Temporäre Architektur als kulturelle Konstante

Seit dem Jahr 2000 verwandelt sich ein Stück Rasen im Londoner Hyde Park jeden Sommer in ein temporäres Statement. Der Serpentine Pavilion – ursprünglich initiiert mit dem Auftrag an Zaha Hadid, eine wetterfeste Struktur für ein Gala-Dinner zu entwerfen – ist heute zu einem der verlässlichsten Formate geworden, mit dem Architektur einem breiteren Publikum begegnet.
Ein Vierteljahrhundert später ist das Prinzip nahezu unverändert: Jedes Jahr wird ein Architekturbüro eingeladen, einen Pavillon zu entwerfen. Ohne Wettbewerb, aber mit kuratorischem Feingefühl. Die Liste der Beteiligten liest sich wie ein Auszug aus dem Kanon der Gegenwartsarchitektur – von Oscar Niemeyer über SANAA und OMA bis Francis Kéré. Die Bandbreite ist groß, die Lebensdauer begrenzt. Ein Pavillon, ein Sommer, ein Abbau. Und jedes Jahr aufs Neue die Frage: Was bleibt?
In diesem Jahr stammt der Beitrag von Marina Tabassum. Ihre Architektur ist geprägt vom Klima und der Kultur Bangladeschs, wo sie lebt und arbeitet. Der Pavillon in London ist auch heuer zu einem zurückhaltenden, fast asketischen Bau aus lokalem Holz geworden, aufgeteilt in vier aufgeschobenen Elementen, mit einem Ginkgo-Baum im Zentrum. Ein Raum im saftigen englischen Garten, dessen Architektur wiederrum die fragil wirkende Pflanze rahmt.

Serpentine Pavilion 2024, Marina Tabassum, Gingko-Baum gerahmt von Holz und Polycarbonat, Foto: Iwan Baan
Ich wünsche mir, dass jemand den Pavillon kauft und ihn in eine Bibliothek verwandelt.
Gerade weil der Serpentine Pavilion ein jährliches Format ist, stellt er auch eine Frage, die über das Einzelobjekt hinausreicht: Wie temporär darf Kultur sein? Die Leichtigkeit des Formats ist sein Reiz, aber auch seine Schwäche. Denn obwohl viele der Pavillons mit großer Sorgfalt und Materialqualität errichtet werden, bleibt die Frage, was nach dem Ende ihrer kurzen Existenz im Hyde Park passiert.
Im Falle des transparenten Wolkenpavillons von Sou Fujimoto etwa wurde dieser nach seiner Londoner Premiere 2013 demontiert und in Tirana als Reja – The Cloud wiederaufgebaut, wo er heute als Teil des öffentlichen Raums weiterlebt. Marina Tabassum hofft auf einen ähnlichen Weg: „Ich wünsche mir, dass jemand den Pavillon kauft und ihn in eine Bibliothek verwandelt“, sagt sie. Auch deshalb wurde der Bau aus Holz und Polycarbonat konzipiert: wiederverwendbar, transportfähig, bereit für ein zweites Leben. Nur der Boden müsste neu gemacht werden. So wird temporäre Architektur zum Denkmodell, nicht zum Denkmal. Ein Format, das vergänglich ist – und gerade deshalb nachhaltig wirkt.

Marina Tabassum, Architektin aus Bangladesch, die bekannt für klimabewusste, ortsbezogene Architektur ist. Foto © Asif Salman
Dieser Artikel stammt aus der architektur.aktuell-Ausgabe "Raum für Haltung".
architektur.aktuell erscheint gemeinsam mit PARNASS im Medecco Verlag.
