Overshadowed – Ingeborg G. Pluhar

Das umfangreiche künstlerische Werk von Ingeborg G. Pluhar beginnt in der Bildhauerklasse von Fritz Wotruba und führt bis zu Arbeiten mit digitaler Fotografie. Der Schwerpunkt ihres Œuvres liegt allerdings im Medium der Collage, die auch für ihre Malerei und Fotoarbeiten formal eine Ausgangsbasis bildet. Ihre Collagen sind ein wichtiger Beitrag zur österreichischen Konzeptkunst, der massiv unterschätzt wird.
In unserer Serie Overshadowed rücken wir Künstlerinnen in ihr verdientes Rampenlicht und geben ihnen den Raum, der ihnen aufgrund von geschlechtlicher Ungerechtigkeit genommen wurde. Neben Anna-Eva Berman, Susan Rothenberg und Christa Hauer reiht sich nun auch Ingeborg G. Pluhar in diese Serie ein.
Ich habe schon als Kind viel gezeichnet. Es war eine Art Daseinsbestätigung, ich habe alles, was ich gesehen habe, was mir erzählt wurde, in Zeichnungen verarbeitet.
Ingeborg G. Pluhar war mit dem Bildhauer Roland Goeschl verheiratet und durch ihn eingebunden in die Szene um die Künstler:innen der Galerie nächst St. Stephan wie Mikl, Hollegha, Prachensky und Kiki Kogelnik sowie durch ihre Schwester Erika Pluhar auch in die Welt des Theaters. 1985 schrieb ein bekannter Kritiker zu ihrer Ausstellung in der Galerie Würthle: „Ingeborg G. Pluhar, die Schwester von Erika Pluhar, Frau von Roland Goeschl.“ „So wurde ich also definiert, von einer Auseinandersetzung mit meiner Arbeit war wenig zu lesen“, resümiert die Künstlerin.
Ihr Werk wird durch die Wiener Galerie zs art vertreten. Sie selbst hat sich aus dem Kunstbetrieb zurückgezogen. 2005 erschien eine umfangreiche Publikation zu ihrem Werk mit einem Interview, das ich mit ihr führen durfte. Ich traf Ingeborg G. Pluhar nun erneut, 20 Jahre später, zum Gespräch und zu einem gemeinsamen Rückblick auf ein reiches künstlerisches Leben.

Ingeborg G. Pluhar, Foto: Pepo Schuster
1962 begann Ingeborg G. Pluhar ihr Studium bei Fritz Wotruba. „Ich wurde bestärkt durch meine Zeichenlehrerin Ilse Breit, die meinte: ‚Malen und Zeichnen kannst du schon, aber du hast ein gutes räumliches Verständnis und das könnte in einer Bildhauerklasse noch bereichert werden.‘ Sie hat mir Fritz Wotruba als einzigen in Frage kommenden Lehrer empfohlen. Auch mir hat die Idee gefallen, besonders weil damals Bildhauerei für Frauen noch ein ungewöhnliches Studium war.“ Die Aufnahme in die Klasse mit den lapidaren Worten Wotrubas „Na, dann kommen’s halt im Herbst“ hat Pluhar, wie sie rückblickend erzählt, viel bedeutet. Im selben Jahr studierte sie an der Sommerakademie bei Oskar Kokoschka.
Obwohl Wotruba sie schätzte, blieben Bemerkungen über die Rolle der Frau in der damals männerdominierten Domäne der Bildhauerei nicht aus. Formal stand die Figur im Fokus sowohl bei Wotruba als auch beim Abendakt von Herbert Boeckl, der obligatorisch von den Studierenden zu besuchen war. Ihre damaligen Zeichnungen und Skulpturen zeigten ein Interesse an der Bewegung und Dynamik der Figur und ihrer Auflösung in Richtung Abstraktion. Doch am Ende des Studiums war sie „mit der Figur fertig“. Angesichts der fast schon dogmatischen Ausrichtung auf die figurative Darstellung bei Wotruba nur allzu verständlich. Ihr fehlte zudem der Zugang zur internationalen Kunstszene: „Ich war damals mehr an Giacometti, Pevsner oder den Arbeiten von Naum Gabo interessiert. Künstler, die neue Wege in der menschlichen Figur gegangen sind und neue Aspekte verfolgten.“
Mit einem Stipendium ging sie nach dem Studium nach Paris an die Académie des Beaux-Arts. 1968 zog sie für ein Jahr nach West-Berlin – die Abkehr von der Skulptur war nun endgültig. Die Zeichnung rückte in den Mittelpunkt sowie insbesondere die Collage, die für sie eine Fülle neuer Möglichkeiten eröffnete. „Es war auch ein Feld“, so Pluhar, „das nicht von meinen akademischen Lehrern besetzt war. Ich hatte das Gefühl, etwas Eigenes zu entdecken, darüber hinaus war in mir das Bedürfnis stark geworden, nicht mehr die eigene Hand fließen zu lassen.“

Ingeborg G. Pluhar, Blaue Schleifen, Kerne 6, aus der Serie »Kern und Schale«, 2003, übermalte Fotokopien, 29,7 × 21 cm, Courtesy the artist und zs art galerie
Alles, was ich heute machen würde, wäre eine Wiederholung.
In der Technik der Collage schuf Ingeborg G. Pluhar formal interessante Werkserien wie die „Funde“ und „Entfunde“, in denen Teile des gegenständlichen Bildmotivs völlig entfernt wurden. In der großformatigen Serie „Illusters“, die sie Anfang der 1970er-Jahre anfertigte, werden Alltagsgegenstände zum Motiv. Zum Großteil Dinge, die den Kontext der traditionellen Frauenrolle widerspiegeln. So werden Backrohre und Geschirrspüler zur Bühne, auf der weibliche Figuren agieren. Deren Kleidung formte Pluhar aus ausgeschnittenen Abbildungen von Lippenstiften, Kochtöpfen, Topfdeckeln oder Zigaretten. Auch Männer finden sich unter den Protagonisten, die Pluhar jedoch in einen Schnellkochtopf köpfeln lässt.
1972 versah sie reale Models mit Kochtöpfen und Plastikgeschirr für eine Modeschau. Als Hintergrund diente Pluhar bei allen „Illuster-Collagen“ kariertes Handarbeitspapier. So werden die zunächst streng analytisch erarbeiteten Collagen, in denen es der Künstlerin zunächst um das spielerische Experimentieren mit dem Verfremden von Gegenständlichkeit und Raum geht, unversehens zu einem feministischen Statement.

Ingeborg G. Pluhar, Kulisse, 1969, Bleistift, Collage auf Papier, 21 × 25,5 cm, Courtesy the artist und zs art galerie

