Pionier-Designer, Modegott: Helmut Lang im MAK

Das MAK – Museum für angewandte Kunst zeigt eine Auswahl aus dem umfangreichen Helmut Lang Archiv. Im Mittelpunkt der Ausstellung steht Langs Vision von Gestaltung und Identität zwischen 1986 und 2005 sowie seine Rolle als Pionier. Lang setzte bereits als Designer auf künstlerische Strategien, lange bevor er sich 2005 aus der Modeindustrie zurückzog, um sich auf die künstlerische Arbeit zu konzentrieren.
Ein maßstabgetreuer Nachbau der Flagshipstores in New York und Paris, die zu Displays für originale Kleidungsstücke und Accessoires werden, Videos der legendären Runway-Shows oder die beiden Taxi-Tops, auf denen Helmut Lang seine Marke beworben hat, sind nur einige der Highlights, mit denen das Museum den Modedesigner in Form einer Retrospektive feiert. „Die Ausstellung macht sein Streben nach einem Gesamtkunstwerk sichtbar, nach einer ganzheitlichen Vision seiner Marke als Modedesigner, Künstler, Stratege und Innovator“, sagt Lilli Hollein, Generaldirektorin des MAK.
Kuratiert wurde die Ausstellung von Marlies Wirth. Sie konnte aus dem Vollen schöpfen. Das hauseigene Helmut Lang Archiv, das der Künstler und Designer 2011 dem Museum persönlich übergeben hat, umfasst mehr als 10.000 Datensätze. Unter anderem sind es Accessoires, Kleidungsstücke, hybride Objekte zwischen Kleidung und Skulptur aus Materialien wie Wolle, Gummi, Nylon oder Metall. Sie treffen auf maßgeschneiderte Schnitte, Holster und Gurte. Jedes Detail verweist auf Langs modulare, genderübergreifende Designsprache. Ebenso umfasst das Archiv digitale Lookbooks, Fitting-Polaroids und Backstage-Videos.
Es ist das einzige öffentliche Archiv zu Langs Werk und ermöglicht einen tiefgehenden und einzigartigen Einblick in Helmut Langs Mindset und seinen kreativen Prozess.

Helmut Lang, Seite eines Lookbooks, Look 22, Helmut Lang Collection Hommes Femmes Séance de Travail Défilé # Hiver 03/04 (2003) | MAK Helmut Lang Archiv, Courtesy hl-art, © Helmut Lang / Bildrecht, Wien 2025

Helmut Lang, Videostill, Helmut Lang Collection Hommes Femmes Séance de Travail Défilé # Hiver 98/99 (1998). Abgebildete Personen: Daniel Küpper (links), Stefan Armbruster (Mitte), Tatjana Patitz (rechts). MAK Helmut Lang Archiv. Courtesy of hl-art.
Der Titel der Schau „Séance de Travail 1986–2005“ verweist auf eine raumgreifende Videoarbeit, die die Besucher:innen in die Atmosphäre der 1990er-Jahre eintauchen lässt. Wörtlich übersetzt bedeutet es Arbeitssitzung.
Seit den späten 1980er-Jahren entwickelte Lang Präsentationsformen, die das etablierte Modetheater durcheinanderbrachen. 1988 ersetzte er den Laufsteg durch die Séance de Travail – ein performatives Format, das Mode als Prozess begreift. Freund:innen, Künstler:innen und Menschen verschiedenster Herkunft wurden Teil eines offenen, dynamischen Settings. Die Atmosphäre roher, industrieller Räume – so zum Beispiel in der Rue de Commines in Paris oder im New Yorker Dia Center for the Arts – wurde zur Bühne für eine neue, egalitäre Vorstellung von Stil. So setzte er neue Maßstäbe nicht nur im formalen Design, sondern auch in Bezug auf Grafik, Inszenierung, Architektur, experimentelles Branding und digitale Kommunikation.
Lang sprengte mit seinem medienübergreifenden Zugang tradierte Konventionen und erkannte früh das Potenzial des Internets zur Demokratisierung der Mode. 1998 war er der erste Designer, der eine Runway-Show online präsentierte und damit antizipierte, wie Mode in Zukunft global wahrgenommen werden sollte. Um die neue Website zu promoten, wurden rund 1.000 Werbeanzeigen auf den für das Stadtbild New Yorks typischen Taxis gelauncht. Seine Kampagnen erschienen nicht nur Modejournalen, sondern auch in Kunstmagazinen, häufig ohne Produktabbildungen.

Helmut Lang, Laserausdruck einer Fotografie eines Made-to-Measure Mantels für Sofia Coppola (2004). MAK Helmut Lang Archiv, LNI 565-2-1. Courtesy of hl-art.
Durch die Zusammenarbeit mit Künstler:innen wie Jürgen Teller, Robert Mapplethorpe, Jenny Holzer und Louise Bourgeois definierte Lang die Disziplin Modedesign neu. Vielfach hinterfragten seine Werbekampagnen Konventionen von Luxus, Körper und Wahrnehmung. LED-Texte von Jenny Holzer wie: „I SMELL YOU ON MY SKIN…“ waren ab 1997 in ortspezifischen Installationen in sämtlichen Helmut-Lang-Stores zu lesen. Mit Holzer entwickelte Helmut Lang auch einen Duft als konzeptuelles Kunstwerk.
Mit der französisch-US-amerikanischen Künstlerin Louise Bourgeois entstanden Textil-Editionen und Performances. Der Architekt und Designer Richard Gluckman entwickelte für Lang die minimalistische Ästhetik seiner Stores in den Stahlbetonbauten von SoHo, in denen Architektur, Kleidung und Kunst zu einer Einheit verschmolzen. Ihr Nachbau in der Ausstellung ist ebenso interessant wie der Ausstellungsbereich „Backstage“, jene Zone zwischen Arbeit und Präsentation, die Helmut Lang von dem Fotografen Jürgen Teller dokumentieren ließ, um dessen Bilder später in Werbekampagnen zu integrieren.
Durch die Zusammenarbeit mit dem Studio Helmut Lang wurde die Ausstellung mit interessanten Hintergrundinformationen zur Entstehungsgeschichte seiner Mode ergänzt. „Helmut hat mir einzigartige Einblicke in seinen kreativen Prozess gewährt, eine Erfahrung, die wir mit unserem Publikum teilen möchten“, erläutert Kuratorin Marlies Wirth.
Ziel war keine klassische Modeausstellung, sondern eine Raumerfahrung: ein Environment, das Langs konzeptuelle Welt übersetzt. Statt Laufsteg und Schaufenster begegnet das Publikum offenen Raumkonstellationen, in denen Objekte, Videos und Dokumente gleichberechtigt nebeneinanderstehen. Besucher:innen bewegen sich mitten im Geschehen – ganz im Sinne von Langs ursprünglichen Shows, die soziale Räume statt Distanz erzeugen wollten.
Es gibt keine zweite Figur aus Österreich, die auf diesem Niveau eine internationale Marke und zugleich ein künstlerisches System geschaffen hat.
1956 in Wien geboren, wuchs Helmut Lang in einer Schuhmacherfamilie auf. Ohne formale Ausbildung entwickelte er sich autodidaktisch zum international gefeierten Designer. In den 1990er-Jahren wurde er zur Schlüsselfigur einer neuen Avantgarde, die Kunst, Architektur, Mode, Grafik und Kommunikation zu einem einzigen, durchdachten System verband. „Lang steht für die Verbindung von Kunst, Intelligenz und Stil, für eine Haltung, die Substanz über Oberfläche stellt. Seine Arbeit inspiriert Generationen, von Vintage-Träger:innen bis zu Kunstsammler:innen“, so die Direktorin. Seit seinem Rückzug aus der Welt der Mode 2005 widmet sich Helmut Lang der bildenden Kunst. Seine Skulpturen, Assemblagen und Installationen folgen seinem immer schon geltenden Leitmotiv: „Alles ist gleich wichtig.“
HELMUT LANG:
SÉANCE DE TRAVAIL 1986–2005
EXCERPTS FROM THE MAK HELMUT LANG ARCHIVE
MAK Ausstellungshalle, bis 03.05.2026

Helmut Lang, New York City Taxi Top, Werbung, 1998–2004. MAK Helmut Lang Archiv, LNI 649. Foto: MAK/Christian Mendez.
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