Nachbericht

Symposium zum 100. Geburtstag von Kurt Absolon

Christof Habres war für PARNASS vor Ort und fasst für Sie einige Eindrücke aus den Vorträgen des Symposiums zusammen. Ein Nachbericht.


Die Initiative zum Symposium ging vom Sammler und mittlerweile Absolon-Spezialisten Bernhard Hainz aus. Nachdem Hainz vor drei Jahren das Rudolf-Wacker-Symposium im Museum Ortner miterlebt hatte, war für ihn klar, dass dieser Ort – fast schon im Sinne einer weiterführenden kunstdiskursiven Tradition – auch für eine nähere Auseinandersetzung mit dem Werk von Kurt Absolon richtig sei. Mit Kunsthändler Herbert Giese, Kurator der Sammlung Ortner, fand er einen engagierten Mitstreiter. Giese betont: „Auf Absolon wurde leider in den vergangenen Jahrzehnten viel zu oft vergessen. Er gehört für mich zu dem wichtigen wie prägenden Dreigestirn in den 50er bis zum Anfang der 60er-Jahre – Moldovan, Urteil und Absolon!“

Herbert Giese übernahm auch als „Master of Ceremonydie  Begrüßung zu Beginn der Symposiums und bezeichnete die Initiative zur umfassenden Aufarbeitung des Werkes von Kurt Absolon als lange überfällig. Er unterstrich: „Absolon hat eine Entwicklung in seiner Kunst, in der Moderne abseits der Abstraktion geschafft – er schuf eine ganz eigene wiedererkennbare Welt, natürlich entlang der Natur.“ Das Symposium versammelte Expert:innen aus Kunstgeschichte, Handel und Literatur, die Absolons Bedeutung für die österreichische Nachkriegskunst aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchteten.

neue Einblicke in ein komplexes Gesamtwerk

Der Kurator der Sammlung Hainz, Stefan Üner, der maßgeblich am neuen Werkverzeichnis beteiligt war, gab Einblicke in jahrelange Recherchen und Absolons Rolle im Kunstgeschehen seiner Zeit. Üner zitierte aus persönlichen Aufzeichnungen des Künstlers, die dessen geistige Tiefe greifbar machen: „Ebenso wie die Frage nach dem Sinn des Lebens eine Gewissensfrage ist, die niemals beantwortet werden kann, sondern nur die Überzeugung und geistige Haltung des Befragten aufzeigt, hat auch das Kunstwerk keinen Zweck, ist keine Antwort, keine Lösung und niemals ein Genussobjekt, sondern einfach das Produkt menschlichen Geistes und menschlicher Schöpferkraft, entsprungen der Sehnsucht, dem Dasein Dauer zu verleihen und den Tod durch ein Werk zu besiegen, nicht den leiblichen, wohl aber den geistigen, das Aufgehen in ein Nichts durch ein Zeugnis des Hiergewesenseins zu überwinden."

Kontextualisierung, Neubewertung und kunsthistorische Tiefenschärfe

Berthold Ecker, Kurator am Wien Museum, verortete Absolons Schaffen innerhalb der Wiener Kunstszene der 1950er-Jahre. Kunsthistoriker Matthias Boeckl widmete sich der stilistischen Analyse: Er zeigte, wie Einflüsse von Expressionismus und Surrealismus in Absolons Werk einflossen und zu einer unverwechselbaren, von existenziellen Fragen durchdrungenen Bildsprache führten. Boeckl betonte, dass trotz Anerkennung vieles im Gesamtwerk bis heute ungehoben erscheint. Christian Bauer, Direktor des Schiele Museums, stellte die tiefe, oft übersehene Existenzialität im Werk des Künstlers in den Mittelpunkt und ordnete Absolons sensibel zwischen Figuration und Abstraktion oszillierende Bildsprache überzeugend in die Nachkriegsmoderne ein. Der Beitrag von Stefanie Moser-Maier und Philomena Maier,  Galerie Maier Innsbruck, öffnete den Blick auf die kontinuierliche Vermittlungsarbeit ihres Hauses: Ihr Vater Josef Maier beschäftigte sich früh mit Absolon – zu einer Zeit, als dieser weitgehend in Vergessenheit geraten war. Auf Messen präsentierte die Galerie immer wieder Arbeiten des Künstlers.  Hier knüpft Bernhard Hainz an: „Es war in den Jahren, als wir uns beim Sammeln noch auf die klassische Moderne konzentriert haben, als uns Josef Maier in Innsbruck das Œuvre Absolons vermittelt hat!“ Das war vor über 30 Jahren. Seither hat die Familie Hainz ihre Sammlung stetig um Arbeiten des Künstlers erweitert.

Kurt Absolon, Selbstporträt mit Malpalette, um 1948, Öl auf Papier, 54 x 36,5 cm, Museum Ortner, Wien

Ein poetischer Schluss und die Frage nach dem, was hätte sein können

Den Abschluss bildeten die sprachlich-assoziativen Anmerkungen des Literaten Ferdinand Schmatz, der Absolons Werk aus poetischer Perspektive beleuchtete und Linienführung wie Motivik mit philosophischen und literarischen Konzepten verknüpfte. Kurt Absolon, der zu Beginn seiner Karriere als Hilfsarbeiter arbeitete, um seine künstlerische Unabhängigkeit zu bewahren, erhielt bedeutende Auszeichnungen wie den Theodor-Körner-Preis (1955) und den Förderungspreis der Stadt Wien (1956). Das Symposium zeigte eindrucksvoll, welchen stillen Meister die österreichische Kunstwelt mit seinem frühen Tod 1958 verlor – und wie bedeutend die nun vorliegende Aufarbeitung, initiiert durch Bernhard Hainz, für das kulturelle Gedächtnis ist.

Und doch war es schwierig, Absolons Vermächtnis sichtbar zu halten, wie Hainz betont: „Er hatte schon tolle Ausstellungen, auch nach seinem Tod – in der Albertina, im Joanneum, im Wien Museum oder eine Gruppenausstellung im Rupertinum – jedoch in den 1970er, 1980er-Jahren ist es still um ihn geworden.“ Besonders ärgerlich sei, dass Albertina-Direktor Klaus-Albrecht Schröder eine bereits zugesagte Absolon-Ausstellung nicht realisierte.

Immer wieder stellt sich die Frage nach der möglichen Weiterentwicklung des Werks. Herbert Giese: „Er hätte sich wahrscheinlich doch ein wenig in Richtung Abstraktion begeben, aber er wäre nie vollkommen abstrakt geworden – weil für ihn war die Umsetzung der sichtbaren Welt Inhalt seiner Kunst.“ Hainz verweist auf Briefe, die Stefanie Moser-Maier zitierte: Absolon habe die Zeichnung reduzieren und mehr in Öl arbeiten wollen – nicht zuletzt eine finanzielle Frage. Erst durch die kurz vor seinem Ableben gewonnenen Kunstpreise konnte er sich Ölfarben und Leinwände leisten.

Kurt Absolon, Pierrot oder die Marionette, 1951, Tusche und Aquarell auf Papier, 43,5 x 30,5 cm, Privatbesitz, Wien

Es passiert selten, dass Symposien zu einem Künstler tatsächlich zu einem Erkenntnisgewinn führen. Im Museum Ortner jedoch gelang es: Fast alle Teilnehmer:innen verbanden den Namen Absolon nach diesem Tag nicht mehr nur mit einem kiloschweren Werkverzeichnis, sondern mit einem Menschen und Künstler voller Schattierungen.

Wie es nun weitergeht? Herbert Giese formuliert eine klare Forderung: „Absolon braucht ein, zwei größere institutionelle Ausstellungen – eben auch in der Albertina!“ Und süffisant resümiert er: „Gewisse Maler bekommen zwei, drei Ausstellungen in Institutionen, die bei weitem nicht an seine Qualität herankommen – und es wäre typisch österreichisch, einen Künstler wie Absolon zu übersehen, der für mich unbedingt einen Platz im Palast der heimischen Moderne nach 1945 hat!“

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