Seife, Lorbeer, Flucht – wie Iris Andraschek geopolitischen Dynamiken nachspürt

Ausstellungsansicht "Iris Andraschek. Würdigungspreisträgerin 2025", Kunstmeile Krems, 2025/26, © Iris Andraschek/ Bildrecht, Wien 2025, Foto: Agnes Winkler

Die Landesgalerie Niederösterreich zeigt eine Personale der diesjährigen Würdigungspreisträgerin Bildende Kunst des Landes Niederösterreich.


Iris Andraschek, 2025 mit dem Würdigungspreis des Landes Niederösterreich in der Sparte Bildende Kunst ausgezeichnet, steht für eine multimediale Praxis, die sozialpolitische Spannungen freilegt und das Alltägliche mit historischen Bezügen verknüpft.
Ihr unprätentiöser Blick prägt auch die Personale in der Landesgalerie Krems. Hier zieht ein Geruch von Seife und Lorbeer durch die Ausstellungsräume. Vor zehn Jahren stieß die Künstlerin in Istanbul auf die Aleppo-Seife Sabun al-Ghar, deren Aroma an Harz, Staub und Hitze erinnert. Aleppo lag in Trümmern, die Seifensieder waren geflohen. Ihrer Spur folgend, gelangte die Künstlerin nach Gaziantep und weiter nach Antakya, dem antiken Antiochia, wo seit dem 9. Jahrhundert Lorbeer kultiviert wird.

Dieses Stück Weltkulturerbe, zugleich Heimatduft und Exilgeruch, bildet den Kern der Installation „Sabun Ghar“ (2018–heute): Hunderte Seifenblöcke formen in Teilen den Grundriss des zerstörten Basars von Aleppo nach. Der Duft selbst wird darin zum Träger des Unsagbaren – eine sanfte Präsenz, die an das Grauen rührt, das sie überlebt hat. Iris Andraschek verbindet die Installation mit dem Mythos von Daphne, die, um einer Vergewaltigung durch Apollo zu entgehen, in einen Lorbeerbaum verwandelt wurde. In dieser archaischen Szene von Schrecken und Rettung findet die Künstlerin ein Motiv, das in ihrem Werk immer wiederkehrt: Schutz durch Verwandlung.

Seit Jahrzehnten arbeitet Iris Andraschek an jenen Zonen, in denen leise, doch folgenschwere Verschiebungen stattfinden – Orte, an denen alternative Lebensformen aufscheinen und Fragen nach einem gerechteren Zusammenleben dringlich werden. 

In Zeiten verhärteter Positionen ist es wichtig, den Weg des Dialogs zu finden. Mit meiner Kunst möchte ich diesen Weg vorbereiten und anbieten.

Iris Andraschek

 

Iris Andraschek, Alle Zukunft fließt ins Innere, 2025, © by the artist, Bildrecht, Wien 2025

Iris Andraschek, Alle Zukunft fließt ins Innere, 2025, © by the artist, Bildrecht, Wien 2025

Ihre neue Serie „Hybrid Talks“ (2025) steht emblematisch für dieses Denken: Galvanisierte Halme, Ranken und Wurzeln ziehen sich über die Wände der Landesgalerie. Zwischen ihnen schweben Sprechblasen mit Texten über Beweidung, Saatgut und geopolitische Dynamiken. Sie verdeutlichen, wie evolutionäre Überlebensstrategien industriell vereinnahmt werden, während jede Modifikation am Erbgut die Artenvielfalt bedroht und jene, die säen und ernten, tiefer in globale Abhängigkeiten drängt.

Zugleich deuten in „Hybrid Talks“ die Pflanzen ein anderes Verhältnis zur Welt an, eines, das nicht auf Profit zielt, sondern daran erinnert, dass unsere Zukunft nur in einer Kooperation mit dem Lebendigen wurzeln kann. Passend dazu legt sich über die metallisch erstarrte Natur ein leises Brummen: Die Künstlerin hat einen alten Bienenwagen, einst Teil der Wanderwirtschaft, in ein kleines Kino transformiert. Zu sehen sind etwa ein Bauer aus Ontario und eine Saatgutvermehrerin aus St. Leonhard – Stimmen, die wissen, wie viel Wert in einer Handvoll Erde liegt.

Ausstellungsansicht "Iris Andraschek. Würdigungspreisträgerin 2025", Kunstmeile Krems, 2025/26, © Iris Andraschek/ Bildrecht, Wien 2025, Foto: Agnes Winkler

Ausstellungsansicht "Iris Andraschek. Würdigungspreisträgerin 2025", Kunstmeile Krems, 2025/26, © Iris Andraschek/ Bildrecht, Wien 2025, Foto: Agnes Winkler

Parallel richtet Andraschek in ihren Fotografien die Aufmerksamkeit auf jene Pflanzen, die bleiben, wenn der Mensch längst weitergezogen ist. „Sekundäre Wildnis“ nennt sie diese zweite Natur – halb gezähmt, halb entglitten –, in der sich die Widersprüche unserer Gegenwart bündeln: Kontrolle und Nachlässigkeit, Ordnungssog und Eigensinn.

Die Ausstellung in der Landesgalerie Krems zeigt eindrucksvoll, wie weit Andrascheks Blick reicht – vom unscheinbaren Samenkorn bis zu globalen Erschütterungen. Ihr Werk ist von einem poetischen Realismus geprägt, der das Beiläufige und das Ausgegrenzte ernst nimmt. Mit vorausschauendem Denken und einem tiefen Verantwortungsgefühl für das Erbe der Erde arbeitet Iris Andraschek aus der Überzeugung heraus, „dass jedes engagierte Handeln politisch wirksam werden kann“.
 


IRIS ANDRASCHEK

Landesgalerie Niederösterreich
bis 03.05.2026

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Iris Andraschek im Atelier, © by the artist

Iris Andraschek im Atelier, © by the artist

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