Oh Boy! Wie Malerei Männlichkeit neu erfindet

Männlichkeit steckt in einer tiefen Krise. Mit dem alten weißen Mann wankt auch das Bild vom jungen, starken Mann. Die Malerei sucht nach Antworten.
Wenn man Mütter fragt, welche Eigenschaften sie ihren Söhnen wünschen, nennen beinahe alle an erster Stelle: Stärke. Doch genau die Macht der Boys’ Clubs ist eines der Hauptprobleme unserer Zeit. Manche Männer erkennen das und verlieren an Verortung und Klarheit – was ihre Rolle in der Welt und ihr Verhältnis zu sich selbst und zur Umwelt betrifft. Von der Suche nach einer neuen Männlichkeit erzählen auch zahlreiche neue Bildwelten. Sie verhandeln die Potenziale einer Männlichkeit, die sich selbst als mehr als Stärke begreift, zeichnen aber auch ein Bild einer gebeutelten Generation, die ihr Selbstverständnis verloren hat und deren neues Selbstbild noch nicht gefunden ist.
Zahlreiche junge Künstler:innen versuchen, einen neuen Kanon des Männlichen mitzugestalten. Sie brechen mit Klischees des „starken Mannes“ und thematisieren stattdessen Verletzlichkeit, Intimität, Vielfalt männlicher Identitäten und queere Perspektiven. Bereits 2019 stellte etwa die Ausstellung „Zarte Männer“ im Berliner Georg-Kolbe-Museum alternative Männlichkeitsbilder der Jahrhundertwende heraus. In der zeitgenössischen Kunst sind solche Beispiele alternativer Männlichkeit mittlerweile zahlreich. Kritiker sprechen sogar von einer neuen Intimität in der Malerei („New Intimists“), um diese Tendenz zu beschreiben. Es wird Zeit, ein paar Beispiele näher vorzustellen.
12 Bilder einer neuen Männlichkeit
Alex Foxton
Der Brite Alex Foxton (*1978) war zunächst Männermode-Designer. Heute interpretiert er klassische Männer-Ikonen – vom Cowboy über griechische Götter bis zum Matador – in expressiven Porträts neu. Von den Erwartungen, die an Männer herangetragen werden, erdrückt, sucht er die männliche Anatomie bewusst umzuformen und damit die Spannungen aufzuzeigen, unter denen Männer stehen. „Diese Figuren stehen am Scheideweg zwischen Identifikation, Furcht, Begehren und Mitgefühl“, erläutert Foxton seine Archetypen gegenüber emergentmag.com.
Jakub Čuška
Die Jiri Světska Gallery zeigte im Rahmen der ViennaContemporary 2025 eine Solo Booth mit Arbeiten des 1989 in Bruntál (Tschechien) geborenen Malers. Ein Stand voller verlorener Dandys mit leerem Blick und verschwommenen Zügen. Gekonnte Farbwahl und bekannte Gesten – etwa die Zuflucht ins Smartphone – vermochten Sympathien zwischen Betrachter:innen und Dargestellten aufkommen zu lassen.

Alex Foxton, The fascists, 2025, Oil and glitter on canvas, 250 x 296 cm (diptyque), Courtesy of the artist, Derouillon and Salon 94 © Pierce Sapper
Caleb Hahne Quintana
Der 1993 in Denver, Colorado, geborene Maler zeigt junge Männer in Momenten von Melancholie und Verletzlichkeit. Seine Figuren liegen erschöpft auf der Couch, blicken aus Fenstern oder verlieren sich in Tagträumen. In gedämpften Farbwelten reflektiert Caleb Hahne Quintana die Fragilität männlicher Identität und die Unsicherheit einer Generation, die zwischen Intimität und Überforderung pendelt.
Salman Toor
Salman Toor (*1983, Lahore, Pakistan) lebt in New York und wurde durch seine Whitney-Ausstellung „How Will I Know“ international bekannt. In satten Grün- und Brauntönen malt er Szenen aus dem Leben junger schwuler Männer – in Bars, WG-Zimmern oder auf der Couch. Die zarten, androgynen Körper brechen mit kolonialen und westlichen Klischees und schaffen Bilder einer queeren, verletzlichen Männlichkeit of Color.

Caleb Hahne Quintana, The Boy Fights Himself, 2025, Oil on linen, 76.2 x 101.6 cm, Courtesy the artist and Anat Ebgi, Los Angeles / New York, Foto: New Document
Nat Meade
Nat Meade (*1975, Massachusetts / Oregon) widmet sich archetypischen Männerfiguren: bärtige, stoische Gestalten in amerikanischen Landschaften, die an Holzfäller oder Westernhelden erinnern. Doch seine Protagonist:innen blicken oft beschämt zu Boden oder wirken in sich gekehrt. Meade konfrontiert die Mythen vom starken Mann mit leiser Selbstzweifel-Poesie und entlarvt den Helden als Suchenden.
Alexander Basil
Die Bildwelten des in Russland geborenen und in Deutschland aufgewachsenen Alexander Basil (*1997) werden von einem wiederkehrenden „Prototyp“ bevölkert – kahlköpfig, rosige Haut, mandelförmige Augen, ornamentales Brusthaar. Dieser Archetyp, abstrahiertes Selbstporträt zugleich, erscheint sowohl in intimen häuslichen Szenen als auch in verfremdeter Form als anthropomorphes Objekt. Basil zerlegt das männliche Subjekt in Aggregatzustände des Selbst, die von humorvoller Selbstreflexion zeugen. Narben, die auf eine Geschlechtsumwandlung hindeuten, verleihen seinen Figuren zusätzlich Offenheit und Ambivalenz.

Nat Meade, Urge for Going 1, 2024, Oil on hemp, 45.72 x 40.64 cm, Courtesy of the artist and HESSE FLATOW, New York, Foto: Jenny Gorman
Andrej Dúbravský
Der Slowake Andrej Dúbravský (*1987) setzt sich in expressiven Szenen mit Sexualität, Natur und Jugendkultur auseinander. Nackte „Porn-Boys“ tummeln sich in Gärten oder dystopischen Landschaften, ironisch und schonungslos zugleich. Seine Arbeiten verbinden homoerotische Direktheit mit apokalyptischer Bildsprache und entwerfen ambivalente Männerbilder zwischen Idylle und Abgrund.
Kyle Dunn
Kyle Dunn (*1990, USA) knüpft an homoerotische Malerei wie die von Paul Cadmus an und versetzt sie ins digitale Zeitalter. Seine muskulösen Männerkörper, oft in schwebenden, surrealen Szenen, erinnern zugleich an reale Models und künstliche Avatare. Dunn thematisiert Lust, Technik und Körperkult – und öffnet so den Raum für hybride, posthumane Vorstellungen von Männlichkeit.

Andrej Dúbravský, Me as Andrea Dora as Neptune by Bronzino, but with cats, 2023, Acrylic on canvas, 100 x 115 cm, Foto: Jens Ziehe, Courtesy DITTRICH & SCHLECHTRIEM
Neue Bildwelten verhandeln die Potenziale einer Männlichkeit, die sich selbst als mehr als Stärke begreift, zeichnen aber auch ein Bild einer gebeutelten Generation, die ihr Selbstverständnis verloren hat und deren neues Selbstbild noch nicht gefunden ist.
Leo Guglielmi
Der 1997 in Italien geborene Maler zeigt großformatige Porträts flamboyanter Männerfiguren. Mit Make-up, Tattoos und erotisch-provokativen Posen unterläuft er klassische Machoposen. Oft knieend, aber stolz blickend, strahlen seine Protagonist:innen eine eigensinnige Individualität aus. Guglielmi spielt mit Mode, Camp und Körperlichkeit und stellt so Männlichkeit als performativen Akt in Szene.
Devan Shimoyama
Devan Shimoyama (*1989, USA) bringt in seine Malerei Glitzer, Stoffe und Collagen ein und porträtiert schwarze Männer in bunten, leuchtenden Szenen. Bekannt sind besonders seine Bilder von weinenden Männern beim Haareschneiden im Barbershop – einem traditionellen Männlichkeitsort. Shimoyama feiert Verletzlichkeit, Fürsorge und Selbstinszenierung und setzt ein starkes Gegengewicht zu toxischen Männlichkeitsklischees.

Leo Guglielmi, Maldito, 2023, Acryl auf Leinwand, © Leo Guglielmi, Courtesy the artist
Louis Fratino
Louis Fratino (*1993, USA) macht sein Leben als schwuler Mann in Amerika zum Gegenstand seiner Kunst. Fratino schafft intime Interieurs – Wohnzimmer, Schlafzimmer, Gärten – in denen Familienleben, Freundschaften und homoerotische Szenen selbstverständlich nebeneinanderstehen. Seine Momentaufnahmen, die häufig Stile und Farbpaletten der Modernisten des frühen 20. Jahrhunderts – Pablo Picasso, Fernand Léger, Henri Matisse – aufgreifen, machen ihn am Markt sehr gefragt.
Doron Langberg
Queere Körperlichkeit und sinnliche Begegnung feiern auch die Werke von Doron Langberg (*1985, Israel/USA). Bekannt ist der in New York lebende Maler für seine großformatigen, farbintensiven, expressiven Gemälde schwuler Intimität.

Louis Fratino, The red chair , 2025, Oil, charcoal and pastel on paper, 128.3 x 181 cm, © Louis Fratino, courtesy of Sikkema Malloy Jenkins, New York


