SOLO Contemporary – das Kunst-Schlaraffenland Spaniens

Ampparito, Anónimo, Madrid, 2026, © by the artist

Warm, freundlich, willkommenheißend: wenn ich an meinen kürzlichen Besuch in Spaniens Hauptstadt zurückdenke, sind dies wohl die prägnantesten Begriffe, die mir in Erinnerung geblieben sind. Sinniere ich weiter, ploppen auch Wörter wie "Taubenschuhe" und "Latexballon" auf – aber dazu gleich mehr. Und natürlich: Kunst, Kunst, Kunst. Denn davon gibt es in den imposanten Ausstellungsräumen von SOLO in Madrid so weit das Auge reicht.


"SOLO" PARA TODOS – EIN PROJEKT FÜR ALLE

Das Kunstprojekt SOLO wurde 2015 von den spanischen Unternehmer:innen Ana Gervás und David Cantolla mit Sitz in Madrid gegründet, im Bestreben, einen Raum zu erschaffen, in dem zeitgenössische Kunst, künstlerische Innovation und die langfristige Zusammenarbeit mit Künstler:innen in den Fokus rücken. Eine umfangreiche Kunstsammlung und mehrere Ausstellungsräumlichkeiten bilden dabei die Basis für ein Netzwerk, das neue künstlerische Ansätze unterstützt, den Austausch zwischen unterschiedlichen kulturellen und gesellschaftlichen Perspektiven fördert und einem vielfältigen Publikum zugänglich gemacht werden soll. 

In den letzten elf Jahren hat die Colección SOLO so über 1300 medienübergreifende Kunstwerke von internationalen Positionen erworben und beleuchtet die Arbeiten in einer jährlich wechselnden Ausstellung aus verschiedenen Perspektiven, mit dem Ziel, die Werke zu re-kontextualisieren und nicht nur untereinander in Dialog treten zu lassen, sondern auch mit den architektonischen Bauten, in denen sie präsentiert werden. 

Eingangsbereich, SOLO CSV, Madrid, 2026, Foto: © PARNASS

Eingangsbereich, SOLO CSV, Madrid, 2026, Foto: © PARNASS

Verstecktes Labyrinth IM ZENTRUM MADRIDS

SOLO CSV (kurz für die Cuesta de San Vicente 36, in der sich die Räumlichkeiten befinden) ist neben der Dependance am Plaza de la Independencia, in der aktuell Gottfried Helnweins "mundos invertidos" gezeigt wird, das zweite Kunstzentrum von SOLO in Madrid. Er ist wohl einer der wunderlichsten und kreativsten Orte, den man in der spanischen Hauptstadt besuchen kann. Stück für Stück wird das nach außen hin unscheinbare Gebäude, das einst eine Druckerei war, renoviert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Für die Planung wurde das estudio Herreros engagiert, das unter anderem auch das Design des Munch Museum in Oslo verantwortete und die Einbindung der exisitierenden Strukturen in die neue Gebäude-Architektur im Umbau priorisiert.
Auf über 4000 m2 entstehen in der Cuesta de San Vicente nun dutzende Räume, die bis ins kleinste Detail minutiös durchdacht wurden und hinter jedem Winkel, an jeder Wand eine Überraschung parat haben. Ob Ken Sortais' aufgeblasene Latex-Skulpturen, Faig Ahmeds surrealistische Teppiche, eine Restaurations-Werkstatt im Keller oder sogar das hauseigene Musiklabel LeCluf. Egal, wohin man den Blick hier schweifen lässt, er wird von Raffinesse, Witz, Qualität und vor allem dem Spaß am Entdecken von Kunst aufgefangen.

Wichtig dabei ist das Konzept des "kreativen Wanderns", wie Rebekah Rhodes, Head of Research bei SOLO, bei unserem Besuch erklärt. "Wir wollen einen Raum erschaffen, in dem man immer wieder neue Überraschungen entdeckt." Eine der Grundideen des Projekts: sich fallen und treiben lassen, entdecken, erfahren, Türen öffnen und dabei immer auf wieder etwas Neues, Unerwartetes stoßen. So dringt man immer weiter vor in die surreale Welt von SOLO, wie in eine Art exzellent kuratierte "Schokoladenfabrik" für Kunstliebhabende.

Gottfried Helnwein, SOLO CSV, Madrid, 2026, Foto: © PARNASS

Gottfried Helnwein, SOLO CSV, Madrid, 2026, Foto: © PARNASS

GURR-GURR

Das verschachtelte Gebäude von SOLO CSV beinhaltet auch zwei hauseigene Galerien: Movimiento 37, wo aktuell in Kooperation mit der in Barcelona basierten Galerie SENDA die Ausstellung "Criaturas Híbridas" mit Arbeiten von Evru/Zush, Sandra Vásquez de la Horra und Gonzalo Guzmán gezeigt wird, sowie Bowman Hal. Letztere war Hauptanlass für unseren Besuch, denn hier präsentiert der spanische Künstler Ampparito aktuell seine erste Einzelausstellung bei SOLO. Sie trägt den kuriosen Namen "uːː ɡʊɾːuː uːː ɡʊɾːuː" und wenn Sie beim Lesen dieses Titels gerade dieselbe Verwirrung verspürten wie ich, empfehle ich Ihnen, den Laut der gemeinen Stadttaube laut nachzuahmen et voilà, wieder eines der vielen Geheimnisse von SOLO gelüftet.

uːː ɡʊɾːuː uːː ɡʊɾːuː

– Taube
Ampparito in der Ausstellung "uːː ɡʊɾːuː uːː ɡʊɾːuː", Bowman Hal, SOLO CSV, Madrid, 2026, Foto: © SOLO

Ampparito in der Ausstellung "uːː ɡʊɾːuː uːː ɡʊɾːuː", Bowman Hal, SOLO CSV, Madrid, 2026, Foto: © SOLO

Wie Ampparito erklärte und in der Ausstellung auch unmissverständlich klar wird, hegt der Künstler eine tiefe Faszination für Tauben, den urbanen Raum und einen gut durchdachten Witz. So sind die gesamten Fußleisten des Ausstellungsraums mit exakt 473 Granitfliesen ausgekleidet, auf denen die vom rauen Stadtleben gezeichneten Füße von Tauben gedruckt wurden, wobei jede einzelne ein Unikat ist. Auf die Frage, warum die Köpfe der Vögel nicht zu sehen sind, antwortet der Künstler: "um ihre Privatssphäre zu schützen, natürlich" – natürlich. Der Granit stammt aus demselben Stein, aus dem auch das Stadtzentrum von Madrid bepflastert wird und lässt uns somit auf subtile Art hinterfragen, wem die Stadt wirklich gehört und in welcher Hierarchie ihre Bewohner:innen zueinander stehen. 

Ich nehme mir Zeit, herumzuwandern um Zufälle und Widersprüchlichkeiten zu entdecken, die uns normalerweise entgehen.

Ampparito
Installationssansicht "Ampparito: uːː ɡʊɾːuː uːː ɡʊɾːuː", Bowman Hal, SOLO CSV, Madrid, 2026, Foto: © PARNASS

Installationssansicht "Ampparito: uːː ɡʊɾːuː uːː ɡʊɾːuː", Bowman Hal, SOLO CSV, Madrid, 2026, Foto: © PARNASS

Tauben-Sandalen, Ampparito, Bowman Hal, SOLO CSV, Madrid, 2026, Foto: © PARNASS

Tauben-Sandalen, Ampparito, Bowman Hal, SOLO CSV, Madrid, 2026, Foto: © PARNASS

Installationssansicht "Ampparito: uːː ɡʊɾːuː uːː ɡʊɾːuː", Bowman Hal, SOLO CSV, Madrid, 2026, Foto: © PARNASS

Installationssansicht "Ampparito: uːː ɡʊɾːuː uːː ɡʊɾːuː", Bowman Hal, SOLO CSV, Madrid, 2026, Foto: © PARNASS

Kuratorin Mun-Jung Chang und Ampparito, Bowman Hal, SOLO CSV, Madrid, 2026, Foto: © PARNASS

Kuratorin Mun-Jung Chang und Ampparito, Bowman Hal, SOLO CSV, Madrid, 2026, Foto: © PARNASS

Ampparito, SOLO CSV, Madrid, 2026, Foto: © PARNASS

Ampparito, SOLO CSV, Madrid, 2026, Foto: © PARNASS

Ampparito, Anónimo, Installationssansicht "uːː ɡʊɾːuː uːː ɡʊɾːuː", Bowman Hal, SOLO CSV, Madrid, 2026, Foto: © SOLO

Ampparito, Anónimo, Installationssansicht "uːː ɡʊɾːuː uːː ɡʊɾːuː", Bowman Hal, SOLO CSV, Madrid, 2026, Foto: © SOLO

SOLO CSV, Madrid, 2026, Foto: © PARNASS

SOLO CSV, Madrid, 2026, Foto: © PARNASS

SOLO CSV, Madrid, 2026, Foto: © PARNASS

SOLO CSV, Madrid, 2026, Foto: © PARNASS

SOLO CSV, Madrid, 2026, Foto: © PARNASS

SOLO CSV, Madrid, 2026, Foto: © PARNASS

Auch Sandalen mit massiven Tauben-Krallen an den Sohlen sind bezeichnend für Ampparitos künstlerische Handschrift. Mit ihnen hinterlässt er nachts heimlich Spuren in den Parks von Madrid um mit den riesengroßen Fußabdrücken Passant:innen zu verwirren und eine Prise Absurdität in den grauen Alltag zu bringen. Stapft der Künstler nicht gerade mit Taubenschuhen durch die Parks, durchfährt er sie mit einer riesigen Spiegelfläche, mit der er das Sonnenlicht bündelt und die Köpfe von Statuen bis zur Unkenntlichkeit blendet. Anónimo, so der Titel der Arbeit, ist ein weiterer non-invasiver und ironischer Eingriff in den öffentlichen Raum, mit dem uns Ampparito die scheinbare Stabilität unserer Umwelt hinterfragen lässt.

Ampparitos Welt ist gespickt mit Insidern, wohldurchdachten Gags und der Begeisterung für das Verborgene und Absurde in unserer täglichen Umgebung. Seine Antwort auf eine Welt, die von Regeln, Alltagstrott und repetitiven Mustern lebt ist die Unterbrechung ebendieser durch poetische Trompe-l'œils, brillanten Humor und kalkulierte Interventionen, für deren Umsetzung sich der Künstler auch von den Grenzen der Legalität nicht abschrecken lässt. So lässt er in "uːː ɡʊɾːuː uːː ɡʊɾːuː" noch bis 21.11.26 die städtischen Illusionen spielerisch zerbröckeln und fordert uns auf, einen Blick hinter die Ernsthaftigkeit und Ignoranz unserer Zeit zu werfen. Eine Einladung, der man gerne folgt, um sich anschließend noch weiter im unendlichen Kunst-Labyrinth von SOLO zu verlieren.

 


AMPPARITO:  uːː ɡʊɾːuː uːː ɡʊɾːuː

Bowman Hal / SOLO CSV, Madrid
bis 21.11.26

Mehr Informationen


HELNWEIN:  MUNDOS INVERTIDOS

SOLO Independencia, Madrid
bis 28.11.26

Mehr Informationen

PARNASS 03/2026

PARNASS 03/2026

JETZT ABONNIEREN

 


LESEN SIE AUCH:

Das könnte Sie auch interessieren