Mire Lee im Porträt

Mire Lee (*1988 Seoul), die in Seoul und Amsterdam lebt und arbeitet, hat die Levels des Kunstbetriebs in Rekordzeit durchgespielt. Als wir ihrer Arbeit zum ersten Mal begegneten – 2020 bei Gianni Manhattan in Wien und 2021 im Schinkel Pavillon während der Berlin Art Week – war sie noch weitgehend unbekannt. Dann ging es Schlag auf Schlag: Venedig-Biennale, Art Basel, New Museum in New York, Turbine Hall der Tate Modern.
Ich habe das Gefühl, meine Arbeit wird zunehmend theatraler.
Ihre Installationen triefen förmlich vor Wucht und Emotion und eröffnen unablässig neue Möglichkeitsräume. Lee ist Meisterin darin, »die widersprüchlichen Gefühle, in der Gegenwart zu leben«, zu verhandeln, wie es Haris Giannouras, Kurator ihrer Ausstellung in der Wiener Secession, formuliert. Sie kanalisiert destruktive Kräfte und legt deren schöpferischen Kern frei. Ihr künstlerischer Ausdruck ist unverkennbar: ein Balanceakt zwischen Zufall und Inszenierung, ein Diskurs zwischen intimer und kollektiver Erfahrung, ein Drahtseilakt zwischen Ekstase und Abscheu.
Als kollektive Erfahrung interessiert Lee auch der Tod. Ihre Installationen laufen nicht endlos. Sie versiegen, lecken, scheitern – und gerade in dieser Endlichkeit werden sie am lebendigsten. Im Gespräch wird rasch deutlich: Lee denkt philosophisch und intellektuell geschult. Es überrascht nicht, dass sie einen Text zum Katalog beigesteuert hat, der Florentina Holzingers Biennale-Performance im österreichischen Pavillon in Venedig begleitet – beide Künstlerinnen wissen Körper auf eindringliche Weise in Bewegung zu setzen.

Mire Lee, Installationsansicht, Look, I’m a fountain of filth raving mad with love, 2022, ZOLLAMT MMK, Frankfurt, © Mire Lee, Foto: Frank Sperling
PARNASS: Die Ausstellung in der Secession ist nicht Ihre erste Begegnung mit Wien – 2020 haben Sie bei Gianni Manhattan ausgestellt, kuratiert von James Lewis. Sind Sie damals nach Wien gekommen?
Mire Lee: Ich kam, um die Arbeit zu installieren. Ich habe so gut wie alles vor Ort gemacht. Es war eine sehr improvisierte Arbeit, die Galerie und ich haben viel mit Do-ityourself- Methoden gearbeitet. Ich habe den Prozess sehr genossen – und auch, das erste Mal in Wien auszustellen.
Ich mache etwas und stelle es in die Welt – und dann ist es nicht für mich, sondern für die Leute.
P: Seither hat sich vieles verändert. Jetzt sind Sie zurück in Wien – nicht in einer Galerie, sondern in der Secession, einem Ort von großer historischer Bedeutung.
ML: Ich liebe das Gebäude. Ich sage das nicht nur wegen der Einladung, schon vorher mochte ich diese anachronistische Qualität an Wien sehr. Die Secession ist ein ikonischer Ort für genau dieses Empfinden. Mein erster Eindruck war, dass der Raum sehr symmetrisch ist und voller Licht, und ich wollte darauf reagieren. Wegen des Goldes außen am Gebäude wollte ich definitiv etwas mit der architektonischen Qualität machen, die der Raum in sich trägt. Ich mache eine ortsbezogene Installation – das ist die Art zu arbeiten, die mir am meisten Freude bereitet. Ich habe das Gefühl, meine Arbeit wird zunehmend theatraler. Manchmal bekomme ich dafür Komplimente, manchmal Kritik.
P: Wie reagieren Sie darauf?
ML: Ich muss es nehmen, wie es kommt. Angesichts der expressiven Opulenz dieses Gebäudes war mein Impuls, das Feedback, das ich auf meine Werke erhalte, zu toppen und noch theatralischer zu arbeiten. Ich bin es wie eine Szenografie angegangen.
P: Können Sie uns durch den Raum führen?
ML: Ich gestalte die Ausstellung so, dass man beim Eintreten zuerst auf eine große, geneigte Wand trifft. Man muss durch diese Wandkonstruktion hindurch, dahinter öffnet sich der Raum vertikal – eine Flut von Licht. Im Übergang von Dunkelheit zu Licht soll etwas mit den Besucher:innen passieren. In der Raummitte erwartet sie dann das Hauptobjekt: der Betonmischer.
P: Sie bringen Baumaterialien in einen sehr prestigeträchtigen Rahmen – kommentieren Sie damit die Hierarchien des Kunstbetriebs?
ML: Prestige ist nichts, was ich unmittelbar mit der Secession verbinde. Ich will nicht sagen, dass die Einladung nicht prestigeträchtig wäre, aber ich verbinde die Secession mit Geschichte und vergangener Zeit. Österreich und Wien vermitteln dieses Gefühl, einst florierend und mächtig gewesen zu sein. Wann immer ich Wien besuche, habe ich den Eindruck, dass die Zeit stehengeblieben ist. In der Extravaganz des Gebäudes liegt für mich also eine leise Nostalgie.
Außerdem weiß ich die meiste Zeit gar nicht, was ich mache, wenn ich mitten in einem Projekt stecke. Noch nicht bestätigt ist zum Beispiel eine Wandarbeit als Antwort auf den Beethovenfries. Klimts Arbeit und das Gold haben eine preziöse Ausstrahlung, damit will ich definitiv spielen – aber ich arbeite selten mit Ironie oder Sarkasmus. Wenn überhaupt, gibt es in meiner Arbeit den Impuls zur Selbstironie und manchmal den Impuls, die Kunst zu persiflieren.

Mire Lee, The Heart of My Machine is Golden Lead, Ausstellungsansicht, Secession 2026. Foto: Iris Ranzinger
Das ganze Interview lesen Sie in unserer aktuellen Venedig-Ausgabe: PARNASS 02/2026

Mire Lee, The Heart of My Machine is Golden Lead, Ausstellungsansicht, Secession 2026. Foto: Iris Ranzinger

