Symbole im Lauf der Geschichte

Was von Geschichte bleibt, entscheidet sich nicht immer nur in großen Gesten. Oft sind es Objekte, Rituale und Bilder, die Bedeutungen weitertragen und zugleich verändern. Zeitgleich mit den Olympischen Winterspielen 2026 in Norditalien (Mailand und Cortina d’Ampezzo) nimmt die Ausstellung “What We Carry” im Museion Bozen die olympische Fackel als Ausgangspunkt, um Fragen von Erinnerung, Symbolik und Verantwortung zu verhandeln. Zwischen Design, politischem Kontext und persönlicher Geschichte entsteht ein präziser Blick auf das, was wir weitergeben und was dabei verloren geht. Arian Lehner, Chefredakteur von Architektur Aktuell, jenem Architekturmagazin das gemeinsam mit PARNASS im Medecco Verlag erscheint, hat sich für PARNASS in Bozen umgesehen.
Die Fackel als Objekt und Projektionsfläche
Im Zentrum der Ausstellung steht eine seltene Sammlung sämtlicher olympischer Fackeln von 1936 bis heute. Präsentiert werden sie als Leihgabe der Olympic Aid and Sport Promotion Project Association in einer raumgreifenden Installation von Sonia Leimer:
Auf einer rund fünfzig Meter langen Laufbahn in Form eines Unendlichkeitssymbols angeordnet, werden die 42 aufgestellten Fackeln zu Teilen einer kontinuierlichen Bewegung im Raum. Die Fackeln erscheinen hierbei als Designobjekte, als Trägerin technischer Entwicklungen und als Symbole wechselnder politischer und gesellschaftlicher Narrative. Der Loop vermittelt Kontinuität, macht aber auch sichtbar, wie sehr sich Werte, Ästhetiken und Ideale über Jahrzehnte verschieben.

Installationsansicht "What We Carry", Sonia Leimer, 8, 2025, wood, digital print on carpet, 42 Olympic Torches (Courtesy Olympic Aid and Sport Promotion Project Association), Courtesy of the artist and Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Museion, 2026/26, Foto: Luca Guadagnini
Trennung und Kontextualisierung
Einen bewussten Bruch setzt der zweite Ausstellungsbereich. Christian Kosmas Mayer isoliert die erste olympische Fackel – jener der olympischen Spiele in Berlin von 1936, unter Hitler – in einer eigenen Installation. Statt sie in die Reihe der Objekte einzugliedern, stellt er ihr die Geschichte von Cornelius Cooper Johnson gegenüber. Der afroamerikanische Hochspringer gewann bei den Spielen in Berlin Gold, blieb jedoch sowohl im nationalsozialistischen Deutschland als auch später in den USA ausgegrenzt. Die ihm, als Olympiagold-Gewinner, überreichte deutsche Eiche, gepflanzt in Los Angeles, existiert bis heute. In Mayers Arbeit wird sie zur lebendigen Erinnerung, während die Fackel stumm bleibt.
Die Fackeln fungieren als Trägerinnen widersprüchlicher Bedeutungen. Sie stehen für Gemeinschaft ebenso wie für Ausgrenzung.

Installationsansicht "What We Carry", Christian Kosmas Mayer, The Life Story of Cornelius Johnson's Olympic Oak and Other Matters of Survival, 2017/25, Olympic torch from the 1936 Berlin Games (Courtesy Olympic Aid and Sport Promotion Project Association), Courtesy of the artist and Galerie Nagel Draxler Köln/Berlin, Museion, 2026/26, Foto: Luca Guadagnini
Licht, Ritual und Wiederholung
Ergänzt wird die Ausstellung durch Leimers Videoarbeit Solar (2025). In ruhigen Einstellungen untersucht der Film die rituelle Entzündung der olympischen Flamme durch die traditionelle Anwendung eines Parabolspiegels in Olympia. Licht wird hier nicht als Effekt, sondern als strukturierendes Element verstanden. Die Dauer des Films entspricht exakt der Zeit, die das Sonnenlicht zur Erde benötigt: 8 Minuten und 20 Sekunden. Diese Setzung verleiht der Arbeit eine sachliche Präzision und öffnet zugleich einen meditativen Raum.
Erinnerung als Aufgabe
“What We Carry” verknüpft zeitgenössische Kunst mit Fragen nach kulturellem Erbe, Macht und Sichtbarkeit. Im Museion entsteht so eine Ausstellung, die ordnet und gegenüberstellt. Die Fackeln fungieren als Trägerinnen widersprüchlicher Bedeutungen. Sie stehen für Gemeinschaft ebenso wie für Ausgrenzung. Die Ausstellung macht deutlich, dass Erinnerung kein abgeschlossener Zustand ist, sondern ein fortlaufender Prozess. Was wir weitertragen, verändert sich mit jedem Schritt.

Installationsansicht "What We Carry", Sonia Leimer, Solar, 2025, Video, Courtesy of the artist and Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Museion, 2025/26, Foto: Luca Guadagnini

Sonia Leimer, Solar, 2025, Video, Ultra HD, 8'20", 16:9, Courtesy of the artist and Galerie Nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, © Sonia Leimer / Bildrecht, Wien 2025
LESEN SIE AUCH:

