TikTok-Satire kann nichts verändern?

Toxische Pommes im Interview

Toxische Pommes, Foto © Muhassad Al-Ani 

Mit Nonchalance und analytischer Schärfe treibt Toxische Pommes alias Irina das österreichische Klassenbewusstsein an seine Sollbruchstellen. Eine Haltung, der die Kabarettistin, Satirikerin und Autorin konsequent treu bleibt – auf der Bühne ebenso wie im Interview mit uns.


Im Soloprogramm „Wunschlos unglücklich“ und in ihren TikTok-Clips richtet Toxische Pommes den Blick auf gesellschaftliche Rituale und jene Verrenkungen, mit denen man sich hierzulande nur allzu gern aus der Verantwortung zieht. Wiederholt gerät dabei auch die zeitgenössische Kunstszene ins Visier.

Dass sie damit einen Nerv trifft, zeigt ihr Erfolg: 2025 füllte sie die Wiener Staatsoper, ihr autofiktionaler Debütroman „Ein schönes Ausländerkind“ (Zsolnay, 2024) wird für seinen Sprachwitz und seine brutale Ehrlichkeit gefeiert, auf Instagram erreicht sie Hunderttausende. Wir sprachen mit Toxische Pommes über linke Selbstkritik, gesunde Perspektiven und wem sie Porträt sitzen würde.

Parnass: Irina, du bist als Kleinkind aus dem zerfallenden Jugoslawien nach Österreich gekommen, hast Wiener Neustadt als ersten Kompromiss zwischen Herkunft und Zukunft erlebt und später als Juristin gearbeitet. Wann wurde Satire für dich zur Möglichkeit, über Umbrüche zu sprechen?
Toxische Pommes: Ich hatte einfach schon immer ein Mitteilungsbedürfnis und finde, dass Satire – in welcher Form auch immer, ob als Kurzvideo, Theaterstück oder Roman – ein schönes Mittel ist, Gedanken und Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Gleichzeitig möchte ich mich nicht auf Satire festlegen und bin immer neugierig auf andere Ausdrucksweisen.

P: Nach „Ketchup, Mayo & Ajvar“ zeigst du heuer dein zweites Solostück „Wunschlos unglücklich“ in Deutschland, der Schweiz und in Wien u.a. im Stadtsaal und im Orpheum. Darin gerät eine überzeugte Linke in die Rolle einer Immobilienbesitzerin. Was hat dich an dieser Konstellation so gereizt, dass sie ein ganzes Stück trägt?
TP: Ich fand die Grundidee lustig, dass einer Person etwas Gutes widerfährt. Wie etwa ein unerwartetes Erbe. Diese Person aber auf so eine Neuigkeit nicht erfreut reagiert, sondern am Boden zerstört ist und in eine Sinnkrise fällt. Als Linke mache ich mich außerdem natürlich auch gerne über Linke lustig. Wir sind schon oft richtig peinlich. Was mich an linkem Kabarett etwa am meisten nervt, sind diese ständigen Witze über die ÖVP und FPÖ. Für die erntet man natürlich Bekenntnislacher und alle können sich gegenseitig auf die Schulter klopfen, weil sie sich moralisch richtig gelegen fühlen. Das finde ich langweilig und zunehmend unausstehlich, vor allem, wenn im Publikum überwiegend weiße, gut situierte Linke zusammensitzen, die de facto nie wirklich negativ von der ÖVP oder FPÖ betroffen wären. Und vielleicht sogar einmal von ihrer Politik profitieren, spätestens wenn sie einmal erben. Wenn’s wirklich drauf ankommt, sind außerdem ohnehin die meisten von uns weg vom Fenster und zeigen sich nicht solidarisch mit marginalisierten Gruppen. Dann gibt es plötzlich doch zu viel zu verlieren und man zieht sich auf seine bequeme Position zurück und schweigt die Sache aus. Solidarität klatscht sich einfacher im dunklen Theatersaal voller Gleichgesinnter.
 

Toxische Pommes, Foto © Muhassad Al-Ani 

Toxische Pommes, Foto © Muhassad Al-Ani 

Kunst kann lediglich Perspektiven öffnen, kommentieren und Interesse für Themen wecken. Sich politisieren und den Willen für Veränderung haben müssen die Wähler:innen aber schon selbst.

Toxische Pommes

P: Du bezeichnest das Stück als „komisches Theater“ und nicht als klassisches Kabarett. Welche Entscheidungen hast du getroffen, um diese Form zu etablieren?
TP: Ich möchte mich nicht vom Kabarettbegriff distanzieren, sondern fand einfach, dass diese Bezeichnung am besten zusammenfasst, was ich da geschrieben habe. Kabarett, Comedy, Stand Up, Spoken Word, social commentary oder Theater sind sowieso auch keine streng voneinander getrennten Definitionen, sondern fließen regelmäßig ineinander. Mein Stück ist ein satirisches, manchmal lustiges, manchmal ernstes, manchmal komisches und manchmal trauriges Einpersonenstück, in dem es um das Gefühl der Verlorenheit in der Welt geht.

P: Du möchtest Österreich dort entlarven, wo wie du meinst „Rassismus, Sexismus und Klassismus im Alltag einverleibt sind“. Wenn du auf die aktuelle Comedy- und Kabarettszene blickst: Wo siehst du ernsthafte Versuche, solche blinden Flecken aufzuarbeiten?
TP: Das ist einfach der erste Pressetext, den ich geschrieben habe und ich bin zu faul, um ihn zu ändern. Ich hatte nie Lust, eine migrantische Frau zu sein, die irgendwas mit Migration und Sexismus macht, aber das waren die Themen, auf die sich Medien als erstes gestürzt haben. Obwohl ich von Anfang an genauso viel auch zu anderen Themen gemacht habe. Ich denke im Übrigen nicht, dass Kunst etwas ändern kann, ich denke auch nicht, dass es ihre Aufgabe ist. Politik kann was ändern und ist auch dafür da. Kunst kann lediglich Perspektiven öffnen, kommentieren und Interesse für Themen wecken. Sich politisieren und den Willen für Veränderung haben müssen die Wähler:innen aber schon selbst.

P: Künstlerinnen mit Migrationsgeschichte wird häufig eine doppelte Repräsentationsrolle zugeschrieben: als Frauen und als „Sprachrohr einer Herkunft“. In welchen Situationen erlebst du das selbst und wie gehst du damit um?
TP: Das beobachte ich zum Beispiel bei genau solchen Interviewfragen. Ich glaube, dass keine gesunde Perspektive gefestigt, sondern in ständiger Bewegung ist bzw. sein sollte – im Idealfall in der Begegnung mit anderen Menschen und durch neue Erfahrungen und Erkenntnisse. Nur Nationalisten und andere Radikale ändern ihre Perspektive nie.

P: Dein Debütroman „Ein schönes Ausländerkind“ erzählt vom Wunsch nach perfekter Anpassung und vom inneren Verschleiß, der damit einhergeht. Was hat dir dieses Buch über dein Schreiben gezeigt – und auch darüber, was du künftig vermeiden möchtest?
TP: Mein erster Roman war eigentlich eher ein Versuch, einen Vater darzustellen, der keine Stimme mehr hat, weil er die Sprache des Landes, in das er flüchten musste, nicht spricht. Das Buch hat mir beigebracht, dass ich jetzt einmal längere Zeit nichts autobiografisch inspiriertes mehr schreiben möchte. Wieso in Traumata wühlen, wenn man einfach irgendeine Geschichte erfinden kann. Macht mehr Spaß, ist unverfänglicher und man erspart sich unangenehme Interviews. Schauen wir mal, ob das dann noch irgendjemanden interessiert.

P: Was hat dich zuletzt künstlerisch inspiriert oder wachgerüttelt?
TP: Momentan höre ich das Album „Eusexua“ von FKA Twigs rauf und runter. Auch Mary Shelleys „Frankenstein“ hat mich letztens total unerwartet begeistert. Und Kiarababa.

Solidarität klatscht sich einfacher im dunklen Theatersaal voller Gleichgesinnter.

Toxische Pommes

P: Welche österreichischen Kunstinstitutionen – Museen, Galerien oder Off-Spaces – besuchst du am liebsten?
TP: Die im ersten Bezirk. Dort kann man gut komische Leute schauen.

P: Wenn dich jemand als Toxische Pommes porträtieren sollte: Welche Künstlerin oder welchen Künstler würdest du dafür auswählen? Und welchen Titel könnte das Werk tragen?
TP: George W. Bush, Titel: „Frau mit langem Gesicht“.

P: Irina, vielen Dank.


 

Toxische Pommes, Foto © Muhassad Al-Ani 

Toxische Pommes, Foto © Muhassad Al-Ani 


Toxische Pommes „Wunschlos unglücklich“

SPIELPLAN FRÜHJAHR 2026

 

Österreich:
Stadtsaal Wien: 08.03., 29.03., 27.04. | Kabarett Niedermair, Wien: 09.03. | Bühne im Hof, St. Pölten: 13.03. | Spielboden, Dornbirn: 23.04.
Mehr Informationen

Deutschland & Schweiz:
Kampnagel, Hamburg: 06.03. | Lustspielhaus, München: 31.03., 01.04. | Kaufleuten, Zürich: 14.4. 


Toxische Pommes, Wiener Staatsoper, 2025, Foto © Muhassad Al-Ani 

Toxische Pommes, Wiener Staatsoper, 2025, Foto © Muhassad Al-Ani 

 

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PARNASS 04/2025

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