Riga Art Week 2026 – ein Rundgang

Riga zeigte sich während der Art Week als Stadt im Wandel. Ein Rundgang durch Galerien, Museen und Performancefestivals, der auch in verlassene Schulen, historische Kirchen und moderne Bürogebäude führt.
Es ist ein kalter Frühlingstag in Riga. Ein rauer Wind peitscht durch die Straßen. Im dunklen Daugava, der durch die Stadt an der Ostsee fließt, bäumen sich Wellen auf. Doch betritt man die Galerija ASNI – moderne, lichtdurchflutete Ausstellungsräume, eingebettet zwischen dem Nationalen Lettischen Kunstmuseum und dem historischen Jugendstilviertel – strömt einem augenblicklich eine glühende Hitze entgegen. Es ist so warm, dass man rasch an die Grenze des eigenen Wohlbefindens stößt.
Mit dieser körperlichen Grenzerfahrung spielt die litauische Künstlerin und Autorin Gabija Grušaitė bewusst. „Circulation“ nennt sich die konzeptuelle Schau, deren Setup minimalistisch ist: Zwei Videoscreens, eingebettet in ein Labyrinth roter Röhren, einige Zeichnungen und eine skulpturale Installation werden gemeinsam mit literarischen Referenzen unter der Kuration des italienischen Duos Francesco Urbano Ragazzi zu einem überzeugenden Gesamteindruck verwoben.
Fußbodenheizung als Notwendigkeit
Schnell wird ersichtlich, woher die überwältigende Hitze stammt. Eine transparente Epoxidplatte, eingespannt in rote Metallschrauben, mit Schläuchen an Wasserbehältnisse angeschlossen, ragt wie ein Körper aus dem Boden – zweigeteilt in eine Heiz- und eine Kühlstruktur. Die ausgestrahlten Temperaturen bewegen sich zwischen 10 und 37 Grad: jene Spanne, in der ein erwachsener Körper überleben kann. Alles darüber ist Fieber, alles darunter Unterkühlung. Aus einer Ecke dringt Wasserdampf in den Raum und verdunstet auf den Platten; auf dem Boden sammelt sich eine Lache. „Die Skulptur weint“, resümieren die Kuratoren – für sie ist das Konstrukt eine Anlehnung an einen Altar.

"CIRCULATION" Gabija Grušaite, Galerija ASNI, Riga Art Week 2026, Foto: Emilia Webhofer
Lettland ist, anders als das katholische Litauen, ein protestantisch geprägtes Land – und doch verbindet beide Länder eine gemeinsame politische und kulturelle Geschichte. „Im Baltikum ist eine Fußbodenheizung kein Luxus“, erklärt Grušaitė, „sondern eine absolute Notwendigkeit. Drohnen fliegen an der Grenze, Flughäfen werden gesperrt. Zu Hause sehnt man sich nach dieser Wärme.“ Die studierte Anthropologin interessiert sich dafür, wie Architektur „die innere Psyche widerspiegelt“, wie Menschen über Temperatur ihre Umgebung kontrollieren. Und umgekehrt, wie Hitze und Kälte Erinnerungen und Orte prägen. Alles ist durchlässig, alles miteinander verbunden. Eine Zirkulation, eben.
Gegenüber der Skulptur zeigen Videoscreens verschiedene Aufnahmen von Vögeln, die über Jahre hinweg an einer Ornithologie-Station in Grušaitės litauischer Heimat entstanden sind. Die Künstlerin hat beobachtet, wie die Tiere sich bewegen, migrieren, ihren Aufenthaltsort an das Klima anpassen – und wie viel freier sie dabei sind als Menschen. Grušaitės Erzählung ertönt, gemeinsam mit KI-generierten Klängen, durch die Galerie – es ist ein literarischer Widerhall ihres Romans „The Mycelium Dream“, der auch an jenem Ort seinen Ursprung hat.
Längst ist Grušaitė zur Stimme einer Generation geworden. Heute lebt sie in London und Italien, doch ihren Wurzeln ist die Künstlerin eng verbunden geblieben. In Lettland wie in ihrem Geburtsland Litauen hat sich eine junge, international vernetzte Kunstszene etabliert, die den postsowjetischen Ländern neuen Auftrieb verleiht. Dieser Esprit ist auch beim Rundgang durch die Art Week spürbar, bei dem über 30 Galerien ihre Türen öffnen und unzählige Begleitveranstaltungen ein dichtes Netz an Eindrücken bilden.

"CIRCULATION" Gabija Grušaite, Galerija ASNI, Riga Art Week 2026, Foto: Emilia Webhofer
Von Folklore und Fotografie
Eine dieser Veranstaltungen ist die Riga Photography Biennial 2026, deren Highlight die stimmige Ausstellung von Rūta Kalmuka in der ISSP-Galerie ist. Unter dem mehrdeutigen Titel „Dzen“ – im Lettischen ein Aufruf, Negatives zu bannen, zugleich eine Anspielung auf das buddhistische Zen – werden analoge Fotografien der Künstlerin präsentiert.
Es sind dynamische Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Wäldern und Menschen, montiert auf leuchtend roten Passepartouts, die sich den archaischen Frühlingsritualen des „Vögel-Vertreibens“ und „Vögel-Rufens“ widmen, wie sie in livisch besiedelten Gebieten praktiziert wurden. Das konsequente Farbkonzept hinterlässt einen eindringlichen Eindruck, ebenso wie die somatische Klangkulisse, die Bild und Ritual zu einem Gesamterlebnis verdichtet.

"DZEN", Rūta Kalmuka, ISSP Galerija, Riga Art Week 2026, Foto: Emilia Webhofer
Wie tief Folklore auch in jüngeren Generationen verankert ist, zeigt ein Studiobesuch bei Agate Tuna. In ihrem Atelier im hintersten Winkel eines Jugendstilhauses entfaltet sich eine künstlerische Praxis, die sich mit Hauntologie und dem Festhalten paranormaler Momente beschäftigt. Spiritualität und Wissenschaft miteinander verwebend, überführt Tuna „Spirit Photography“ aus dem 19. Jahrhundert in die Gegenwart. Den esoterischen Charakter dieser Fotografie greift die Künstlerin dabei auf und entzaubert ihn zugleich, indem sie die Mittel des Mediums offen darlegt.
Riga zeigte sich während der Art Week als Stadt im Wandel.
Surrealität trifft auf politische Realität
Einen kurzen Spaziergang vom Atelier entfernt bietet das Lettische Nationale Kunstmuseum, kurz LNMM, mit „Dreams of Various Length“ Einblick in die surrealistische Druckgrafik der 1970er und 80er Jahre.
Die Schau ist spielerisch in der Gestaltung, höchst politisch im Inhalt: Die Arbeiten entstanden unter sowjetischer Besatzung, als Surrealismus und Abstraktion als ideologisch unerwünschte Kunstrichtungen galten. Zu entdecken gibt es Werke von im westeuropäischen Kanon weitgehend unbekannten Künstler:innen wie Ilmārs Blumbergs. Eine subtil kuratierte Zusammenstellung, die zur Auseinandersetzung mit der komplexen Geschichte einer Region einlädt, in der im 20. Jahrhundert unterschiedliche künstlerische und politische Realitäten aneinanderprallten.

"Dreams of Various Length", LNMM Lettisches Nationales Kunstmuseum, Foto: Emilia Webhofer
Ein starker Fokus auf Performance
Auffällig ist der starke Fokus auf Performancekunst. Im Rahmen der Art Week präsentiert die britische Künstlerin Rosie Gibbens ihre Performance „To Dust: A Memorial for Robot Vacuum Cleaners“ (zu sehen auf unserem Instagram-Kanal): In einem Bürogebäude am Stadtrand irren surrende Roboter verloren und de facto unbrauchbar durch den Raum, während Gibbens mit vollem Körpereinsatz – mit Haaren, Mund und Strohhalmen – den Boden putzt. Besonders absurd ist das vor dem Hintergrund, dass das sterile Gebäude ohnedies schon poliert wirkt. Ein humorvolles Hinterfragen von dystopischen Vorstellungen einer maschinengetriebenen Welt.
Ein verlassener Schulkomplex wird zum Austragungsort für das Festival „EDEN: Wet Work Over Lap“, organisiert vom KIM Center of Contemporary Art. Ehemalige Klassenzimmer, Bäder und Küchen verwandeln sich in Rotlichtstudios und Filmräume, in denen Fragen zu Weiblichkeit, Sexualität und Sexarbeit verhandelt werden. Junge baltische Künstlerinnen – wie Paula Zvane mit einer monumentalen, hautähnlichen und intensiv riechenden Installation aus Kombucha – treffen auf bekannte internationale Positionen wie Sylvie Fleurys „Egoiste Platinum“. Überzeugend präsentiert sind die Arbeiten von Sophie Thun, die sich vor einigen Jahren in Riga mit dem Archiv der lettischen Fotografin Zenta Dzividziņska befasste. Die Zusammenstellung ist stimmig, das Publikum jung und neugierig, die Stimmung ansteckend.
Ein letzter Abstecher führt ins Zentrum der Altstadt, wo eine anglikanische Kirche zum Austragungsort des Performance-Festivals Starptelpa wird. Kurz vor Mitternacht tritt die dänische Performerin Madame Nielsen auf – mit einer Hommage an David Bowie. Im düster beleuchteten Kirchenraum schält sich ihre skeletale Gestalt vor dem Altar hervor; mit jedem Lied verwandelt sie sich, nimmt am Ende kafkaeske Züge an. Es ist ein Moment, der noch lange nachklingt – und sinnbildlich für eine Stadt im Wandel steht, für einen Ort, der Melancholie und Aufbruch gleichermaßen in sich trägt.

Festival EDEN: Wet Work Over Lap, Riga Art Week 2026, Foto: Emilia Webhofer
Mehr Eindrücke von der Riga Art Week 2026 sehen Sie in unserem Instagram-Beitrag –
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