete, zitiert.

Links und rechts zeigt Rugoff eindrucksvolle Fotoserien des indischen Künstlers Soham Gupta (*1988) und des US-Amerikaners Anthony Hernandez (*1947). Die Generationen und Medien sind also gleich zu Beginn wohltuend durchmischt. Über 20 Jahre hat Hernandez zeitgenössische Architekturruinen in verschiedenen Städten der Welt fotografiert und legt damit den Fokus auf städtebauliche Desaster, verlassen oder nie fertiggestellte Gebäude. Sie sind Zeugen eines volatilen Immobilienmarktes, von Spekulationen und Fehlentscheidungen und werden von Hernandez ästhetisch ins Bild gerückt.

Gupta stellt in seiner Serie „Ohne Titel (Angst)“ von 2013–2017, die Menschen vom Stadtrand Kalkuttas in den Mittelpunkt, deren schicksalhaftes Leben ihnen buchstäblich ins Gesicht geschrieben ist. Es ist kein Voyeurismus, der hier gezeigt wird, so Gupta über seine Arbeit, die er als Resultat eines kollaborativen Projektes mit den Porträtierten versteht.

Teresa Margolles, La Búsqueda (2), 2014, Intervention with sound frequency on three glass panels | 58th International Art Exhibition - La Biennale di Venezia, May You Live In Interesting Times | Photo by: Andrea Avezzù

Teresa Margolles, La Búsqueda (2), 2014, Intervention with sound frequency on three glass panels | 58th International Art Exhibition - La Biennale di Venezia, May You Live In Interesting Times | Photo by: Andrea Avezzù | Courtesy La Biennale di Venezia

Im Reigen der dokumentarischer Arbeiten ist jene von Teresa Margolles hervorzuheben, die sich in einer eindrucksvollen minimalistischen Installation mit den Frauenmorden in der Grenzstadt Ciudad Juárez auseinandersetzt. Margolles (*1963), bespielte 2009 den mexikanischen Pavillon in Venedig. „La Busqueda“ (Die Suche) entstand 2014 und stand im selben Jahr im Mittelpunkt ihrer Einzelausstellung im Zürcher Migros-Museum. Darin untersucht die Künstlerin die Gewaltexzesse in der nordmexikanischen Grenzstadt Ciudad Juárez, die binnen kurzer Zeit durch die Ansiedlung von Industrie zu einer Millionenstadt anwuchs. 1993 beginnt ebendort eine Serie bestialischer Morde an jungen Frauen, der bis 2005 fallen ihr mindesten 370 zum Opfer fielen, 400 gelten als vermisst. Bis heute hat sich die hohe Gewaltrate an Frauen ebenso wenig verändert wie die nachlässige und korrupte Aufklärung der Fälle.

Margolles affichiert Vermisstenanzeigen auf großen Glasplatten. Technisch überarbeitete Tonaufnahmen der heute noch betriebenen Schmalspurbahn, die Ciudad Juárez mit El Paso in Texas verbindet bringen die Glasscheiben zum Vibrieren. Der Betrachter wird durch diese akustische Setzung in den Ort einbezogen. Das ebendort die USA, oder vielmehr ihr Präsident eine Mauer errichten wollen, macht die Arbeit umso brisanter.

Njideka Akunyili Crosby | Foto: © Silvie Aigner

Njideka Akunyili Crosby | Foto: © Silvie Aigner


Malerei

Wie schon erwähnt, ist dieses Jahr die Malerei auf der Biennale sehr präsent. Doch nicht alles überzeugt. Im Zentralpavillon hängte Rugoff Gemälde von Henry Taylor und Julie Mehretu in abwechselnder Reihenfolge und tapeziert damit den Raum, was weder von der Qualität der Arbeiten noch vom Raumkonzept stimmig ist. Auch Nicole Eisenmans großformatige Bilder ringen im Zentralpavillon nach Luft. Hingegen überzeugt die 1983 in Nigeria geborene und heute in Los Angeles lebende Njideka Akungili Crosby mit ihren Arbeiten in beiden Ausstellungsteilen. Im Arsenale zeigt sie Porträts, in der sie sich selbst auch als Mitglied der nigerianischen Diaspora begreift. Ausgewandert als Teenager in die USA, lebt sie bis heute in beiden ästhetischen wie kulturellen Welten.

Die Künstlerin hat in den letzten Jahren, dank Galerien wie Viktoria Miro, aus London, die vor zwei Jahren eine Dependance unweit des Markusplatzes eröffnet, und David Zwirner, der sie im Vorjahr in sein Portfolio aufnahm, einen bemerkenswerte Präsenz erlangt. Zu Recht, wie auch ihre großformatigen Collagen in den Giardinis zeigen: „The Beautyful Ones“, eine Serie an der sie seit fünf Jahren arbeitet, und die in einer eindrucksvollen Mischung von Collagen aus Malerei und Fotografie entsteht.

Wie schon erwähnt, ist dieses Jahr die Malerei auf der Biennale sehr präsent. Doch nicht alles überzeugt.

Silvie Aigner

Das die Galerie Victoria Miro weitere Arbeiten der Serie bis 13. Juli auch in ihrer Venedig-Depandance zeigt, ist verständlich – die Verbindung der Biennale zum Kunstmarkt evident, auch wenn Ralph Rugoff im Interview mit „Welt“ (11.5.2019/Autor Marcus Woeller) meint „Auf der Biennale wird keine Kunst verkauft. Jedenfalls nicht offiziell.“ Doch nützen Galeristen, wie unter anderem Thaddaeus Ropac, mit eigenen Ausstellungen in diversen Kunstinstitutionen die Aufmerksamkeit des Großereignisses und zeigen große Personalen ihrer Künstler. Njideka Akunyili Crosby braucht den Boost der Biennale nicht. Sie führte 2018 die Liste der Top 10 an. Ihre Arbeit „Bush Babies“ erzielte bei Sotheby´s einen Preis von 3,4 Millionen Dollar. Was übrigens auch für andere Künstler gilt. 


Queere Kunst

Queere Kunst und Transgender sind selbstverständliches Thema in einigen Pavillons wie auch in der Hauptausstellung. Hervorstechend ist die ironisch wie ästhetische und inhaltlich ansprechende Fotoserie „The Body En Thrall“ von Martine Gutierrez (*1989 USA). Die in Brooklyn, New York, lebende Künstlerin untersucht darin ihre Identität als Trans-Latino Frau mit indigenen Wurzeln. Gutierrez untersucht in ihrer Kunst die Überschneidung von Geschlechtern, Rassen, Sexualität und gesellschaftlichen Klassen und übernimmt dabei stets komplette Kontrolle über ihr Narrativ und hinterfragt, wie sehr Kunst beides ist: eine soziale Konstruktion und ein authentischer Ausdruck des Künstlers.


Skulpturen, Ensembles und Collage-Skulpturen

Rugoff zeigt auffällig viel Skulpturales. Dabei folgen viele der präsentierten Werke ähnlichen Parametern. Es sind keine Plastiken oder Skulpturen im traditionellen bildhauerischen Sinne, sondern zum Großteil Assemblagen, auch wenn zum Teil wieder „traditionelle Materialien“ verwendete werden – und noch etwas ist augenscheinlich: sie sind bunt. Mit dabei eine Reihe chinesischer Künstler, der Indonesier Handiwirman Saputra aber auch die Britin Anthea Hamilton. Ihre Rauminstallation ähnelt jene, die sie unlängst in der Secession zeigte.

Auch recht Bizarres findet sich darunter, wie „Smiling Disease“, 2008 von Jamie Cameron, der für seine Installation auf Perchten aus Österreich zurückgriff, die er bei einem Handwerker in Österreich in Auftrag gegeben hat, der freilich nicht genannt wird. Ob es das wirklich gebraucht hat? Gleich mit einer Reihe von Objekten ist Carol Bove vertreten (*1971 Genf) Die heute in New York lebende Künstlerin, gilt als eine der erfolgreichsten Bildhauerinnen der letzten Zeit. Als David Zwirner sie 2018 auf der Frieze in New York zeigte, sollen angeblich ihre Arbeiten sofort ausverkauft gewesen sein und das zu respektablen Preisen. Da wären wir wieder angelangt, beim Vorwurf, die Biennale zeige hauptsächlich nur Etabliertes.

Für mich ist ihre Arbeit so oder so überzeugend. Das im Medium Skulptur auch einmal eine Frau preislich wie formal reüssiert, kann man durchaus mit einer Präsenz auf der Biennale würdigen. Ihre verformten, in bunten matten Farben lackierten Edelstahlobjekte zeigt sie ganz traditionell auf einem Sockel und zuweilen in Kombination mit korrodierten Metallteilen. Die samtig anmutende Oberfläche spielt mit der Wahrnehmung von Material und mit den skulpturalen Parametern von Abstraktion, Bewegung und Raum.

Jamie Cameron | Foto: © Silvie Aigner

Jamie Cameron | Foto: © Silvie Aigner

Das gilt auch für die Skulpturen-Ensembles der 1971 in Isfahan, Iran, geborenen Nairy Baghramian, die seit Mitte der 1980er-Jahre in Berlin lebt und bereits vielfach in internationalen Ausstellungen präsent war, auch in Wien, im mumok und in der Secession. In ihren Installationen führt Nairy Baghramian Objekte und Skulpturen zusammen, die unterschiedlichen Genres der Bildhauerei zugeordnet werden können.

Ihre Formensprache umfasst fragile, an einen zeichnerischen Duktus erinnernde Objekte oder an Prothesen, Stützen, Brüstungen und Polster sowie abstrakte Ensembles aus unterschiedlicher Formen und Materialien. Was sie vor allem brauchen ist Raum, was leider in der Präsentation im Zentralpavillon nicht gelungen ist.

Für mich ist ihre Arbeit so oder so überzeugend.

Silvie Aigner über Carol Bove

Viel Platz hingegen bekam der Franzose Jean-Luc Moulène, der 2017 in der Wiener Secession den Hauptraum bespielte. Seit über dreißig Jahren erkundet er in seinem thematisch und medial breit gefächertem Œuvre das Wesen künstlerischer Arbeit. In seiner Installation auf der Biennale untersucht er, was passiert, wenn man Objekte und Materialien unterschiedlicher Herkunft miteinander kombiniert.

Das Experiment mit dem Material sowie der Körper als Ausgangspunkt sind auch die grundlegende Parameter der künstlerischen Arbeit von der deutschen Künstlerin Alexandra Bircken (*1967), die sowohl im Arsenale als auch in den Giardini mit einer großen Installation gezeigt wird.

Carol Bove | Foto: © Silvie Aigner

Carol Bove | Foto: © Silvie Aigner


Löwen für Arthur Jafa und Haris Epaminonda

Der afroamerikanische Künstler Arthur Jafa (*1960) bekam erst unlängst eine Solopräsentation bei Julia Stoscheck Collection. Jafa hat im Laufe der letzten drei Jahrzehnte eine dynamische, multidisziplinäre künstlerische Praxis entwickelt, die sowohl Filme und Installationen als auch Vorträge, Performances und Happenings umfasst. Seine Werke thematisieren und hinterfragen gängige kulturelle Aussagen über Identität und ethnische Zugehörigkeit.

Im Arsenale zeigt er drei Skulpturen mit dem Titel „Big Wheel“, aus großen LKW-Reifen, eingepackt in Ketten, die sein Faible für Monstertrucks offenbaren, ebenso aber auch auf den wirtschaftlichen Niedergang der amerikanischen Arbeiterklasse verweisen. Den Goldene Löwen für den besten Künstler erhielt er für sein Video „The White Album", mit dem er das hochaktuelle Thema Rassismus aufgreift und unter anderem Hass-Videos aus dem Internet zeigt.

Der Silberne Löwe für einen „vielversprechenden Künstler“ in der Hauptausstellung ging an die die zypriotische Künstlerin Haris Epaminonda (*1980 Nikosia). Die im Frühjahr in der Wiener Secession präsente Künstlerin zeigt in Venedig einer ihrer arrangierten Objekt-Ensembles, die gewissermaßen eine Weiterentwicklung in die Dreidimensionalität ihrer früheren, auf Collagetechniken beruhenden Arbeiten mit vorgefundenem Film- und Videomaterial und Found-Footagebildern aus Büchern und Zeitschriften sind. Eine Entdeckung sind auch die abstrakten Skulpturen der Koreanerin Suki Seokyeong Kang.

Arthur Jafa | Foto: © Silvie Aigner

Arthur Jafa | Foto: © Silvie Aigner


Das Meer – gefährdetes Paradies und Massengrab

Die gehäkelten Korallen der Zwillingsschwestern Margaret und Christine Wertheim haben mittlerweile so etwas wie Kultstatus in der Kunstwelt. Die aus Australien stammenden Schwestern, sind in Queensland aufgewachsen, das Great Barrier Reef quasi vor der Haustür. Die Bedrohung der Korallenriffe durch Klimaveränderung, und Verschmutzung der Ozeane ist auch ihre zentrale Botschaft.

Doch die im Kunstkontext ob des Handwerks skurril anmutenden Objekte als bloße naive Häkelarbeit abzutun, wird der Arbeit keinesfalls gerecht. Margaret Wertheim ist Physikerin und preisgekrönte Wissenschaftsautorin. 2003 gründete sie gemeinsam mit ihrer Schwester das Institute for Figuring, mit dem Ziel, ästhetische Qualitäten der Wissenschaft zu offenbaren, von den in Paisleymustern versteckten Fraktalen bis hin zu den in den Schuppen der Ananashaut verborgenen Fibonacci-Zahlenreihen.

Inspiration war dabei die Mathematikerin Daina Daina Taimina, die ebenfalls das Häkeln als Möglichkeit entdeckte, hyperbolischen Geometrie zu visualisieren. Das fragile Biotop der Ozeane wird auch in einigen Pavillons zur Sprache gebracht, allen voran im französischen Beitrag von Laura Provoust. Das diese Welt nicht durch eine artifizielle ersetzt werden kann, zeigt die deutsche Künstlerin Hito Steyerl (*1966) in ihrer Videoinstallation „This is the Future“ 2019.

Das Meer als Massengrab stellt der Schweizer Künstler Christoph Büchel unverfälscht in den Mittelpunkt und sorgte damit für die erst Aufregung der Biennale. Im April 2015 sank ein mit Hunderten Menschen besetztes Flüchtlingsschiff nach einer Kollision mit einem portugiesischen Frachter. Nach Angaben der UNO kamen damals bis zu 800 Personen ums Leben; nur 27 konnten aus dem Wasser gerettet werden. Das Wrack lag jahrelang auf einem NATO-Militärstützpunkt auf Sizilien. Bis Büchel das 20 Meter lange und 50 Tonnen schwere Schiff nach Venedig transportieren lies, wo es als Teil der Hauptausstellung im Arsenale unter dem Titel „Barca Nostra“ auf einem Sattelschlepper am Rand des Hafenbeckens gezeigt wird. Es ist nicht gleich als Kunstwerk wahrnehmbar, zudem verzichtete der Künstler auf Werkangaben – was das Werk noch problematischer macht.

Nicht nur die italienische Regierung kritisierte die Arbeit auch in der Kunstwelt wurde darüber diskutiert. Zehrt Büchel hier vom einem Voyeurismus, dem schon Ai Weiwei in die Falle ging oder unterstellt der der Kunstwelt und die Besucher der Biennale sie würden sich nicht ernsthaft mit den Krisen auseinandersetzen. Die Aufstellung neben der Cafeteria tut ihr übrigens. Zugegeben die Eröffnungstage auf der Biennale sind auch Party, Laufsteg und Meet and Greet. Doch gibt es viele Künstler – auch auf der Biennale, die sich in komplexer Art und Weise mit dem Thema Migration auseinandersetzen, politische Entwicklungen nachzeichnen und aufdecken. Manche Kritiker meinen, Rugoff hätte ihr mit dem Boot all diesen eine Abfuhr erteilt, mehr geht nicht, als das Boot selbst auszustellen, andere verwehren sich gegen die Vermarktung des Grauens.

Christoph Büchel, Barca Nostra, 2018-2019, Shipwreck 18th of April 2015 | 58th International Art Exhibition - La Biennale di Venezia, May You Live In Interesting Times | Photo by: Andrea Avezzù | Courtesy La Biennale di Venezia

Christoph Büchel, Barca Nostra, 2018-2019, Shipwreck 18th of April 2015 | 58th International Art Exhibition - La Biennale di Venezia, May You Live In Interesting Times | Photo by: Andrea Avezzù | Courtesy La Biennale di Venezia

Optimistischer ist die Arbeit des Bildhauer Lorenzo Quinn. „Building Bridges" heißt sein Werk aus überdimensionalen Händen, das auf dem alten Industrie- und Werftgelände Arsenale gezeigt wird. Ein wenig schrammt die Arbeit, die in ihrer Monstrosität mehr an die Gestaltung der sommerlichen Festspielebühnen zwischen Mörbisch und Bregenz erinnert, allerdings am Kitsch vorbei.

„May You Live In Interesting Times“ vereint, trotz mancher Beliebigkeit, eine Reihe interessanter Positionen, und ist vor allem im Arsenale eine sehenswerte Ausstellung, die vieles anspricht, jedoch kein klares Statement abgibt. Sie zeigt jedoch auf, wie vielfältig und unterschiedlich, die Auseinandersetzung der künstlerischen Positionen mit der Themen der Gegenwart sein kann: von dokumentarischen, politischen Inhalten bis hin zu einer rein formalen Ästhetik – und Humorvolles, wie Alex della Cortes „57 Varieties | Art21 Extended Play". Corte inszeniert diese Reihe von Filmen, deren Making of auf Youtube nachzusehen ist, in einem orangen Ambiente. Man weiß zwar nicht wie es zum Thema passt, anschauen lohnt sich dennoch. Mein Favorit ist der lässig in die Szene groovende Pink Panther, der seine Welt mittels Airbrush in knalliges Rosa taucht – und ehrlich – auch der eifrigste Biennale-Besucher braucht hin und wieder eine Auszeit, in der die Welt einmal nicht gerettet werden muss.


Noch mehr über die Venedig Biennale, insbesondere die einzelnen Länder Pavillons erfahren Sie in unserem kommenden PARNASS 2/2019!

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