Kunsthandel Giese und Schweiger

Säule, Sumō, Skulptur – Gisela Stiegler in Wien

Ausstellungsansicht „Gisela Stiegler. Tokioismus“, Kunsthandel Giese und Schweiger, Wien, 2026, © by the artist / Bildrecht, Wien 2026

Mit „Tokioismus" gelingt Giese und Schweiger eine sehenswerte Einzelausstellung von Gisela Stiegler.


Gisela Stiegler (*1970 Schärding) ist vor allem mit ihren farbigen Objekten und Skulpturen präsent, in denen sie mal spielerischer, mal konzeptueller den immanenten Fragen des Mediums nach Bildhaftigkeit, Fläche, Volumen und Raum nachgeht. Vor allem die Säule wurde zu einer Form, die in all ihren Möglichkeiten von der Künstlerin ausgelotet wurde – ob in der Jesuitenkirche in Wien als 41. Säule, violett und hochaufragend vor der Fassade der Galerie am Stein im barocken Ensemble von Stift Reichersberg in Oberösterreich oder in der MQ-Box im Wiener MuseumsQuartier. Gisela Stiegler löst sie jedoch unmissverständlich aus ihrer tragenden, architektonischen Funktion heraus. Damit wird die Säule zu einem Instrument, das nicht nur Raum einnimmt, sondern diesen aus einer neuen Perspektive heraus sichtbar und erfahrbar macht.

Und nun stehen drei Säulen von Gisela Stiegler gleich im Eingang der Räume von Giese und Schweiger in der Akademiestraße. Zwei in Blau, gut nuanciert, und als Kontrast eine orangefarbene Säule. Anders als bislang ist die Oberfläche glatt, ohne Spuren der Bearbeitung. Oberfläche, Struktur, Farbe sind permanente Begleiter im Werk von Gisela Stiegler. Doch die Farbe war für Stiegler, die ursprünglich in der Klasse für Malerei an der Universität für angewandte Kunst studierte, jahrelang kein Thema; vielmehr dominierten Schwarz, Weiß, Grau oder Metallic-Farben ihre Objekte.

Beides, sowohl die Beschäftigung mit der Skulptur als auch die Verwendung von Schwarz und Weiß, hat seine Wurzeln in der Fotografie, mit der die Künstlerin bis 2004/05 fast ausschließlich arbeitete. (Stiegler nahm von 1996 bis 1997 an einem Studienprogramm für Fotografie an der Rietveld Academie in Amsterdam teil.) Für ihre inszenierten fotografischen Stillleben baute sie ein bühnengleiches Szenario, ein geometrisches Feld aus Quadern und Würfeln, das durch den Kippeffekt von Zwei- und Dreidimensionalität eine perspektivische Verkürzung des Raumes suggerierte. Schließlich wurden diese Objekte selbstständig.

Zunächst entstanden Styroporreliefs: Wandobjekte, deren Oberfläche geschnitzt wurde. Erst in einem weiteren Schritt löste Stiegler ihre Objekte endgültig von der Fläche und schuf freistehende Skulpturen. An der Technik des Schnitzens und Einkerbens des Materials hielt sie fest. Man kann nahezu behaupten, diese einprägsame Bearbeitung der Oberfläche ist heute der „Signature Style" ihrer künstlerischen Arbeit.

Ausstellungsansicht „Gisela Stiegler. Tokioismus“, Kunsthandel Giese und Schweiger, Wien, 2026, Säulengruppe im Vordergrund: jeweils O.T., 2025, Metall, frei geformt, pulverbeschichtet, Originalskulptur, Auflage (pro Farbe): 3, 180 x 80 cm, © by the artist / Bildrecht, Wien 2026

Ausstellungsansicht „Gisela Stiegler. Tokioismus“, Kunsthandel Giese und Schweiger, Wien, 2026, Säulengruppe im Vordergrund: jeweils O.T., 2025, Metall, frei geformt, pulverbeschichtet, Originalskulptur, Auflage (pro Farbe): 3, 180 x 80 cm, © by the artist / Bildrecht, Wien 2026

Das Interessante bei Stieglers Objekten ist die mehrfache Wahrnehmung. Zunächst dominieren Farbe und äußere Form, dann jedoch werden die Betrachtenden unversehens mit der „Binnenzeichnung" der Skulptur konfrontiert.

Silvie Aigner

Die Ausstellung „Tokioismus" zeigt erneut den konzeptuellen Umgang von Gisela Stiegler mit Skulptur und Objekt, aber auch einen offenen Zugang zur Form per se. Dominierten früher oft abstrakte, geometrische oder amorphe Formen, so zeigen ihre Objekte aktuell mehr Bezüge zur Gegenständlichkeit. Die Skulptur ist bei ihr ein stetes Experimentierfeld.
Auch in den Werken der aktuellen Ausstellung hält sie am Material Styropor fest. Es ermöglicht der Künstlerin sowohl eine Strukturierung der Oberfläche als auch das Arbeiten in großen Formaten. „Styropor ist auch ein Material", so Gisela Stiegler, „das sich nicht in den Vordergrund spielt, mit dem man zügig arbeiten kann", wie sie bei einem unserer Atelierbesuche erklärte. Letzteres ist ihr wichtig, um in den Rhythmus und in das Tempo des Schaffensprozesses eintauchen zu können. Es ermöglicht jedoch nicht nur eine rein formale Strukturierung, sondern transportiert auch Inhaltliches wie Verletzlichkeit und Brüchigkeit.

Der Ausstellungstitel „Tokioismus" bezieht sich auf einen längeren Tokio-Aufenthalt der Künstlerin 2024 im Rahmen einer Artist Residency. Und auch die präsentierten Skulpturen sind das Ergebnis der intensiven Auseinandersetzung mit der japanischen Alltagskultur. Die Farben Blau, Rot und Weiß dominieren, ebenso wie auf den ersten Blick eine abstrakte Formgebung. Doch durchaus adressiert sich auch Gegenständliches, wie etwa die Figur des Sumō-Ringers, an dem Stiegler vor allem die körperliche Form interessiert. Ihr Objekt zeigt Volumen, Masse, Schwere des Ringers und seinen typischen Hüftgurt. Stiegler steigert den Körperbau jedoch nahezu ins Groteske, indem sie auf den voluminösen, rundlichen Mittelteil des Objekts eine kleine Kugel als Kopf setzt. Zeichnungen von Sumō-Ringern verweisen in der Ausstellung auf diesen Hintergrund und machen sichtbar, wie stark die Beschäftigung mit konkret forcierter Körperlichkeit die aktuelle Werkgruppe geprägt hat. Erneut treffen tiefe Kerben auf wuchtige Rundungen. Und Farbe auf Form. Doch neben den Erfahrungen auf Reisen und längeren internationalen Aufenthalten prägten auch die gotische und barocke Architektur ihrer Heimatregion, sakrale Räume und religiöse Bildtraditionen die Entwicklung vieler Werke

Ausstellungsansicht „Gisela Stiegler. Tokioismus“, Kunsthandel Giese und Schweiger, Wien, 2026, O.T., 2026, Mixed Media, 62 x 30 cm, © by the artist / Bildrecht, Wien 2026

Ausstellungsansicht „Gisela Stiegler. Tokioismus“, Kunsthandel Giese und Schweiger, Wien, 2026, O.T., 2026, Mixed Media, 62 x 30 cm, © by the artist / Bildrecht, Wien 2026

So entstanden In-situ-Arbeiten unter anderem für die Fassade des neuen Pfarrzentrums in Kefermarkt (2022), in der sie sich auf den bekannten gotischen Flügelaltar der Kirche bezieht, und im Zuge der Innenrenovierung der gotischen Pfarrkirche St. Marienkirchen bei Schärding 2019 ein künstlerisches Gesamtkonzept für die Neugestaltung des Altarraumes und des Ölbergraumes. In der Ausstellung verweist darauf das Wandobjekt „Elektro-Madonna", in dem sie Anklänge an barocke Figurenwelten mit zeitgenössischen Fragen nach Ornament, Übersteigerung und skulpturaler Präsenz verbindet.
Das Interessante bei Stieglers Objekten ist die mehrfache Wahrnehmung. Zunächst dominieren Farbe und äußere Form, dann jedoch werden die Betrachtenden unversehens mit der „Binnenzeichnung" der Skulptur konfrontiert: grobe Einschnitte, Kanten und Rundungen agieren als kontrastreiches Spiel zwischen Reduktion und Opulenz, zwischen der Strenge des Minimalismus und einer offenen Form. Es ist der undogmatische Zugang der Künstlerin zur Skulptur und ihre Lust am Arbeiten mit dem Material, die beeindrucken: Alles ist möglich, und diese Freiheit ist Inspiration für eine höchst eigenständige Formensprache, in der sich Gisela Stieglers jahrelange Auseinandersetzung mit konzeptuellen Fragen sowie mit Material, Raum und Skulptur per se manifestiert.


Gisela Stiegler. Tokioismus

bis 26. Juni 2026
Kunsthandel Giese und Schweiger

Mehr Informationen

Ausstellungsansicht „Gisela Stiegler. Tokioismus“, Kunsthandel Giese und Schweiger, Wien, 2026, "Elektro-Madonna", 2026, Mixed Media, 140 x 60 x 50 cm, © by the artist / Bildrecht, Wien 2026

Ausstellungsansicht „Gisela Stiegler. Tokioismus“, Kunsthandel Giese und Schweiger, Wien, 2026, "Elektro-Madonna", 2026, Mixed Media, 140 x 60 x 50 cm, © by the artist / Bildrecht, Wien 2026

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