Ich möchte mich mit dieser Ausstellung berauschen an Blumenfarben und frischer, gesunder Luft.

Hermann Nitsch

Hermann Nitsch zählt zu den vielseitigsten zeitgenössischen Künstlern: Aktionist, Maler, Komponist, Bühnenbildner. Im Vorjahr feierte er seinen 80. Geburtstag. Mit seinen neuen Arbeiten taucht der Künstler wieder tief in die Farbe ein und entwickelte seit Sommer 2019 eine Reihe von Bildern von intensiver, leuchtender Farbenpracht.


Eine Auswahl davon ist seit 1. Juli im nitsch museum Mistelbach unter dem Titel „Hermann Nitsch – Neue Arbeiten“ zu sehen. 80 großformatige Bilder aus den beiden neuen Malperioden der 81. und 82. Malaktion, die im Zeitraum von Juli 2019 bis April 2020 entstanden sind. PARNASS war eingeladen, in kleiner Runde die Ausstellung vorab gemeinsam mit Hermann Nitsch zu besichtigen und danach zu einem herrlichen Sommerabend auf Schloss Prinzendorf. Ebendort am Schüttboden entstanden in seinem „Sommeratelier“, diese neuen gestischen Farbkompositionen, inspiriert von Pfingstrosen und anderen Frühlingsblumen, die während Nitsch malt in seinem Atelier. In der Ausstellung ergänzen und komplettieren sie mit ihrer Farbenpracht die Installation.

Betritt man die Ausstellung so ist man Teil eines allumfassenden, pulsierenden Farbgeschehens. Die großformatigen Bilder sind zu Farbkompositionen zusammengefügt und bestimmen die horizontalen und vertikalen Ebenen des Ausstellungsraumes Ausrichtung. In der Bewegung durch das Bild eröffnen assoziationsreiche Blickachsen, die unsere Sehgewohnheiten, Denk- und Wahrnehmungsformen neu verhandeln. „es macht mir große Freude mich bei meinen Arbeiten, die ich als Achtzigjähriger noch herzustellen vermag, auf die blumenfarbige Leuchtkraft der geschmierten Farbsubstanz zu konzentrieren. Mehr denn je ist mir die Auferstehung ein Prinzip“, so Hermann Nitsch, 2019.

Mehr denn je ist mir die Auferstehung ein Prinzip

Hermann Nitsch

 

Ausstellungsansicht, Nitsch Museum © Parnass

Hermann Nitsch überrascht in dieser Ausstellung mit einer üppigen Farbpalette aus leuchtenden Tönen, bei der intensive Farbcluster mit reliefartiger Haptik auf eine transzendente Leichtigkeit treffen. Es entstand ein unverwechselbarer Auferstehungszyklus im Werk von Hermann Nitsch. Gemeinsam mit Werken aus anderen Disziplinen und den Malzyklen zeigt das nitsch museum eine Gesamtinstallation neuer Arbeiten des Universalkünstlers. So versteht er die Malerei auch als Teil seines Gesamtkunstwerkes. Sie ist zutiefst im Aktionismus, in der Performance, in der Multimedialität verankert und ist der Ursprung der Aktionen und zugleich ihr Ergebnis. „Meine Malerei wurde sehr beeinflusst vom internationalen Informel, wie sie Künstler wie Pollock, Mathieu, Rainer, De Konig, Tapies, die 1959 im Wiener Künstlerhaus gezeigt wurden, entwickelten. Hier ging es darum, dass man sich nicht um den Farbklang bemüht hat, sondern vielmehr um die Materie. So habe ich von Anfang an die Farbe nicht als Klang begriffen, sondern als Farbsubstanz, als Farbmaterie, die verschmiert werden kann, verspritzt werden kann, man kann in die Farbpaste, in den Farbschleim wie in Eingeweide hineingreifen.

Ausstellungsansicht, Nitsch Museum © Christof Aigner

Die Auseinandersetzung mit dieser sehr sinnlichen Malerei, die nicht mehr gegenständlich ist, sondern ein Umgehen mit konkreter Malerei, war für mich der Ansatz für meine Aktionen. Das sinnliche Erlebnis, das der Maler vor der Bildfläche hat, ist bereits die Vorstufe zu jenem Erlebnis, das in der Folge die Akteure und die Zuschauer bei den Aktionen haben. Der nächste Schritt ist, wenn der Maler tatsächlich zum Akteur wird, die Bildfläche verlässt und anstelle von Farbe Blut verwendet und Eingeweide und Fleischsubstanzen einsetzt. So stellt die Malerei die erste Stufe meines Theaters dar“, erklärte mir Hermann Nitsch im Gespräch als ich im Vorjahr in seinem Atelier in Schloss Prinzendorf besuchte und erstmals seine neuen Arbeiten sehen konnte. Nitsch legt mit seinem Werk den Finger auf die sinnlichen Defizite in unserer gegenwärtigen Informationsgesellschaft und ermöglicht ein allumfassendes Erlebnis vom Farbrausch über die Musik, den Tanz, das Theaters bis hin zum Schmecken und Riechen. Eine nicht unwesentliche Rolle spielt dabei die Landschaft des Weinviertels, dessen Schönheit er einem eindrücklichen Erlebnis begriff – ein Erlebnis das sich auch im Augenblick, so Nitsch manifestiert: „Das SEIN ist für mich und mein Theater und meine Kunst der wesentliche Bezugspunkt.“

Ausstellungsansicht, Nitsch Museum © Christof Aigner

Die Bilder sind im Hintergrund geschüttet, doch die leuchtend opulenten Farben trägt er mit den Händen auf, und greift dabei in einem sinnlichen Malakt tief in die Farbtöpfe. „Die blumenfreudige Leuchtkraft der geschmierten Farbsubstanz macht mir große Freude“, so ein treffendes Zitat des Künstlers im Katalogbuch zur Ausstellung .

Mit den Arbeiten der letzten beiden Malaktionen ist, wie Michael Karrer, künstlerischer Leiter des nitsch museum schreibt, in den „letzten Jahren deutlich lebensbejahender und freudiger, dies ist auch in den Bereichen seiner Musik und seiner Aktionen zu bemerken. Sein aktuelles Werk ist wach, weise und reif, intensiv, konzentriert, rein und gewissermaßen „leicht“ zugleich. So wie Nitsch in seiner Musik eine Sphärenmusik anstrebt, so bündelt er in seiner Malerei das Licht der Farben, denn Farben und Licht sind für Nitsch eine Angelegenheit der Auferstehung.“ Die Präsentation in der Kapelle des Museumsareals widmet sich der Musik von Hermann Nitsch. In Kooperation mit dem Institut für Schallforschung der Akademie der Wissenschaften werden Sinfonien des Künstlers mithilfe eines Spektrogramms visualisiert.

Ausstellungsansicht, Nitsch Museum © Parnass

Nitsch Museum

Waldstraße 44-46, 2130 Mistelbach
Österreich

Cover DOROTHEE GOLZ Madonna mit den weißen Federn, 2011 C-Print/ Diasec , 130 × 98 cm © by the artist

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