Pop Art & Nouveau Réalisme

POP ART | NOUVEAU RÉALISME | |
|---|---|---|
ENTSTEHUNG | ca. 1955–1970, USA/UK | 1960–1970, Frankreich, Europa |
GRÜNDUNGS-MOMENT | unabhängig entstanden | Manifest von Pierre Restany und acht Künstlern, 27. Oktober 1960 in Paris |
HAUPT-VERTRETER:INNEN | Andy Warhol, Roy Lichtenstein, Claes Oldenburg, Jasper Johns | Yves Klein, Arman, Niki de Saint Phalle, Jean Tinguely |
METHODE | Bildmotive aus Werbung & Massenmedien | Reale Objekte: Akkumulation, Zerstörung, Assemblage, Décollage |
TON | ambivalent, distanziert, ironisch | poetisch, reflexiv, performativ |
IN WIEN ZU SEHEN | mumok, Heidi Horten Collection, Albertina | mumok |
Was ist Pop Art?
Die Pop Art ist eine Kunstbewegung, die ihre Wurzeln in der Mitte der 1950er Jahre in Großbritannien hat und sich Anfang der 1960er Jahre vor allem in den USA entfaltete. Als Gegenbewegung zum damals dominierenden, theoriebeladenen Abstrakten Expressionismus wandten sich ihre Vertreter:innen demonstrativ dem zu, was die abstrakte Malerei weitgehend ausklammerte: dem Alltag.
Sie griff Motive aus Werbung, Comics und anderen Massenmedien auf und übernahm deren Bildsprache nahezu unverändert. Klare Konturen, grelle Farben und serielle Wiederholungen prägten ihre Ästhetik; Campbell's-Suppendosen, Coca-Cola-Flaschen oder Comicfiguren wurden zu Ikonen der Kunstgeschichte.
Mit Techniken der Serienproduktion, die jede Spur individueller Autorschaft tilgten, stellte die Pop Art das Original infrage. Die Vielzahl nahezu identischer Drucke machte zugleich die Überfülle an Bildern und visuellen Reizen sichtbar, die den modernen Alltag prägen.
Die Bewegung formulierte dennoch keine eindeutige Kritik an der Konsumgesellschaft, sondern blieb bewusst ambivalent und oszillierte zwischen Ironie, Reflexion und Unterhaltung. Die Werke der Pop Art lassen sich weder eindeutig als Kunst noch als Nicht-Kunst einordnen. Diese Mehrdeutigkeit war jedoch kein Mangel, sondern Programm.

Andy Warhol, Group of Five Campbell's Soup Cans, 1962, © The Andy Warhol Foundation of the Visual Arts Inc., Licensed by Bildrecht, Wien 2023, Courtesy Heidi Horten Collection Wien
Was ist Nouveau Réalisme?
Der Nouveau Réalisme ist eine französische Kunstbewegung in den 1960er Jahren, die reale Gegenstände unmittelbar in die Kunst integrierte. Mit ihrem Manifest vom 27. Oktober 1960 wandten sich die Künstler:innen gegen die Vorherrschaft der Abstraktion und propagierten eine neue, direkte Aneignung der Wirklichkeit: Präsentieren statt Abbilden.
Ihr Material fanden die Nouveaux Réalistes auf der Straße und im Supermarkt: zerrissene Plakate, Lumpen, Alltagsgegenstände und Industrieprodukte – vor allem solche, die bereits ausgedient hatten und sich so in Symbole des exzessiven Konsums verwandelten.
Der Nouveau Réalisme knüpfte an die Dada-Bewegung an, die ebenfalls Alltagsgegenstände verwendete, entwickelte den Gedanken jedoch weiter, indem er Aktion, Bewegung und Publikum in das Kunstwerk einbezog. Realität wurde nicht nur Thema, sondern auch Medium.
Zehn Jahre nach ihrer Gründung löste sich die Gruppe 1970 bei einer Ausstellung in Mailand mit einer Performance auf. Ihr Einfluss auf die nachfolgende Generation war unmittelbar: Der Nouveau Réalisme erweiterte den Kunstbegriff und prägte das Verständnis von Objektkunst, Performance und Installation nachhaltig.

Niki de Saint Phalle, La Mariée (1963), Grillage, plâtre, dentelle encollée, jouets divers peints, 226 x 200 x 100 cm, © Niki Charitable Art Foundation / Adagp, Paris, © Centre Pompidou, Mnam-Cci /Dist. Rmn-Gp
Was unterscheidet die beiden?
Beide Bewegungen entstanden nahezu zeitgleich als Reaktion auf die Konsumgesellschaft der Nachkriegszeit und wandten sich von der damals vorherrschenden abstrakten Kunst ab. Dennoch unterscheiden sie sich grundlegend in ihrer Herangehensweise: Die Pop Art rückt die Bildwelt der Medien- und Konsumgesellschaft in den wirtschaftlich prosperierenden USA ins Zentrum und begegnet ihren Mechanismen mit ironischer Distanz. Der Nouveau Réalisme hingegen arbeitet mit den materiellen Hinterlassenschaften dieser Konsumgesellschaft: Ausrangierte Alltagsobjekte, Schrott und Abfälle werden zum künstlerischen Material und verweisen auf Überproduktion und Wegwerfgesellschaft.
Zudem bezog der Nouveau Réalisme das Publikum unmittelbar in das Werk ein; durch Aktionen, Performances oder Arbeiten, die erst durch die physische Präsenz der Betrachter:innen ihre volle Wirkung entfalteten. Die Pop Art blieb überwiegend dem Bild verpflichtet und machte sich technische Reproduktionsverfahren wie den Siebdruck zunutze.
Auch organisatorisch unterschieden sich die beiden. Der Nouveau Réalisme war eine klar definierte Künstler:innengruppe, die sich 1960 mit einem Manifest gründete und sich 1970 wieder auflöste. Die Pop Art hingegen war eine künstlerische Tendenz, deren Vertreter ähnliche Themen teilten, sich jedoch nie zu einer festen Gruppe zusammenschlossen.
Die wichtigsten Künstler:innen der Pop Art
- Jasper Johns (*1930) gilt als Wegbereiter der Pop Art. Mit Gemälden von Flaggen, Zielscheiben und Zahlen machte er alltägliche Motive zum Bildgegenstand und schlug die Brücke zwischen Abstraktem Expressionismus und Pop Art.
- Roy Lichtenstein (1923–1997) machte die Bildsprache von Comics zum Markenzeichen seiner Kunst. Mit kräftigen Konturen, Rasterpunkten und Sprechblasen übertrug er vermeintlich triviale Motive in den Kontext der Hochkunst und verwischte so die Grenzen zwischen Populär- und Hochkultur.
- Andy Warhol (1928–1987) erhob mit seinen Siebdrucken von Campbell's-Suppendosen, Coca-Cola-Flaschen oder Porträts etwa von Marilyn Monroe Alltagsprodukte und Medienikonen zu Kunstwerken. Seine seriellen Arbeiten imitieren das Prinzip der Fließbandproduktion und hinterfragen die Begriffe Original, Massenproduktion und Autorschaft.
- Claes Oldenburg (1929–2022) verwandelte gewöhnliche Alltagsgegenstände in überdimensionale Skulpturen. Hamburger, Eiscreme, Schreibmaschinen oder Wäscheklammern verloren durch ihre monumentalen Dimensionen ihre Funktion und wurden zu ironischen Kommentaren auf Konsum, Design und Alltagskultur.

Claes Oldenburg and Coosje van Bruggen, Spoonbridge and Cherry, 1985-1988, aluminum, stainless steel, paint, 354 x 618 x 162 inches, Walker Art Center, Minneapolis, Gift of Frederick R. Weisman in honor of his parents, William and Mary Weisman, 1988 © Claes Oldenburg and Coosje van Bruggen
Die wichtigsten Künstler:innen des Nouveau Réalisme
- Armand Fernandez (Arman) (1928–2005) rückte den Alltagsgegenstand ins Zentrum seiner Kunst. Er häufte identische Objekte zu dichten Kompositionen oder fügte Fragmente zerstörter Musikinstrumente zusammen und machte damit Überfluss, Konsum und Materialität deutlich sichtbar.
- Yves Klein (1928–1962) war Mitbegründer des Nouveau Réalisme und wurde für seine monochromen Gemälde in International Klein Blue (IKB) sowie für seine Anthropometrien, bei denen mit Farbe bedeckte Körper als „lebende Pinsel“ dienten, bekannt. Seine Arbeiten kreisen um die Themen Leere, Spiritualität und die Erweiterung des Kunstbegriffs.
- Niki de Saint Phalle (1930–2002) beteiligte sich seit Beginn der 1960er Jahre an Ausstellungen des Nouveau Réalisme. Mit ihren Schießbildern, bei denen Farbbeutel durch Gewehrschüsse platzten, machte sie den schöpferischen Akt selbst zum Teil des Werks. Berühmt wurde sie später mit ihren monumentalen Nanas: farbenfrohen, archaisch anmutenden Frauenfiguren. Gemeinsam mit Jean Tinguely schuf sie 1966 die begehbare Skulptur Hon (Sie) im Moderna Museet Stockholm.
- Jean Tinguely (1925–1991) war Mitbegründer des Nouveau Réalisme und wurde mit seinen kinetischen Skulpturen bekannt. Aus Schrott, Fundstücken und Motoren konstruierte er bewegliche Skulpturen, die oft lärmten, sich selbst zerstörten und so den technischen Fortschritt ironisch kommentierten.

Yves Klein, Relief Planétaire „Région de Grenoble“ (RP 10), 1961, Pigment und Kunstharz auf Bronze, ca. 85,5 x 65 cm. Schätzpreis: € 450.000/550.000, Foto: KARL & FABER Kunstauktionen © THE ESTATE OF YVES KLEIN/VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Wo kann man Pop Art und Nouveau Réalisme in Wien sehen?
- mumok: Mit der Sammlung Wolfgang Hahn besitzt das mumok einen der bedeutendsten Bestände des Nouveau Réalisme außerhalb Frankreichs und zeigt außerdem Werke von Andy Warhol, Roy Lichtenstein und Jasper Johns in der Schausammlung.
Museumsplatz 1, 1070 Wien | mumok.at
- Heidi Horten Collection: Die Dauerausstellung Klimt ⇄ Warhol umfasst Arbeiten von Yves Klein, Andy Warhol und Roy Lichtenstein
Hanuschgasse 3, 1010 Wien| hortencollection.com
- Albertina: Die Albertina besitzt Zeichnungen von Roy Lichtenstein sowie Siebdrucke von Andy Warhol und präsentiert diese in der Dauerausstellung und in Sonderausstellungen.
Albertinaplatz 1, 1010 Wien | albertina.at
Warum sind beide heute noch relevant?
Die Pop Art nahm die Mechanismen der Medien- und Konsumgesellschaft vorweg. Ihre Auseinandersetzung mit Marken, Wiedererkennbarkeit und serieller Bildproduktion erinnert an die heutige Welt der sozialen Medien, in der Produkte, Bilder und Personen gezielt zu Ikonen aufgebaut werden.
Der Nouveau Réalisme rückte dagegen die materielle Seite der Konsumgesellschaft in den Mittelpunkt. Alltagsgegenstände wurden zu künstlerischem Material und machten Überproduktion und Wegwerfgesellschaft sichtbar. Damit nahm die Bewegung Themen vorweg, die heute im Zusammenhang mit Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung und Upcycling intensiv diskutiert werden. Zugleich ebnete sie mit ihren Objekt-, Aktions- und Konzeptarbeiten den Weg für zahlreiche Entwicklungen der Gegenwartskunst von der Installationskunst bis zur Performance.
FAQ
Was ist der Unterschied zwischen Pop Art und Nouveau Réalisme?
Die Pop Art arbeitet mit dem Bild und übernimmt die Formensprache der Massenmedien (Werbung, Comic, Fotografie), um sie im Kunstkontext neu zu rahmen. Der Nouveau Réalisme hingegen arbeitet mit dem Objekt selbst: reale Gegenstände werden akkumuliert, verbrannt, zerstört oder performativ eingesetzt. Während die Pop Art eine eher distanzierte, ironische Haltung einnimmt, ist der Nouveau Réalisme direkter, reflexiver und poetischer.
Wann entstand die Pop Art?
Die Pop Art entstand ab Mitte der 1950er Jahre in Großbritannien und entwickelte sich Anfang der 1960er Jahre vor allem in den USA. Ihren Höhepunkt erreichte sie in den 1960er Jahren.
Was ist Nouveau Réalisme?
Der Nouveau Réalisme ist eine europäische Kunstbewegung, die am 27. Oktober 1960 durch das Manifest von Kritiker Pierre Restany und acht Künstler:innen, darunter Yves Klein, Jean Tinguely und Raymond Hains, in Paris gegründet wurde. Die Bewegung verstand Kunst als direkte Aneignung der Realität, nicht ihre Abbildung, sondern ihre Präsentation.
Wer sind die wichtigsten Pop-Art-Künstler:innen?
Die zentralen Figuren der Pop Art sind unter anderem Andy Warhol, Roy Lichtenstein, Jasper Johns, Claes Oldenburg und Robert Rauschenberg (USA) sowie Richard Hamilton und David Hockney (UK). Andy Warhol gilt als die bekannteste und einflussreichste Figur der Bewegung.
Wo kann man Pop Art in Wien sehen?
Pop Art ist in Wien vor allem in drei Museen zu erleben: im mumok, das mit Werken von Warhol, Oldenburg und Johns eine der bedeutendsten öffentlichen Pop-Art-Sammlungen Mitteleuropas besitzt, in der Heidi Horten Collection, die mit ihrer Dauerausstellung Klimt ⇄ Warhol Schlüsselwerke der Bewegung in privatem Sammlungskontext zeigt, sowie in der Albertina, die über Zeichnungen von Roy Lichtenstein sowie Siebdrucke von Andy Warhol verfügt.






