Sini Coreth

I came with the Rain and I leave with the Wind
So beschrieb Sini Coreth ihre Zeit im Oman, dessen Landschaft und Menschen sie auch nach ihrer Rückkehr nach Europa stets verbunden bleiben sollte. Ihre Videoarbeiten zeigen auf beeindruckende und sensible Weise Emotionen und Gedanken stets auf der Suche nach der die Essenz des Lebens. Nun ist die Künstlerin Sini Coreth im 87. Lebensjahr verstorben.
Ich habe Sini stets als fröhliche und immer neugierige Künstlerin erlebt, die oft allen bürokratischen und politischen Hürden überwunden hat, um Künstler:innen aus dem Iran, dem Oman und anderen Teilen der Welt in Wien zu zeigen. In der Zusammenarbeit mit ihr, bei einigen meiner früheren kuratorischen Projekte, hat mich ihre beeindruckende Offenheit und ihr Engagement für Menschen, die abseits der Gesellschaft leben stets beeindruckt. Sie durch ihre künstlerische Arbeit zu unterstützen und in das Blickfeld zu rücken war für sie selbstverständlich stand. Geboren am 17. März 1939 studierte sie bei den Bildhauer Ossip Zadkine in Paris, absolvierte die „Graphische“ in Wien, das School of Art Institute in Chicago, studierte Science Politique Paris und Butoh Dance in Tokio, Film und Videoschnitt in Wien. Kein Wunder also, dass im Zentrum ihrer künstlerischen Arbeit die persönliche Auseinandersetzung zwischen den Kulturen – vor allem zwischen der europäischen und arabischen Welt stand, stets auch verbunden mit den eigenen menschlichen Erfahrungen in einer fremden Gesellschaft. Als Künstlerin, aber auch als Kuratorin versucht sie Grenzen zu überwinden, nicht nur geografische, sondern vor allem jene die gegenüber dem Fremden, dem Anderen besteht.
Die Qualität und die Chance eines harmonischen Zusammenlebens mit Menschen unterschiedlicher interkultureller Herkunft hängt von gegenseitiger Wertschätzung ab. Angst vor dem Anderen führt zu Einschränkungen und Vorurteilen. Neugierde gegenüber dem Anderen hält den interkulturellen Austausch und Dialog zwischen Menschen lebendig, die von Einwanderern aus verschiedenen Ländern umgeben sind.“
So zeigte etwa die Video- und Objektinstallation „Borderline“ (2006) die Grenzlinie innerhalb eines gesellschaftlichen Systems, wo der Betroffene, der sich nicht dem Rhythmus seiner Generation anpassen kann, zur Sprachlosigkeit verurteilt ist. Ihre Einsamkeit macht es ihnen unmöglich sich selbst zu finden. Das im selben Jahr entstandene Video „on the way to...“ zeigt in einer filmischen Überblendung, Einblicke in Straßenzüge der jemenitischen Stadt Sanaa und New York. Menschen bewegen sich in den Städten, angepasst an den jeweiligen Rhythmus. Das Gehen steht dabei auch für den Weg, der notwendig ist, um auf das Fremde zuzugehen – es zu akzeptieren. „Die Tätigkeit ist verbunden mit langsamen Schritten, mit Freuden, mit Verwerfungen, mit langem Nachdenken. Der Vorgang entspricht der Erwanderung einer Landschaft, die jederzeit ihr Gesicht wechseln kann“, so der Kunsthistoriker und Museumsfachmann Dieter Ronte über Sini Coreth. Ihre Fotoserie „Doom“ zeigt Kinder aus unterschiedlichsten Krisengebieten. Ihre Videos sind jedoch nie Dokumentationen. Mittels Überblendungen von Straßenzügen, Landschaften, Architektur und den darin agierenden Menschen, schuf sie mehrere visuelle Ebenen, die durch Audioeinspielungen noch verstärkt wurden. Es entstanden Bilder, die sich mit den Emotionen, mit den Gedanken der Menschen und auch ihren eigenen, beschäftigen, ohne jedoch die im Film agierenden Personen zu porträtieren. Augen, Hände oder der Rhythmus ihrer Bewegungen wird zum Ausdrucksträger.
Das Vertraute hinter sich zu lassen und sich mit dem bislang Fremden auseinanderzusetzen, sei es im künstlerischen Sinn oder in einer persönlichen Entwicklung – unter diesem Aspekt sah Sini Coreth stets ihre künstlerische Praxis und begegnete dem Fremden ohne Vorurteile und mit großem Respekt. Indem sie damit verbundene Fragestellungen thematisierte, zeigen sie tradierte Standpunkte und gesellschaftliche Konditionierungen auf und ermöglichte Begegnungen über politische und gesellschaftliche Grenzen hinweg stets auf der Such nach Möglickheiten für einen interkulturellen Dialog, denn sie nahzu appelartig postulierte.
Sini Coreth, die jahrelang in ihre Mühle, die idyllisch im Wald nahe Pöchlarn in Niederösterreich, gelegen war lebte und arbeitete, war stets eine sensible Beobachterin gesellschaftspolitischer Tendenzen und Missstände. Doch nur die Rolle der Beobachterin lag ihr nicht. Engagiert initiierte sie künstlerische Projekte, um unter anderen auf die wichtige Integrationsarbeit für Flüchtlingen und Menschen am Rande der Gesellschaft aufmerksam zu machen. Eines dieser Beispiele war das Kunstprojekt „Last Supper“ 2013/14 in der Wiener Zacherlfabrik. Anlass war der Marsch von 60 Asylsuchende im Winter 2012/13 von Traiskirchen zur Wiener Votivkirche und deren Besetzung, gefolgt von einem Hungerstreik und der Abschiebung von acht Flüchtlingen im Sommer 2013. „Die Menschen, die zu uns kommen, suchen nach Integration. Sie haben keine Straftaten begangen, mussten jedoch vor den gnadenlosen Gewalttätern in ihrem Land fliehen, in das sie zurückgeschickt werden sollen.“ Neben dem politischen Protest hat die Sprache der Kunst die Möglichkeit, Vorurteile abzubauen und die Österreicher sowie die Medien zu mobilisieren, um ein nachdenkliches, respektvolles Denken zu vermitteln, so Sini Coreths Statement. „Sie sind Menschen wie wir und wünschen sich das Recht, gehört zu werden. und wir wollen diesen Flüchtlingen in einer Ausstellung ihre Stimme zurückgeben, in der wir sechs Flüchtlinge zu einem symbolischen ‚Letzten Abendmahl‘ einladen.“ Das Projekt fand breite Beachtung in den Medien und wurde auch in der Kunsthalle Wien, im MUSA, im Essl Museum, im Haus der Künste in Brünn und in der Kunstgalerie von Bosnien und Herzegowina gezeigt. Und ist aus heutiger Sicht wie ein visionärer Vorausblick auf das Jahr 2015.
Neben dem politischen Protest hat die Sprache der Kunst die Möglichkeit, Vorurteile abzubauen und die Österreicher sowie die Medien zu mobilisieren, um ein nachdenkliches, respektvolles Denken zu vermitteln,
Für die Kinder im Macondo, einer seit 1996 bestehenden Flüchtlingssiedlung in Wien Simmering, organsierte sie 2009 gemeinsam mit dem Fotografen Yuval Tebol aus Tel Aviv, einen Fotoworkshop mit der Aufgabe die kulturelle die kulturelle Vielfalt im Alltag von Macondo zu erkunden. Die Fotografin Eman Mohammed aus Gaza beteiligt sich an diesem Projekt mit ihren Fotos von Kindern aus einer Gegend, in der der Kampf ums Überleben keine Zeit lässt, an die Hoffnung auf ein Zusammenleben zu denken. „Unser Ziel ist es, den Kindern aus Macondo neue Perspektiven zu eröffnen, indem wir ihnen den Umgang mit einer Fotokamera beibringen. So werden sie selbst zu Fotografen und sind nicht mehr aus sozialen, politischen und wirtschaftlichen Gründen nur noch Motiv oder Objekt.“, schrieb Sini Coreth damals zu dem Projekt. So ließe sich noch eine Vielzahl an Initiativen und Werken der Künstlerin aufzählen. Formal waren ihre Videoarbeiten stets markant reduziert, oft Schwarz-Weiß. „Eine variantenreichen Minimalität, deren Reduzierung nicht das Prinzip, sondern als Basis für Vielfalt verstanden wird. Auf den ersten Blick ist dieser Reichtum nicht formal erkennbar, weil er primär ein gedanklicher ist.", so Dieter Ronte treffend über Coreths künstlerisches Werk. „Ihre Erfahrungen prägen ihr Formvokabular.“
Coreths künstlerisches Werk war stets vom Wandel der Zeit geprägt und wirkte doch über diese hinweg, da sie sich darin stets essenziellen Fragestellungen widmete, dem Menschsein per se. Ihr Werk glich einer Reise schrieb der japanische Tänzer Ko Murobushi über Sini Coreht „… eine Reise in Richtung einer Reise, geprägt von ständiger Verwandlung, fortwährender Zerstörung und der Entdeckung neuer Formen.“,
