WELTMUSEUM WIEN | AZTEKEN

UNTER DEN FEDERN DES QUETZALS

Das Weltmuseum Wien widmet als Highlight 2020 der sagenumwobenen Kunst und Kultur der Azteken (circa 1430 – 1521 n. Chr.) eine große Ausstellung. Vor 500 Jahren, als der spanische Eroberer Hernán Cortés die Küste Mexikos erreichte, beherrschten sie weite Teile Zentralmexikos. Anlass ist die Unterwerfung und Vernichtung durch die Spanische Invasion vor ziemlich genau 500 Jahren.


Im Fokus der Ausstellung stehen Tribute und Opferungen, die einen wichtigen Platz im religiösen und wirtschaftlichen Leben der Azteken bildeten. Beginnend mit der Peripherie des aztekischen Reiches und der kulturellen Vielfalt Mexikos, führt sie bis in den heiligen Bezirk der Hauptstadt Tenochtitlán, die als Drehscheibe sowie als religiöses und kulturelles Zentrum des Reiches fungierte. „Einige spektakuläre Objekte, darunter Leihgaben aus mexikanischen und europäischen Museen, werden die Geschichte der Azteken erlebbar machen und von ihrer Kultur und ihren Traditionen erzählen“, so Christian Schicklgruber, Direktor des Weltmuseums. „Leider hat aus der Zeit der Azteken nicht allzu viel überlebt“ stellt der Kurator der Ausstellung Gerard van Bussel mit Bedauern fest. Als Experte für Nord- und Mittelamerika hat der die Ausstellung, die ursprünglich vom Linden-Museum in Stuttgart und dem Nationaal Museum van Wereldculturen in den Niederlanden konzipiert wurde, wissenschaftlich betreut und mit bedeutenden Leihgaben unter anderem aus dem Museo del Templo Mayor und dem Museo Nacional de Antropología in Mexiko-Stadt bereichert.

Räuchergefäß in Gestalt der Wasser- und Fruchtbarkeitsgöttin Chalchiuhtlicue, Keramik, Pigment, H: 55,2 cm; B: 64,3 cm; T: 49,4 cm, Zentralmexiko, aztekisch, Spätphase, frühes 16. Jh.;, gefunden in der Nähe des Zeremonialbezirks von Tlatelolco; Museo Nacional de Antropología, Mexiko-Stadt, D.R. Secretaría de Cultura – INAH, Inv. Nr. 10-1125 © D.R. Archivo Digital de las Colecciones del Museo Nacional de Antropología, Secretaría de Cultura – INAH

Zwischen 1430 und 1521 schufen die Azteken im Tal von Mexiko – dem zentralen Hochplateau, wo sich heute Mexiko-Stadt befindet – eine Hochkultur. Als ursprünglich nomadisches Volk ließen sie sich schließlich auf mehreren kleinen Inseln im Texcoco-See nieder, wo sie die Stadt Tenochtitlán gründeten. Das in einem See angelegte Tenochtitlán gehörte um 1519 mit rund 150.000 Einwohnern zu den größten Städten der Welt. Als der spanische Eroberer Hernán Cortés mit seinen Truppen an der Küste Mexikos landete, war die Vorherrschaft der Azteken bald zu Ende. Zwischen 1519 und 1521 wurden sie von den Spaniern unterworfen. Diese verbündeten sich mit unzufriedenen Stämmen aus der Region, es begannen erbitterte Kämpfe, König Moctezuma wurde gemeuchelt und trotz blutiger Rache an den Spaniern hatten auch Moctezumas Nachfolger keine Chance, den Untergang langfristig aufzuhalten. „Man vermutet, dass in bestimmten Regionen, beispielsweise an den Küsten, etwa 90 Prozent der Bevölkerung durch Gewalt, aber auch durch unbekannte Krankheiten gestorben sind. Die aztekische Hauptstadt Tenochtitlán wurde dem Erdboden gleichgemacht, was auch erklärt, warum so wenige Artefakte erhalten geblieben sind“, so Kurator van Bussel.

 

Die Spanier zerstörten Tenochtitlán und überbauten sie mit der neuen Hauptstadt des Vizekönigreichs Neuspanien, dem heutige Mexiko-Stadt. Das bei Ausgrabungen und Renovierungsarbeiten immer wieder Funde gemacht werden, ist daher nicht verwunderlich. So entdeckte man Anfang des Sommer im Zentrum von Mexiko-Stadt im historischen Gebäude des Pfandhauses Nacional Monte de Piedad Überreste eines Azteken-Palastes. Es  wurden wie das Nationale Institut für Anthropologie und Geschichte mitteilte Basaltböden freigelegt, die dem Palast des Herrschers Axayacatl entstammen, der von etwa 1469 bis 1481 regierte, also vor Ankunft der spanischen Eroberer. Im selben Gebäude wurden den Angaben zufolge auch Überreste des ersten Wohnhauses des spanischen Konquistadoren Hernán Cortés in Mexiko gefunden. Die Entdeckungen wurden im Zuge von Renovierungsarbeiten an dem Gebäude des Pfandhauses gemacht.

Die Azteken, ursprünglich ein einfaches, nomadisierendes Volk, ein mächtiges Reich und dehnten ihren Einfluss durch Handelsbeziehungen aber auch durch Eroberungskriege aus.

Cuauhxicalli (Adlerschale), Opferschale, Stein, H: 6,5 cm; D: 16 cm, Mexiko, aztekisch, um 1500, KHM-Museumsverband, Weltmuseum Wien, Inv. Nr. 59.896 © KHM-Museumsverband

Von den kriegerischen Vorgängen, von Tributsforderungen, von Mythen und Glaubensinhalten und von Zeremonien und Gebräuchen unter den jeweiligen Herrschern mit klingenden Namen wie Huitzilihuitl, Chimalpopoca oder Moctezuma weiß man hauptsächlich dank der diversen Codices und Chroniken, die auf Veranlassung der spanischen Eroberer, öfter auch von spanischen Geistlichen, niedergeschrieben worden sind und die als interessantes Geschichtswerk Zeugnis ablegen.

230 Exponate, allen voran eine 1,7 Meter hohe Tonfigur des Mictlantecuhtli, Herrscher des Totenreichs, aber auch Steinskulpturen, Keramikfiguren, Bilder, Handschriften und Berichte anderer Völker, viele davon Leihgaben aus mexikanischen Museen, erzählen vom aztekischen Kalendersystem, der Vielgötter-Verehrung, dem Leben im heiligen Bezirk der Hauptstadt und dem Palast und zeichnen ein Bild dieses ursprünglich starken Volkes, das auf dem Höhepunkt seiner Macht weite Teile Zentralmexikos dominierte.

Adlerkopf, Stein, H: ca. 100 cm; B: ca. 120 cm, Mexiko, aztekisch, Mitte 14. Jh. bis 1521; Umgebung von Tehuacán, Puebla, gefunden am Fuß eines Berges Royal Museum of Art and History, Brüssel, Inv. Nr. AAM 69.11 © Royal Museum of Arts and History, Brüssel

Eines der besonderen Exponate der Ausstellung befindet sich in der permanenten Sammlung des Hauses, es ist der weltberühmte, um 1515 entstandene Quetzalfeder-Kopfschmuck, der sogenannte „Penacho“. Erstmals erwähnt wird der Kopfschmuck 1596, als man nach dem Tod des Tiroler Landesfürsten Erzherzog Ferdinand II. ein Inventar seiner Rüst-, Kunst- und Wunderkammern in Schloss Ambras anlegte. Hier wird der Kopfschmuck als "Merain Mörischer Huet von langen schönen gleissenden, grienlechten vnd gulden federn, oben hinauf mit weissen rot vnd blawen federn, mit gulden Roslen, vnd gef lunder ausgesetzt, hat vorn auf der Stirn, ain ganz gulden Schnabl“ beschrieben, wie dies Christian Feest in seinem Essay „Der Altmexikanische Federkopfschmuck in Europa“ nach Karl Anton Nowotny (1960) zitiert. 

QUETZALFEDER-KOPFSCHMUCK, Federn von Quetzal, Kotinga, Rosalöffler, Cayenne-, Fuchskuckuck, Eisvogel; Holz, Rohrspäne, Fasern, Papier, Baumwolle, Leder, Gold, Messing, H: 130 cm; B: 178 cm, Mexiko, aztekisch, um 1520, KHM-Museumsverband, Weltmuseum Wien © KHM-Museumsverband

Am Beginn des 19. Jahrhunderts gelangte der Penacho, zusammen mit anderen Gegenständen der Ambraser Sammlung, nach Wien und ist heute das Prunkstück des Weltmuseums. Als letztem erhaltenem Beispiel seiner Art kommt ihm besondere Bedeutung zu. In den vergangenen Jahren wurde er mit hohem Aufwand gereinigt und konserviert, wodurch die irisierende Pracht der Grün- und Blautöne in den Federn sowie der über 1.500 Goldblättchen zur Geltung kommen. In der Kultur der Azteken waren die langen Schwanzfedern des Quetzal, dessen männliche Exemplare jeweils nur zwei bis drei davon im Federkleid tragen, eine besondere Kostbarkeit. Im Wiener Federkopfschmuck sind etwa 450 solcher Federn enthalten. Neben dem Penacho verwaltet das Museum noch mehrere andere kostbare mexikanische Federobjekte aus präkolumbischer und frühkolonialer Zeit.

„Kulturen erlebbar zu machen“, so lautet der Auftrag des Weltmuseum Wien. Dementsprechend freut sich Direktor Schicklgruber, in dieser und den folgenden Sonderausstellungen über China, Ägypten, Afrika, Peru oder Marokko wieder etliche der 300.000 archivierten Objekte des Hauses zeigen zu können.

Durch den Blick auf das Andere können wir das Eigene besser wahrnehmen.

Dr. Christian Schicklgruber

Weltmuseum Wien

Neue Burg
Heldenplatz
1010 Wien
Österreich

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