Judith Leyster, Selbstporträt, ca. 1630, Öl auf Leinwand, National Gallery of Art, Washington, DC, Gift of Mr. and Mrs. Robert Woods Bliss

Pieter Bruegel, Rembrandt van Rijn, Johannes Vermeer, Frans Hals, Anthonis van Dyck – die Geschichte der niederländischen und flämischen Malerei wurde über viele Jahrzehnte anhand von Künstlern beschrieben. Doch waren zu ihrer Zeit auch Künstlerinnen im selben Medium und in derselben kulturellen und geografischen Region der damaligen sogenannten »Niederen Lande« tätig und haben eine entscheidende Rolle im künstlerischen Leben gespielt. Dennoch wurden sie von der Kunstgeschichte weitgehend ignoriert.  Mit »Unforgettable« präsentierte das Museum voor Schone Kunsten Gent (MSK) im Frühjahr nun die erste große Übersichtsausstellung, die sich ausschließlich der Rolle und Bedeutung von Frauen in der Kunst des 17. Jahrhunderts im heutigen Belgien und den Niederlanden widmet.


Erst in den letzten Jahren haben sich Ausstellungen den Werken von Künstlerinnen des niederländischen und flämischen Barock gewidmet und Malerinnen wie Clara Peeters (ca. 1587–nach 1637), Michaelina Wautier (1604–1689) oder Rachel Ruysch (1664–1750) einem größeren Publikum bekannt gemacht und Einblicke in ihr Schaffen und ihr Leben ermöglicht.

Auch mit der Ausstellung im MSK wurde ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung gesetzt. Kuratiert wurde sie von Virginia Treanor, leitende Kuratorin am National Museum of Women in the Arts in Washington, D. C., wo die Schau bereits von September 2025 bis Jänner dieses Jahres zu sehen war, und Frederica Van Dam, Kuratorin für Alte Meister am MSK.

Mit diesem Ausstellungsprojekt stellen wir die allgemein akzeptierte Vorstellung in Frage, dass Künstlerinnen lediglich Ausnahmen waren und [...] wenig Einfluss hatten.

Virginia Treanor und Frederica Van Dam


Viele Künstlerinnen waren damals selbstständig, anerkannt und finanziell erfolgreich und genossen zu Lebzeiten Ruhm und Achtung. Sie waren in nahezu allen künstlerischen Disziplinen tätig und in ihren jeweiligen Genres äußerst innovativ. »Mit diesem Ausstellungsprojekt stellen wir die allgemein akzeptierte Vorstellung in Frage, dass Künstlerinnen lediglich Ausnahmen waren und in den männlich dominierten Medien, wie Malerei, Bildhauerei und Druckgrafik, wenig Einfluss hatten«, so das Statement der Kuratorinnen. Sie haben 40 Künstlerinnen ausgewählt und zeigen anhand ihrer Werke und Biografien, dass die meisten von ihnen ein über ihre Regionen hinausreichendes Netzwerk unterhielten und nicht nur als Künstlerinnen, sondern auch als Unternehmerinnen erfolgreich waren.

Es ist also unbestreitbar, dass Frauen eine entscheidende Rolle in der Kunstwirtschaft der Niederlande spielten. Die Künstlerinnen waren zu ihrer Zeit sehr erfolgreich und erhielten Aufträge von europäischen Höfen, dem Adel und dem gehobenen Bürgertum. Vielfach waren Künstlerinnen auch Mitglieder in den wichtigen Malergilden dieser Zeit, wie der Lukasgilde. Diese Mitgliedschaft war wesentlich für ihre Professionalisierung und Anerkennung. Sie bot den rechtlichen Rahmen, um wie ihre männlichen Kollegen als freischaffende Künstlerinnen arbeiten zu können, eine Werkstatt zu führen, Lehrlinge auszubilden, ihre Werke verkaufen und Aufträge annehmen zu können, und gab ihnen das Recht, ihre Werke namentlich zu signieren.
 

Louise Hollandine von der Pfalz

Louise Hollandine war bis zu ihrem Lebensende künstlerisch tätig. Sie schuf mehrere Selbstbildnisse und Porträts von Verwandten sowie Bilder mit religiösen Motiven. Sie malte Motive aus dem Leben der Muttergottes für die Marienkapelle in Maubuisson, die sie wiederaufbauen ließ, und zahlreiche Gemälde für die umliegenden Pfarrkirchen und andere Klöster. Ihre Staffelei, Pinsel und Palette, von den Nonnen zum Andenken aufbewahrt, wurden während der Französischen Revolution versteigert, ebenso viele ihrer Gemälde. Bei dem Brandanschlag der Revolutionäre am 23. Mai 1871 wurde eine »Justitia« in der Kammer des Senats in Paris zerstört. In der Pfarrkirche von St. Ouenl’Aumône bei Maubuisson befindet sich eine »Auferstehung « und in Bréançon die »Himmelfahrt« von 1695.

Louise Hollandine von der Pfalz, Selbstporträt, ca. 1650–55, Öl auf Holz, Privatsammlung

Louise Hollandine von der Pfalz, Selbstporträt, ca. 1650–55, Öl auf Holz, Privatsammlung

Judith Leyster

Den Titel »Meistermalerin« erhielt Judith Leyster von der Lukasgilde in Haarlem, in die sie 1633 aufgenommen wurde. Die Aufnahme in die Gilde sicherte ihr eine gute gesellschaftliche Position und bedeutete, dass sie wie ihre männlichen Kollegen ein eigenes Atelier einrichten und Lehrlinge ausbilden durfte sowie ihre Bilder zu guten Preisen verkaufen konnte. Anders als viele Künstlerinnen im 17. Jahrhundert war Leyster nicht wohlhabend und stammte auch nicht aus einer Künstlerfamilie. In ihren Figuren und Genrebildern fand sie zu sehr originären Bildkompositionen. Sie zeigte die Personen oft vor einem nicht näher ausgeführten Hintergrund und setzte so den Fokus auf die Figuren. Charakteristisch ist ihr lebendiger, nahezu gestischer Pinselstrich. In ihrem Selbstporträt präsentiert sie sich als fröhliche, selbstbewusste Künstlerin vor der Staffelei.

Judith Leyster war eine »Meistermalerin«.


Weiter lesen Sie in unserer Frühlingsausgabe PARNASS 01/2026 auf Seite 26 – jetzt Ausgabe bestellen.

Judith Leyster, Selbstporträt, ca. 1630, Öl auf Leinwand, National Gallery of Art, Washington, DC, Gift of Mr. and Mrs. Robert Woods Bliss

Judith Leyster, Selbstporträt, ca. 1630, Öl auf Leinwand, National Gallery of Art, Washington, DC, Gift of Mr. and Mrs. Robert Woods Bliss

Clara Peeters, Stillleben mit Käse, Garnelen und Flusskrebsen, ca. 1612–21, Öl auf Holz, Privatsammlung Antwerpen

Clara Peeters, Stillleben mit Käse, Garnelen und Flusskrebsen, ca. 1612–21, Öl auf Holz, Privatsammlung Antwerpen

Michaelina Wautier, Zwei Mädchen als hl. Agnes und hl. Dorothea, um 1655, Öl auf Leinwand, 89,7 x 122 cm, Königliches Museum für Schöne Künste Antwerpen – Flämische Gemeinschaft, Foto: Rik Klein Gotink

Michaelina Wautier, Zwei Mädchen als hl. Agnes und hl. Dorothea, um 1655, Öl auf Leinwand, 89,7 x 122 cm, Königliches Museum für Schöne Künste Antwerpen – Flämische Gemeinschaft, Foto: Rik Klein Gotink

Judith Leyster, Ein Mann bietet einem jungen Mädchen Geld, 1631, Öl auf Holz, Mauritshuis, Den Haag

Judith Leyster, Ein Mann bietet einem jungen Mädchen Geld, 1631, Öl auf Holz, Mauritshuis, Den Haag

Maria Schalcken (Dordrecht, c. 1645/50 - ?), Young Woman Accepting Grapes from a Boy, c. 1675-82, Öl auf Leinwand, The Leiden Collection, New York

Maria Schalcken (Dordrecht, c. 1645/50 - ?), Young Woman Accepting Grapes from a Boy, c. 1675-82, Öl auf Leinwand, The Leiden Collection, New York

Rachel Ruysch, Blumenstrauß, 1708, Öl auf Leinwand, 92,3 x 70,2 cm, Staatsgalerie im Neuen Schloss Bayreuth © Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Alte Pinakothek München, Foto: Sibylle Forster

Rachel Ruysch, Blumenstrauß, 1708, Öl auf Leinwand, 92,3 x 70,2 cm, Staatsgalerie im Neuen Schloss Bayreuth © Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Alte Pinakothek München, Foto: Sibylle Forster

JETZT ABONNIEREN

 


LESEN SIE AUCH:

Das könnte Sie auch interessieren