The Louvre Job – wie und warum Kunstdiebstahl heute funktioniert

Gentleman-Diebe à la Thomas Crown waren gestern, Kunstdiebstahl heute funktioniert anders als noch vor wenigen Jahren. Das bestätigt uns auch Christian Klein vom Bayerischen Landeskriminalamt und erklärt uns die modernen Methoden des Milliarden-Geschäfts.
Der jüngste Raub im Louvre hat die Kunstwelt aufgeschreckt: Am helllichten Tag drangen die Täter über einen Möbellift in das Pariser Museum ein und entwendeten die sogenannten Kronjuwelen. Der Fall zeigt eindrücklich, wie sehr sich die Methoden der Täter:innen inzwischen von klassischen Kunstentwendungen entfernt haben. Christian Klein ist Erster Kriminalhauptkommissar beim Bayerischen Landeskriminalamt und leitet dort den Bereich Kunstfahndung, also jene Stelle, an der die Fäden der Ermittlungen zu spektakulären Kunstdelikten zusammenlaufen. Vom Raub im Louvre bis zu den Fällen Manching oder Dresden beobachtet er eine neue Professionalität, schnelles Zerlegen des Raubguts in verwertbare Teile bzw. Materialien und Täter:innengruppen, die längst global operieren.
PARNASS: Sind Ihnen beim jüngsten Raub im Louvre, bei dem die sogenannten Kronjuwelen entwendet wurden, spezifische Muster oder operative Entscheidungen besonders aufgefallen?
CHRISTIAN KLEIN: Uns liegen hierzu lediglich die Erkenntnisse aus den Medien vor. Wir waren nur zu Beginn eingebunden, mit dem Hinweis zum Einbruch und zur Mitfahndung nach den entwendeten Gegenständen. Grundsätzlich lässt sich aber sagen, dass die Täter bei diesem Einbruch auf Gewalt verzichtet haben, ähnlich wie beim Einbruch in das Kelten- Römer-Museum in Manching, bei dem keltische Goldmünzen im Wert von ca. 1,5 Millionen Euro entwendet wurden. Auch zeigt sich, dass die Louvre-Täter gut organisiert und sehr vorbereitet waren. Wenn man überhaupt von einem Muster oder einer Entscheidung reden kann, dann ist die Wahl der entwendeten Objekte auffällig. Es werden nicht Kunstwerke entwendet, die man als solche vermarkten könnte, wie zum Beispiel Gemälde, sondern Objekte aus Edelmetallen wie Gold und Silber oder Objekte mit Edelsteinen. Diese können in ihre Bestandteile zerlegt und so verkauft werden. Der von uns wiedergefundene Teil der keltischen Goldmünzen aus Manching war beispielsweise bereits eingeschmolzen.
P: Wenn man diese Entwicklungen betrachtet, stellt sich die Frage, wie sich die Netzwerke hinter solchen Taten verändern. Gibt es eine zunehmende Professionalisierung, Internationalisierung oder aber eine Verlagerung hin zu dezentral organisierten Gruppen?
CK: Bei der Kunstfahndungsdienststelle des Bundeskriminalamts laufen die Informationen zu allen in Deutschland und teilweise auch international begangenen Fällen zusammen. Dort kann man solche Entwicklungen sicher genauer beobachten. Ganz grundsätzlich lässt sich jedoch sagen, dass eine gewisse Professionalisierung und zum Teil wohl auch eine gewisse Dreistigkeit vorliegt. Wer kommt, wie im Fall Louvre, schon auf die Idee, tagsüber über einen Möbellift von außen in ein Museum einzudringen?
P: Obwohl viele Häuser massiv in digitale und physische Sicherheitsmaßnahmen investieren, steigen die Fallzahlen weiter. Welche Schwachstellen in Museums- und Depotinfrastrukturen sind aus Ihrer Sicht strukturell schwer zu schließen, und warum?
CK: Museen lassen sich durch die Präventionsdienststellen der Polizei beraten. Dort werden auf Wunsch Schwachstellen aufgezeigt und Möglichkeiten zur Verbesserung genannt. Inwieweit Museen diese Empfehlungen tatsächlich umsetzen, entzieht sich jedoch unserer Kenntnis.
Der Mythos, dass hochwertige Werke in geheimen Räumen privater Sammlungen verschwinden, hält sich zwar in Filmen, entspricht aber nicht der Realität unserer Ermittlungen.
P: Parallel dazu entwickelt sich der illegale Kunstmarkt weiter. Wie verändert er sich im Hinblick auf Abnehmer:innenkreise, Geldwäsche und Zwischenhandel? Sehen Sie neue Trends – etwa Kryptowährungen oder spezialisierte „Kunstschattenbörsen“?
CK: Wenn man sich Fälle wie den Goldmünzen-Raub aus dem Berliner Bode-Museum, den Einbruch ins Grüne Gewölbe in Dresden oder den Raub im Kelten-Römer-Museum Manching ansieht, dann erkennt man, dass es für derlei Kunstobjekte keinen Markt gibt. Der Mythos, dass hochwertige Werke in geheimen Räumen privater Sammlungen verschwinden, hält sich zwar in Filmen, entspricht aber nicht der Realität unserer Ermittlungen. Vielmehr geht es häufig um das verwendete Material. Objekte aus Edelmetallen werden eingeschmolzen, solche aus oder mit Edelsteinen zerlegt, die Materialien werden verwertet, nicht das Objekt selbst. Bei bekannten Gemälden oder den Kronjuwelen aus dem Louvre wäre eine Vermarktung praktisch ausgeschlossen, da sie durch internationale Fahndung viel zu bekannt sind.

Grand Noeud de Corsage de L'Impératrice Eugénie, © RMN-GrandPalaisRmn (Musée du Louvre) / Stéphane Maréchalle
P: Damit verbunden stellt sich die Frage nach den größten Herausforderungen bei der Wiederbeschaffung. Liegt die Komplexität eher in der Beweisführung, in internationalen Kooperationen oder in der Geschwindigkeit, mit der Beutestücke den Kontinent wechseln?
CK: Die größten Herausforderungen liegen wohl darin, dass die Objekte eben nicht als solche vermarktet werden und somit kaum mehr auffindbar sind. Unser Ziel ist deshalb, Werke so schnell wie möglich zurückzubekommen, um eine Zerstörung zu verhindern. Problematisch sind dabei aber nicht die von Ihnen genannten Gründe. Die Beweisführung wird nur dann zum Problem, wenn die Objekte zerstört wurden und eine Zuordnung einzelner Teile schwierig ist. Die internationale Kooperation hingegen funktioniert gut und wurde in den letzten Jahren deutlich enger – auch dank EUROPOL, EUROJUST oder INTERPOL. Wenn überhaupt, dann ist eher die Geschwindigkeit problematisch, mit der die Objekte verschwinden, und zwar nicht als Kunstwerk, sondern bereits zerlegt oder als Rohmaterial.

Diadème Impératrice Eugénie, © 2015 GrandPalaisRmn (Musée du Louvre) / Stéphane Maréchalle
P: Wenn Sie Museumsdirektor:innen und Kurator:innen konkrete Maßnahmen empfehlen müssten, die in den kommenden Jahren am meisten Wirkung entfalten, welche wären das?
CK: Diese Frage könnten die Präventionsdienststellen vermutlich besser beantworten, da sie durch ihre Beratungstätigkeit für Museen über umfassendere Vergleichswerte verfügen. Grundsätzlich lässt sich jedoch sagen, dass Täter:innen oftmals weniger an den Objekten als Kunstwerken interessiert sind, sondern am Materialwert. Deshalb wäre der Ersatz besonders gefährdeter Werke durch Repliken in Betracht zu ziehen, wenngleich das kostspielig ist und museal oft kontrovers diskutiert wird. Zugleich zeigt sich, dass die Professionalisierung und Dreistigkeit der Täter:innen zunimmt, weshalb Häuser niemals davon ausgehen sollten, unangreifbar zu sein. Schließlich spielt auch der Faktor Mensch eine Rolle: Es lohnt sich, Personalbedarf und Schulungsstand kritisch zu prüfen. Wobei wir als Kunstfahndung keinen Einblick haben, inwieweit entsprechende Trainings bereits routinemäßig stattfinden.
Vitrine des Joyaux de Napoléon III (1852–1870), Galerie d’Apollon, © 2020 Musée du Louvre / Antoine Mongodin
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