„Red Flags“ beim steirischen herbst ’26 – Wegschauen oder Widerstand?

Daniel Dominguez Teruel, Gloria! Gloria! Gloria! (2026), Performance, Foto: steirischer herbst / Johanna Lamprecht

„Red Flags“ beim Dating oder Partner:innen sind Verhalten oder Vorlieben, die man meiden sollte – oder Gründe, direkt den Kontakt abzubrechen. Der steirische herbst deutet den Begriff um: die Angst vor „Red Flags“ würde den allgemeinen Handlungswillen lähmen. Was traditionell im Wirtshaus verhandelt wird findet nun deshalb im ehemaligen Standort der „3 goldenen Kugeln“ am Grazer Griesplatz statt. Die Ausstellung wird zum Spiegel des Privaten. „In einer Zeit, in der die Rechte den öffentlichen Raum aggressiv instrumentalisiert“, wird laut Einleitung gezeigt, „dass auch das Zuhause ein Schlacht- und Minenfeld ist.“


Mit Ausnahme zweier Arbeiten sind in diesem Jahr ausnahmslos neue Auftragsarbeiten zu sehen und werden je einzeln präsentiert. Die meisten benötigen diesen Raum: Hängende Papierbahnen der norwegischen Künstlerin Vanessa Baird verhandeln Moralvorstellungen als Kompletttapezierung; ohne fortlaufenden Rapport, dafür mit Protagonisten aus Politik und Wirtschaft, die regelmäßig als „asshole birth“ tituliert werden.

Ebenso bedeckt „The Dandelion School“ von Leila Hekmat Wände mit Stofftüchern, wie in Hippie-Kommunen. Auf einem 2000er-Fernsehapparat erzählen Mitglieder über die Ideologie einer fiktiven Sekte. Neben der mordenden Manson Family aus dem Begleittext drängen sich nähere unhinterfragte autoritäre Kulte auf. Gemeinschaftsversprechen sind längst zum Markt geworden, wodurch die Arbeit eine Kritik an Sekten übersteigt.

Leila Hekmat, The Dandelion School (2026), Installationsansicht, Foto: steirischer herbst / Mathias Völzke

Leila Hekmat, The Dandelion School (2026), Installationsansicht, Foto: steirischer herbst / Mathias Völzke

Nur eine Tür weiter verharmlosen Alexa Karolinski und Ingo Niermanns „Ich gebe dir meine Hand“ solche Konstellationen ästhetisierend zu Gesten „gegenseitiger Anerkennung, die die zeitgenössische Politik praktisch verboten hat.“ Wenn ein Zwischentitel erwähnt, dass ein Vergewaltigungsopfer einem Täter die Hand gibt, wünscht man sich mehr Sensibilität gegenüber Besucher:innen: 

Sind dies denn „Red Flags“, die unser Handeln aufhalten, oder vielmehr diejenigen, die eine rücksichtsvolle und sichere Welt ermöglichen würden?

In Nikolay Karabinovychs beklemmenden Räumen entkommt man der Frage, wo genau Warnsignale erkennbar werden, nicht. Turbofolk beschallt den antiquierten Verhörraum und eine verlassene Detektei verbindet Recherche zu den Jugoslawienkriegen durch chaotisch an Wänden, Fenstern, auf dem Boden und einem Schreibtisch verteilten Zetteln und Objekten mit heute. Die Musikobsession verbirgt Verbindungen mit in der Installation wiederkehrenden Akteur:innen. Könnte historische Komplexität uns lehren, wann Interventionen nötig wären?

Lennart Boyd Schürmann, Liluli: Allegories of the Western Soul (2026), Performance/Theater, Foto: steirischer herbst / Clara Wildberger

Lennart Boyd Schürmann, Liluli: Allegories of the Western Soul (2026), Performance/Theater, Foto: steirischer herbst / Clara Wildberger

Alina Kleytman, Trigger Warning, mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin, Courtesy steirischer herbst '26

Alina Kleytman, Trigger Warning, mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin, Courtesy steirischer herbst '26

Alina Kleytman, Thank You, Daddy! / Are U Tired? / Cradle of Democracy (2026), Ausstellungsansicht, Foto: steirischer herbst / Mathias Völzke

Alina Kleytman, Thank You, Daddy! / Are U Tired? / Cradle of Democracy (2026), Ausstellungsansicht,  Foto: steirischer herbst / Mathias Völzke

Hendrik Quast, herbstkabarett, Grafik: David Coyle, Courtesy steirischer herbst '26

Hendrik Quast, herbstkabarett, Grafik: David Coyle, Courtesy steirischer herbst '26

Franz von Strolchen, Austria Demenzia (2026), Performance/Theater, Foto: steirischer herbst / Daniel Kindler

Franz von Strolchen, Austria Demenzia (2026), Performance/Theater, Foto: steirischer herbst / Daniel Kindler

Julian Warner, Paradise Lost: Dieser Kampf ist kein Zeichen (2026), Performance, Foto: steirischer herbst / Johanna Lamprecht

Julian Warner, Paradise Lost: Dieser Kampf ist kein Zeichen (2026), Performance, Foto: steirischer herbst / Johanna Lamprecht

Nikolay Karabinovych, Prohujalo sa južnim vetrom (Vom Südwind verweht, 2026), Installationsansicht, Foto: steirischer herbst / Mathias Völzke

Nikolay Karabinovych, Prohujalo sa južnim vetrom (Vom Südwind verweht, 2026), Installationsansicht, Foto: steirischer herbst / Mathias Völzke

Rawan Almukhtar, The Witnessing Archive (2010), Ausstellungsansicht, Foto: steirischer herbst / Mathias Völzke

Rawan Almukhtar, The Witnessing Archive (2010), Ausstellungsansicht, Foto: steirischer herbst / Mathias Völzke

Alina Kleytmans Videos thematisieren derartige ukrainische „Red Flags“ – in Europa ungern gehört – direkt: auf die Besucher:innen herabblickend fragt eine Domina in Lackuniform, ob sie gut oder böse seien. Die Künstlerin thematisiert die ambivalente Politik im Hinblick auf einen Kriegseintritt. Unterstrichen wird die sexualisierte Übersetzung im Videochat, in dem NATO und EU der Künstlerin als Camgirl agierenden Künstlerin zusehen und nur selten, begleitet von übertriebenen Dankesgesten, spenden. Vor dem Hintergrund des in der Ukraine eingebrachten Gesetzes zur Besteuerung von Online-Sexarbeit, um Rüstungsausgaben zu decken, gewinnen die Videos an Aktualität.
Nicht nur hier werden eindimensionale europäische Narrative hinterfragt: Rawan Almukhtars filigrane Zeichnungen – bereits beim Kunsthalle Wien Preis 2024 zu sehen – dokumentieren den Alltag der US-Besatzung im Irak, nachdem seine Kamera konfisziert wurde. Dass nichts Außergewöhnliches abgebildet ist, bezeugt die restriktive Bildpolitik und Kontrolle dieser Zeit.

Josefin Arnell, Edge of Empire, mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin, Courtesy steirischer herbst '26

Josefin Arnell, Edge of Empire, mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin, Courtesy steirischer herbst '26

So eingängig sind leider nicht all die „Red Flags“. Insgesamt fällt die Ausstellung kleiner aus als vergangene Ausgaben. Dennoch reihen sich in den prall gefüllten Räumen Diskurse aneinander, deren Zusammenhang aber oft unklar bleibt. Wenn Josefin Arnells gelangweilt wirkende lesbische Vampirin im Video „Edge of Empire“ höchstens von Kameras und Beautywahn verfolgt wird, bröckelt die Idee, unterschiedliche Warnsignale auf einer Ebene zu kritisieren. Vielleicht liegt gerade deshalb im Zentrum des Wirtshauses eine verlassene Party als Installation (von Heather Phillipson), die dem Traum erfolgreicher Gegenkultur nachweint. Werden wir jemals erfahren, ob sie uns vor dem Übel gerettet hätte?


steirischer herbst’26

24.09. – 18.10.26, Graz

Mehr Informationen

Intendantin und Chefkuratorin Ekaterina Degot, steirischer herbst ’26, Foto: Johanna Lamprecht / steirischer herbst

Intendantin und Chefkuratorin Ekaterina Degot, steirischer herbst ’26, Foto: Johanna Lamprecht / steirischer herbst

PARNASS 03/2026

PARNASS 03/2026

JETZT ABONNIEREN

 


LESEN SIE AUCH:

Das könnte Sie auch interessieren