Skulptur im Wandel der Zeit

Abseits von jeglichem Trubel beherbergt das Museum Liaunig im Kärntner Jauntal die Kunstsammlung der Industriellenfamilie Liaunig. Nach der Winterpause startet der heurige Ausstellungsbetrieb nun mit „(K)ein Begriff. Skulpturales aus der Sammlung Liaunig“.
Fritz Wotrubas „Große stehende Figur“ (1954) steht im Zentrum der Ausstellung, die Kuratorin Alexandra Schantl zusammengestellt hat und die sich mit den Entwicklungen der österreichischen Skulptur seit 1945 auseinandersetzt. Ausgangspunkt ist die menschliche Figur, die bei Wotruba in blockhafter, stark reduzierter Form erscheint. Seine Student:innen entwickelten diesen Ansatz weiter, teils in deutlicher Abgrenzung, wie Andreas Urteil, „der bald einen großen Sprung hin zu sehr viel Bewegung unternimmt“, wie Schantl erklärt. Aber auch Joannis Avramidis, Otto Eder, Josef Pillhofer oder Erwin Reiter stehen für unterschiedliche Weiterentwicklungen dieses Erbes.
Einen bewussten Kontrapunkt setzt Schantl mit Gerda Fassels explizit körperlicher und sinnlicher Figur von 1979, deren Oberfläche aufgebrochen ist „sodass das Innere herauszutreten scheint“, so die Kuratorin. Die im Vorjahr verstorbene Bildhauerin war eine der wenigen Frauen in einer bis in die 1980er-Jahre männlich dominierten Domäne und prägte auch als langjährige Leiterin der Klasse für Bildhauerei an der Universität für angewandte Kunst, die sie in der Nachfolge von Alfred Hrdlicka übernahm, eine Reihe an Künstler:innen der jüngeren Generation.
Auch andere Positionen greifen die Tradition der stehenden oder schreitenden Figur auf, entwickeln sie allerdings weiter. Prototypisch ist hier eine Arbeit von Marianne Maderna, deren stilisierte, fast seelenlose Form zwischen Figur und Abstraktion steht. Parallel dazu sind gegensätzliche Ansätze im Umgang mit Material zu sehen: Während Fritz Wotruba Formen aus dem Stein herausarbeitet, betont Karl Prantl das Eigenleben des Steins. „Diese Haltung verschiebt den Fokus von der Formgebung zur Materialpräsenz“, so Alexandra Schantl.
Mit Künstlern wie Roland Goeschl wird ein radikaler Bruch sichtbar. Goeschl, langjähriger Assistent Wotrubas, beginnt bereits früh, Skulpturen farbig zu fassen, zunächst rot und blau, später auch gelb. Das widersprach der damaligen Doktrin, nach der nur das Material Stein im Vordergrund stehen sollte. Und auch Ingeborg Pluhar, die ebenfalls bei Wotruba studierte, entfernte sich von der Figur und widmete sich Raum, Collage und Zeichnung.

Ausstellungsansicht „(K)ein Begriff – Skulpturales aus der Sammlung Liaunig“, Arbeiten von Herbert Flois, Tone Fink, Tilmann Zahn und Christiane Reiter, © by the artists / Bildrecht, Wien 2026, Foto: Museum Liaunig
Diese Öffnung des Skulpturenbegriffs, weg von Masse, hin zu Raum, bildet die Brücke zum zweiten Ausstellungsteil, „in dem die Vielzahl an Materialien und die Durchlässigkeit der Gattungsgrenzen im Mittelpunkt stehen, beginnend mit der Verräumlichung von Buchstaben“, so Alexandra Schantl. Werke von Josef Bauer, Wander Bertoni, Fabian Seiz, Franz Pichler, Alfredo Barsuglia oder Leo Zogmayer sind hier zu sehen.
Zeitgenössische Positionen, Assemblagen und auch Skulpturen, die aus Linien, Licht, Schatten und Leerräumen bestehen, erweitern diesen Diskurs. Eva Schlegel ist mit einem Spiegel vertreten, der ein fragmentiertes, räumliches Wahrnehmungsfeld eröffnet. Regina Zachhalmel arbeitet mit billigen Textilien und reflektiert deren Ressourcenverbrauch. Katharina Kleibel nutzt bestickte Stoffe für persönliche und politische Botschaften. Christiane Reiter entwickelt aus der Faltung einer Origami-Figur eine skulpturale Papierarbeit, deren dichte Farbflächen dem Objekt Körperlichkeit verleihen, und last but not least ist Frenzi Rigling mit einer textilen Rauminstallation vertreten.
Die Ausstellung zeichnet mit einer unglaublichen Fülle an Objekten aus der Sammlung Liaunig die Entwicklung der Skulptur und Plastik in Österreich von der kompakten, körperbezogenen Form Wotrubas hin zu einer vielschichtigen, konzeptuellen Praxis nach. Die menschliche Figur bleibt Ausgangspunkt, wird jedoch zunehmend fragmentiert, abstrahiert und schließlich in Sprache, Material und Raum überführt. Skulptur erscheint so als dynamisches Feld, das sich ständig neu definiert.
Zusätzlich zu der Ausstellung „(K)ein Begriff. Skulpturales aus der Sammlung Liaunig“ finden im Museum Liaunig heuer folgende Ausstellungen statt:
- Elisabeth und Elmar Trenkwalder – Bilder und Skulpturen (bis 19. Juli 2026)
- 90 Jahre Hellmut Bruch – „Vom Elementaren zu Offenen“ (2. August bis 31. Oktober 2026)
- Robert Tauber – Dem Raum zugeschrieben (bis 31. Oktober 2026)
- Kunst im Dialog – Walter Schramm Fotografien (bis 31. Oktober 2026)
- Das Gold der Akan, Gläser von 1500 bis 1850, Portraitminiaturen – Historische Sammlungspräsentationen (bis 31. Oktober 2026)

Ausstellungsansicht „(K)ein Begriff – Skulpturales aus der Sammlung Liaunig“, Arbeiten von Katharina Kleibel und Jochen Traar, © by the artists / Bildrecht, Wien 2026, Foto: Museum Liaunig




