Schrift & Kunst – 7 Künstler:innen, die zeigen wie es geht

In der zeitgenössischen Kunst verschmelzen Schrift und Bild zu einer neuen, vielschichtigen Ausdrucksform (wie auch die aktuelle Schau "Sweeter than Honey" in München zeigt, hier mehr dazu). Für manche Künstler:innen ist die Integration eines Textes oder einzelner Buchstaben eine stetige Auseinandersetzung, für andere gilt dies nur für einen bestimmen Werkabschnitt, in dem sie Worte, Texte, Typografien visuell darstellen oder an Schrift als eigentliches Material bzw. Motiv der bildenden Kunst interessiert sind. Beispiele gibt es viele, aus einer unendlichen Vielfalt haben wir einige ausgewählt.
Mandy El-Sayegh
Die in London lebende Künstlerin (*1985) wurde in Selangor, Malaysia, geboren, sie hat chinesische und palästinensische Wurzeln. Ihre Werke basieren auf der Erforschung von Material und Sprache sowie der Entstehung und Dekonstruktion von Ordnungssystemen. In ihren collagierten Leinwänden tauchen verschiedenste Druckerzeugnisse auf: Fragmente, Texte und gefundene Bilder aus Zeitungen, Werbung, Luftbildkarten, Anatomiebüchern und der Kalligrafie ihres Vaters auf Englisch und Arabisch – eine tägliche Übung, die er als »Praxis« bezeichnet – sowie handgemalte Motive. Die Leinwände überzieht sie mit Latex und Gummi. Ihre fortgesetzte Verwendung von Zeitungen, etwa der Financial Times, spiegelt ihr Interesse an den komplexen Wechselwirkungen politischer, wirtschaftlicher und sprachlicher Strukturen wider.

Mandy El-Sayegh, Ausstellungsansicht »Depot Solo #1«, Museum Boijmans van Beuningen, 2025, © Mandy El-Sayegh / Bildrecht, Wien 2025, Foto: Damian Griffiths
Sabine Müller-Funk
Die 1958 in München geborene Künstlerin lebt heute im niederösterreichischen Drosendorf, in Wien und in Cerovica, Kroatien. Brüche, das Fragmentarische, Spur und Zeichen, die Kraft der Semiose von der einfachen Wortbedeutung bis hin zu komplexen symbolischen Textsystemen sind wesentliche Faktoren im Werk von Sabine Müller-Funk. In ihren Glasobjekten und poetischen Zeichnungen überlagert sie Texte, zumeist Lyrik. Dabei folgt ihr Schreiben keiner linearen Form, vielmehr gestaltet sie aus den Texten ein neues Motiv, das zuweilen dem Text folgt, wie im Fall des Gedichts »Römisches Nachtbild« von Ingeborg Bachmann, oder aber es entstehen weitere Bedeutungsebenen. In jedem Fall formt Müller-Funk durch die Überlagerung der Schrift, durch die Fragmentierung und die gestische Struktur dynamische interpretative Gedankenketten. Die Zeichnung oszillierte dabei zwischen Lesbarkeit und ihrem Verlust, sodass die Schrift zum Bild per se wird.
Ihre künstlerische Arbeit begreift Müller-Funk als »Art die Welt anzuschauen und zu erforschen, wie ich mit ihr verbunden bin«, wie sie im Interview mit Maria C. Holter in der 2018 von Holter gemeinsam mit Barbara Höller und Wolfgang Müller-Funk herausgegebenen Monografie »BRUCHSPUR- ZEICHEN« erklärt. Sie spricht von der Sprache »[…] als ein Dazwischen – als halbdurchlässige Membranen, die es erlauben, mit dem ›Anderen‹ einerseits in Kontakt zu treten, andererseits die Differenz zum ›Anderen‹ ins Bewusstsein zu bringen.«

Sabine Müller-Funk, Wenn das Schaukelbrett der Liebe, 2025, Acryl auf Aludibond, 40 × 40 cm, © by the artist / Bildrecht, Wien 2025
Ghada Amer
Das breit gefächerte Schaffen der ägyptisch- franzöischen Künstlerin (*1963) umfasst Malerei, Objekte, textile Werke und Arbeiten auf Papier. Schrift spielt auch in ihren Garteninstallationen eine Rolle, die sich mit Gender und Liebe beschäftigen. Blumenbeete und Blockbuchstaben formen ein immersives Erlebnis zu komplexen Themen wie »Women’s Qualities« oder der Phrase »Happily ever after« und untergraben die scheinbare Idylle. Eine ihrer ersten Schriftobjekte »100 Words of Love« entstand 2010 für das Mathaf: Arab Museum of Modern Art in Doha. Darauf folgten 2012 die Skulpturen »35 Words of Love« und »The Words I Love the Most«. Sie zeigen einige der unerwartet zahlreichen Vokabeln, die »Liebe« auf Arabisch ausdrücken oder damit verbunden sind, wie »Verlangen«, »Depression«, »Leidenschaft«, »Wahn«, und »Angst«. Diese sind seitenverkehrt geschrieben, sodass sie nur im Inneren der Skulptur gelesen werden könnten, während sie auf der Außenfläche umgekehrt erscheinen. Dank des Lichts, das durch die Skulptur hindurchscheint, bilden die Schatten, die das Werk an die Wand wirft, die arabischen Wörter jedoch in korrekter Schreibweise ab.
Der Dialog zwischen Schrift und Bild war bereits in den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts ein Kommentar zum Zeitgeschehen. [...] Schrift wurde als Teil des Formgefüges zum Bedeutungsträger.

Ghada Amer, The Words I Love The Most, 2012, Bronze, 152,4 × 152,4 × 152,4 cm, Courtesy of and © by Ghada Amer / Bildrecht, Wien 2025, Foto: Brian Buckeley
Simona Andrioletti
Auf der viennacontemporary 2025 hat sie, vertreten durch die Ribot Gallery aus Mailand, eindrücklich auf sich aufmerksam gemacht: Simona Andrioletti. Die 1990 in Bergamo geborene Künstlerin beschäftigt sich in ihrer Arbeit mit komplexen gesellschaftlichen Dynamiken und versteht Kunst als Instrument der Dokumentation und Kommunikation. Ihre vielschichtigen Installationen verhandeln soziale Spannungen und Machtverhältnisse, insbesondere die existenzielle Situation von Jugendlichen aus sozial benachteiligten Kontexten sowie geschlechtsspezifische Ungleichheiten. In ihren Werken treffen klare, reduzierte Bildformen auf prägnante Sprache: Textfragmente, die an Chatverläufe, Posts oder Nachrichten erinnern, werden in räumliche Konstellationen übersetzt und entfalten eine stille, aber eindringliche Wirkung.

Simona Andrioletti, Text me when you get home, 2024, Installationsansicht DG Kunstraum, Foto: Youngsik Kim
Tony Cokes
Humor ist bei Tony Cokes nur die sichtbare Oberfläche eines vielschichtigen Spiels mit Sprache. Cokes, 1956 in Richmond (USA) geborenen, hat mit seinen charakteristischen Videoarbeiten Bekanntheit erlangt: Er montiert Zitate aus sehr unterschiedlichen Quellen mit monochromen, intensiv farbigen Bildflächen und Musik und schafft so Bild-Ton-Essays, die das Publikum dazu bringen, neu zu hinterfragen, wie Bilder und Klänge unser Verständnis von Politik, Kultur und Macht prägen. Cokes bezeichnet sich selbst als »Post-Konzeptkünstler« und interessiert sich weniger für die Herstellung von Bildern als für die Analyse unserer Beziehung zu ihnen. Seit Ende der 1980er-Jahre setzt er sich kritisch mit Medien- und Machtstrukturen, Rassismus und Konsumkultur auseinander. Dafür nutzt er neben Social Media auch Found Footage sowie journalistische Texte und philosophische Schriften. In Wien wird Tony Cokes von Felix Gaudlitz vertreten, der seine Arbeiten unter anderem bereits auf Messen wie miart und Art Basel erfolgreich präsentiert hat.

Tony Cokes, Some Munich Moments 1937–1972, Installation view Art Basel Parcours 2023 (Detail), Courtesy the artist, FELIX GAUDLITZ, Wien, Greene Naftali, New York und Hoffman Donahue, New York/Los Angeles, Foto: Choreo
Markus Redl
In der Kunst von Markus Redl (*1977) geht es um mehr als das einfache, sichtbare Narrativ. Sie ist ein steter Versuch des Künstlers, sich mittels seines umfassenden Wissens über Literatur, Naturwissenschaften und Philosophie reflektierend, fragend, staunend, suchend mit der Welt auseinanderzusetzen und irgendwo eine Möglichkeit zu finden, sie zumindest ansatzweise zu verstehen. Neben seinen Marmorskulpturen umfasst Redls Werk Zeichnungen und Textcollagen. Im Dialog von Schrift und Bild – Textcollagen – reflektiert er die Bedingungen des Lebens, die ihn beschäftigen: der Umgang mit natürlichen Ressourcen, gesellschaftlichen Hierarchien und Zwängen des Erfolgs. Formal wie inhaltlich stehen seine Skulpturen in enger Beziehung mit seinen Texten, die mittlerweile auch eine Reihe an Novellen umfassen. Der »Textteppich« etwa entstand als nahezu performativer Akt unter Verwendung von Bertold Brechts (die Auseinandersetzung mit Brecht betrachtet Redl dabei durchaus differenziert) Theaterstück »Das Badener Lehrstück vom Einverständnis« von 1929, das Redl mehrfach laut lesend auf großformatige Papierbahnen geschrieben hat, bis der »zur Sprache gekommene Text« zur Textur wurde – ein Textbild, das noch Informationen in sich trägt, aber nicht mehr dechiffriert werden kann.

Markus Redl, Brecht-Zyklus II, 2020, Ausstellungsansicht »Flussmitte«, Galerie Kandlhofer, 2021, © Markus Redl / Bildrecht, Wien 2025, Foto: Manuel Carreon Lopez
Leo Zogmayer
Das Œuvre des österreichischen Konzeptkünstlers Leo Zogmayer (*1949) umfasst Textbilder aus Glas und Metall, in denen Zogmayer mit einzelnen Worten ein grafisches und semantisches Spektrum entwickelt, das vielfältige Assoziationen und Leserichtungen evoziert. »Leo Zogmayers erste Worte sind nun nicht Gelegenheits-Erste-Worte […]. Es handelt sich in diesem Fall um mit den Mitteln der Kunst in ihrer Ersthaftigkeit ans Licht gebrachte Wortereignisse. Gehörtes und Gelesenes, Zufallsfunde und eigene Einfälle, die in sein Notizbuch Eingang fanden und sich bei wiederholtem Lesen als aussagekräftig bewährten, werden zum Sujet seiner Wortbilder. Die Reduktion auf knappe Formeln bzw. einzelne Wörter löst die sprachlichen Botschaften aus ihren ursprünglichen Kontexten«, so der Religionswissenschaftler und Philosoph Karl Baier über Leo Zogmayers Textbilder. Sowohl in den Textbildern als auch in den Objektarbeiten zielt Leo Zogmayer auf Reduktion und Klarheit der Form und ein stets offenes Feld der Interpretation. »[...] Die Art, wie die Worte präsentiert werden, ist ganz darauf gerichtet, sie unprätentiös als sie selbst deutlich sichtbar zu machen, ohne eine bestimmte Semantik zu suggerieren.«

Leo Zogmayer, nichts ist sichtbar / nichts ist unsichtbar, 2007, Aluminium, 20 × 20 × 29 cm, © by the artist
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