Schritte sammeln in Barcelona – das Gallery Weekend 2026

Barcelona gehört zu den europäischen Metropolen, die besonders stark vom Massentourismus betroffen sind. Das liegt sicher an der Wärme und der Schönheit der Stadt. Und vielleicht auch an ihrem reichen Kunstangebot. Die Besuchenden scharen sich vor Antoni Gaudis Casa Mila oder dem Casa Batlló, oft werden die Häuser zur Selfie-Kulisse, begegnet man ihnen doch mitten im Stadtzentrum. Aber auch die Fondacion Joan Miro auf dem Hügel Montjuïc, den Pavillon von Ludwig Mies van der Rohe, das Museu Tàpies und natürlich das Museu Picasso wollen viele bei einer Barcelona-Reise besichtigen. Leicht vergisst man da, noch weiter hinein zu zoomen und kleinere, weniger beworbene Kunstorte zu erkunden. Einmal im Jahr jedoch wird man an einem Wochenende im September daran erinnert, auch den vielen Galerien der Stadt einen Besuch abzustatten.
Das Barcelona Gallery Weekend, organisiert von der Vereinigung „ArtBarcelona. Galeries“, fand dieses Jahr schon zum zwölften Mal statt. Vier Tage lang öffneten 25 Galerien für moderne und zeitgenössische Kunst ihre Türen, um die neue Kunst-Saison einzuläuten und spanische wie auch internationale Künstler und Künstlerinnen vorzustellen, von denen einige bekannter sind, andere noch ein Geheimtipp.
Sie luden ein zu einem Stadtrundgang der anderen Art: von Galerie zu Galerie spazierte man von dem Stadtteil Gràcia, über Eixample, Sant Antoni und El Raval bis ins gotische Viertel und zur Carrer de Trafalgar, um unterschiedlichste Präsentationen anzuschauen. Und auch in L’Hospitalet warteten Galerien auf einen Besuch. Dabei begegnete man kaum Tourist:innen, sondern kreuzte wie bei einer Schnitzeljagd immer wieder die Wege mit kunstinteressierten Einwohner:innen bei ihrem Wochenendprogramm.

Guillermo Pérez Villalta, Galerie Sala Parés, Courtesy Barcelona Gallery Weekend 2026, Foto: Cecilia Díaz Betz
Etablierte, international relevante Galerien stellten neben jüngeren, oft experimentelleren Orten aus – vielleicht macht gerade diese Mischung den Charme des Barcelona Gallery Weekend aus. Häuser wie Mayoral oder Sala Parés haben schon allein durch ihre Standorte einen Vorsprung: In den weitläufigen, traditionsreichen Räumen mit hohen Decken wirken die Gemälde und Skulpturen automatisch eindrucksvoller, die Kuration besonders elegant. Und gerade die Schau „Cuadros de compañía, 2025–2026“ von Guillermo Pérez Villalta in der Galerie Sala Parés lud zum längeren Verweilen ein: Neben den kleinformatigen Gemälden zeigten die originalen, gezeichneten Studien eindrucksvoll den Weg des Künstlers vom figürlichen ins abstraktere Arbeiten.
Umso interessanter waren daneben die kleineren Galerien, die auch ohne diese Voraussetzungen im Gedächtnis blieben – wie etwa Chiquita Room oder Bombon Projects. Andere Orte fielen im direkten Vergleich allerdings ab: weniger durch die Größe ihrer Räume als durch Präsentationen, die noch recht lokal oder schlicht nicht ganz auf dem Niveau der anderen Häuser wirkten.
Ein Highlight des Wochenendes war sicher der katalanische Künstler Joan Claret in der Galeria Marc Domènech. Unter dem Titel „1959. Joan Claret. Paintings“, konzentrierte sich die Ausstellung ausschließlich auf seine Werke aus dem Jahr 1959 – ein entscheidendes für Claret: Kurz zuvor war er aus Paris zurück gekehrt, die Stadt hatte ihn dazu inspiriert, abstrakter zu malen. Die gezeigten Werke schienen wie aus Mosaiken zusammen gesetzt, die in feinen Schattierungen geordnet größere Umrisse erkennen ließen. Wie ein Puzzle aus unterschiedlich stark eingefärbten Teilen. Als würde man eine Stadt aus einem Flugzeug heraus betrachten: Farben kann man ausmachen, Weite und Konzentration, doch was genau sich in den kleinen, zusammengesetzten Feldern verbirgt, erkennt man nicht.

Mounira Al Solh, Bombon Projects, Courtesy of Barcelona Gallery Weekend 2026, Foto: Cecilia Díaz Betz
Die Galerie SELTZ by Ritter Ferrer gibt es erst seit dem Jahr 2025, das merkt man ihr jedoch gar nicht an. Selbstbewusst präsentierte sie „The Future is Not What It Used to Be“ von Francesc Torres und widmete sich damit Themen, die sich gleichzeitig durch viele weitere Ausstellungen zogen: Erinnerung, Veränderung – die Unsicherheit der Gegenwart und vor allem die der Zukunft. Besonders hängen blieb Torres’ Installation ‚Viajando con la familia‘: sein eigener roter Volkswagen Passat, gefüllt mit persönlichen Erinnerungsstücken seiner Familie und Relikten der Geschichte Spaniens. Das Auto wurde quasi zu einem politischen Selbstporträt.
Etablierte, international relevante Galerien stellten neben jüngeren, oft experimentelleren Orten aus – vielleicht macht gerade diese Mischung den Charme des Barcelona Gallery Weekend aus.
Einige ausstellende Künstlerinnen nutzten bereits existierende Materialien als Grundlage für ihrer Arbeiten, etwa von Flohmärkten oder aus Familienarchiven. Dazu gehört auch die spanische Künstlerin Laía Argüelles Folch, die in der Galerie Chiquita Room ihre Schau „Lo que tiene vuelo“ präsentierte. Gefundene Fotografien und Tonaufnahmen, unter anderem aus ihrer eigenen Kindheit, nahm sie auseinander, rekonstruierte sie und gab ihnen so eine neue Bedeutung. Besonders einprägsam waren ihre „Marina“-Arbeiten: Vintage-Fotografien des Meeres, die sie in kleine rechteckige Ausschnitte zerlegte, neu zusammensetzte und hinter ebenso kleinteiligen Glaselementen präsentierte. Das ursprüngliche Motiv blieb erkennbar, wirkte aber weiter entfernt. Fast so, als müsse man sich die Landschaft beim Betrachten langsam wieder ins Gedächtnis rufen.
Weniger überzeugte hingegen die Ausstellung bei àngels barcelona von Eulàlia Valldoseras. Ihre sehr detaillierten, feinen Zeichnungen und ausführlichen Textfragmente gingen im Raum unter und auch zwischen den vielen weiteren Stationen des Gallery Weekends. Zu fragmentiert, um im Gedächtnis haften zu bleiben. Eher hätte man sie sich in einem Buch gewünscht, in dem man ohne Zeitdruck blättern und lesen kann.
Die Galerien Escat, FUGA und Sorondo Projects brachten zwar interessante Themen und konzeptuellere Positionen ins Programm, doch brauchte es bei manchen Präsentationen erstaunlich viel Konzepttext, bevor sich die Arbeiten langsam erschlossen. Allein für sich wirkten sie kaum.
Nach zwei Tagen und vielen tausend Schritten durch die Stadt, würde man trotz schmerzender Füße gern noch viele weitere Galerien ablaufen. Das Barcelona Gallery Weekend führt nicht nur durch die aktuelle Kunstszene, sondern zeigt auch ein Barcelona jenseits der bekannten Kulturadressen. Und das zu entdecken lohnt sich sehr.

colectiva Vicenç Altaió, Mayoral, Courtesy of Barcelona Gallery Weekend 2026, Foto: Cecilia Díaz Betz

PARNASS 03/2026







