Smackdown der Wirklichkeit – „Attitude Era“ im Kunstraum Niederoesterreich

Wrestling als Blaupause einer Gegenwart in permanenter Eskalation: „Attitude Era“ im Kunstraum Niederoesterreich wirft sich mit sichtlichem Vergnügen in genau jene Übersteuerung hinein, die sie verhandelt. Der Ausstellungstitel verweist auf die Boomjahre der World Wrestling Federation um die Jahrtausendwende, als rohe Gewalt und trashige Storylines das Spektakel über die Wirklichkeit triumphieren ließen.
Kayfabe Nation
Die von Frederike Sperling und Pia Wamsler kuratierte Gruppenschau basiert auf Abraham Josephine Riesmanns Analyse des Wrestlings als System, das die Öffentlichkeit trainiert, ihre Wahrnehmung flexibel an die Wendungen des Skripts anzupassen. Dass dieser Mechanismus längst aus dem Ring hinaus in Politik und Medien diffundiert ist, demonstriert kaum jemand deutlicher als Donald Trump. Als bekennender Fan perfektionierte er die Figur des Wrestling-"Heel", des Antagonisten, der Aufmerksamkeit durch Provokation erzeugt.
The Heat Is On
Wie tief die "Kayfabe"-Logik inzwischen auch Identitäten prägt, zeigt „Attitude Era“ mit einem treffenden „Booking“: Mit der gebürtigen Wienerin und Angewandte-Absolventin Thekla Kaischauri holt sich der Kunstraum Niederoesterreich nicht bloß eine Insiderin der Wrestlingszene, sondern gleich die amtierende AEW Women’s World Champion ins Haus. Ihre Malerei „The Ring“ kreist um jene Unschärfen, in denen öffentliche Rolle und Privatperson kaum mehr zu trennen sind.

Toxic Thekla, The Ring, 2023, © Thekla Kaischauri
Der Punch von „Attitude Era“ liegt darin, dass sich die Ausstellung dem Spektakel nicht moralisch überlegen gibt.
Reality Rumble
Wie Uneindeutigkeit auch unseren Alltag prägt, zeigt Zuzanna Czebatuls anhand einer riesigen rotierenden Ecstasy-Pille mit den Begriffen "Reality" und "Embargo". Letzteres erscheint nicht als geopolitische Maßnahme, sondern als Fantasie eines Informationsstopps in einer Gegenwart halluzinatorischer Dauererregung. Die Überforderung setzt sich in Chuns Textilarbeit „Dobbergun“ fort. Ndayé Kouagous Videoarbeit „A to Z“ verschiebt die Desorientierung schließlich in einen hypnotischen Strom aus rhetorischen Schleifen.
Empire Slam
Besonders überzeugend wird die Ausstellung dort, wo sie ihre Gegenwartsanalysen historisch rückbindet. Kiki Furlans plüschige Spielzeuglokomotive „Railway Works“ ist eine verniedlichte Miniatur jener industrialisierten Moderne, deren Eisenbahnnetze globale Ausbeutungsverhältnisse erstmals dauerhaft profitabel machten. Andrea Ferrero gießt für „It portends something awful for us“ einige Wasserspeier des Stephansdoms in Hohlformen aus Schokolade. Kakao und Zucker stehen dabei exemplarisch für jene kolonialen Extraktions- und Begehrensökonomien, auf denen westlicher Wohlstand bis heute basiert.
Last Man Standing
Alice Bucknells Videoinstallation „Zonomata“ denkt dystopisch in die Zukunft. Aus den Dialogen eines mit Daten des Architekturbüros MVRDV trainierten Chatbots entsteht ein technokratisches Endzeitszenario, in dem Rem Koolhaas, Winy Maas und Bjarke Ingels demokratiebefreite Luxus-Enklaven für Superreiche entwerfen. Das ist absurd, größenwahnsinnig und nicht einmal unvorstellbar.

Zuzanna Czebatul, Macromolecule Exploiting Some Biological Target (Reality/Embargo), 2023, © Zuzanna Czebatul
Der Punch von „Attitude Era“ liegt darin, dass sich die Ausstellung dem Spektakel nicht moralisch überlegen gibt. Dass dabei vieles grotesk, witzig und zugleich beunruhigend wirkt, gehört ganz folgerichtig zum Skript.
Künstler*innen: Alice Bucknell, Chun, Zuzanna Czebatul, Andrea Ferrero, Kiki Furlan, Ndayé Kouagou, Toxic Thekla
Attitude Era
03.06. – 27.07.2026
Kunstraum Niederoesterreich
kuratiert von Frederike Sperling & Pia Wamsler
Rahmenprogramm:
Führungsreihe „Through the lens of…“
Do, 25.06.2026, 18:30 Uhr, mit Eric BigClit, Wrestling-Dragking
Mi, 15.07.2026, 18:30 Uhr, mit Stefanie Fridrik, politische Bildnerin
Führung mit Ko-Kuratorin Pia Wamsler
Di, 07.07.2026, 18 Uhr
Workshop „Computed Reality“
mit Brooklyn Pakathi und freakygreenfish
Sa, 25.07.2026, 12:30 – 15 Uhr

Chun, Dobbergun, 2024, © Chun

