Kerry James Marshall in Zürich

Sichtbarmachen der Geschichte

Kerry James Marshall. The Histories, Ausstellungsansicht Kunsthaus Zürich, 2026, © Kerry James Marshall, Foto: Franca Candrian, Kunsthaus Zürich

Das Kunsthaus Zürich zeigt schweizweit die erste umfassende Ausstellung des afroamerikanischen Künstlers Kerry James Marshall, dessen "Painter" auch unser Frühjahrscover 2026 schmückt.


Die Schau entstand in Zusammenarbeit mit der Royal Academy of Arts in London und dem Musée d’Art Moderne de Paris. Nach London ist sie in Zürich, danach noch in Paris zu sehen. Der Titel der Ausstellung »Kerry James Marshall: The Histories/Geschichte(n)« offenbart ein Hauptanliegen des Künstlers: Schwarze Geschichte sichtbar zu machen.

Marshall (*1955 Birmingham, Alabama, USA) thematisiert gesellschaftliche Repräsentation, Kunstgeschichte und soziale Machtverhältnisse in seinen Werken ebenso farbenprächtig wie kompositorisch komplex und anspielungsreich. In seinen großformatigen figurativen Bildwelten finden sich sowohl Zitate aus der Kunstgeschichte als auch neue thematische Verflechtungen. Marshall verbindet dabei europäische und afrikanische Traditionen sowie Mythen.

Kerry James Marshall. The Histories, Ausstellungsansicht Kunsthaus Zürich, 2026, © Kerry James Marshall, Foto: Franca Candrian, Kunsthaus Zürich

Kerry James Marshall. The Histories, Ausstellungsansicht Kunsthaus Zürich, 2026, © Kerry James Marshall, Foto: Franca Candrian, Kunsthaus Zürich

Für Kerry James Marshall vermögen Bilder Menschen zwar nicht zu einer Handlung zu motivieren, aber sie regen die Betrachter:innen zu Fragen an, die sie sich vorher nicht gestellt haben.

Nana Pernod

Einige der Werke sind wahre Historienbilder, die Themen anschneiden, die von der Geschichtsschreibung oft ausgeblendet wurden, wie die Beteiligung von Schwarzen am Sklavenhandel im Bild »Haul« (2025, Acryl auf PVC-Platte). Das Außerordentliche an Marshalls Historienbildern ist das Einbinden von Alltagsszenen, die so Teil der Geschichte werden. Das fröhliche, ausgelassene und spontane Moment der Schwarzen Protagonist:innen seiner Werke lässt thematisch gewichtige Themen leichter wirken.

Marshall geht davon aus, dass es in den USA und Europa unter anderem deshalb viel weniger Schwarze als weiße Museumsbesucher:innen gibt, weil fast keine Schwarzen als Hauptfiguren in den Werken der institutionellen Sammlungen zu entdecken sind. Das möchte er ändern. Seit Mitte der 1980er-Jahren setzt sich seine Malerei mit der westlichen Tradition der Historienmalerei auseinander und hinterfragt deren Leerstellen und Ausschlussmechanismen.

Kerry James Marshall, Haul, 2025, Acryl auf PVC-Platte in Künstlerrahmen, 219,3 × 320,7 cm, © Kerry James Marshall. Image courtesy of the artist and David Zwirner, London

Kerry James Marshall, Haul, 2025, Acryl auf PVC-Platte in Künstlerrahmen, 219,3 × 320,7 cm, © Kerry James Marshall. Image courtesy of the artist and David Zwirner, London

Konsequent stellt er in seinen Bildern Schwarze Menschen in den Fokus.

Nana Pernod

In seinen Werken werden auch politische Ereignisse wie die US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung, die er selbst erlebt hat, thematisiert. Seine figurativen Arbeiten fallen durch starke Farbigkeit, Detailreichtum und Virtuosität auf. Obwohl großformatig, erzählen sie auf kleinem Raum viele simultane Geschichten, die die Betrachter:innen Schritt für Schritt entdecken können. Bildaufbau und Ausführung sind dem Künstler sehr wichtig: Es ist eine überlegte und bis ins Detail komponierte Kunst. In der Ausstellung sind viele großformatige Leinwandbilder ungerahmt an der Wand befestigt, die meisten der gezeigten Werke sind in Acrylfarben gearbeitet, einige wenige in Mischtechnik.

Für Kerry James Marshall vermögen Bilder Menschen zwar nicht zu einer Handlung zu motivieren, aber sie regen die Betrachter:innen zu Fragen an, die sie sich vorher nicht gestellt haben. Und darum geht es dem Künstler: das Sichtbarmachen jener Teile der Geschichte, die bisher nicht wirklich Gehör fanden.
Malerisch fasziniert ihn die Farbe Schwarz in ihren verschiedenen Tonalitäten. Er stellt etwa die Frage, ob ein schwarzer Gegenstand im Schatten noch schwärzer würde. Das sind neben der Komposition, dem Hauptaugenmerk Marshalls, seine malerischen Reflexionen, die mit der vielschichtigen und gewichtigen thematischen Diskussion einhergehen. Auch die Faszination für Cartoons schwingt in seiner Arbeit mit.

Die Zürcher Schau ist in elf Werkzyklen aus 50 Schaffensjahren gegliedert. Den Zyklus »Afrika neu betrachten«, zu dem auch das erwähnte Bild »Haul« zählt, malte der Künstler eigens für diese Ausstellung. Für Kerry James Marshall ist die Realität immer komplex, und vieles davon wird nicht erzählt. Auch das möchte er mit seinen Bildern ändern. Dass er einer der wichtigsten zeitgenössischen Kunstschaffenden ist, zeigen auch die Preise seiner Werke: Sein Bild »Past Times« wurde im Jahr 2018 für 21,1 Millionen US-Dollar verkauft.

Kerry James Marshall, Untitled (Painter), 2008, Acryl auf PVC-Platte, 184,8 × 155,6 cm, Harvard Art Museums/Fogg Museum, Cambridge, MA. Richard Norton Memorial Fund and purchase through the generosity of Nancy B. Tieken, © Kerry James Marshall. Courtesy of the artist and David Zwirner, London. Foto: Anne Arca

Kerry James Marshall, Untitled (Painter), 2008, Acryl auf PVC-Platte, 184,8 × 155,6 cm, Harvard Art Museums/Fogg Museum, Cambridge, MA. Richard Norton Memorial Fund and purchase through the generosity of Nancy B. Tieken, © Kerry James Marshall. Courtesy of the artist and David Zwirner, London. Foto: Anne Arca

 


KERRY JAMES MARSHALL. The Histories

bis 16. August 2026
Kunsthaus Zürich

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Kerry James Marshall. The Histories, Ausstellungsansicht Kunsthaus Zürich, 2026, © Kerry James Marshall, Foto: Franca Candrian, Kunsthaus Zürich

Kerry James Marshall. The Histories, Ausstellungsansicht Kunsthaus Zürich, 2026, © Kerry James Marshall, Foto: Franca Candrian, Kunsthaus Zürich

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