Das 6-Tage-Spiel von Hermann Nitsch in Prinzendorf

Letzte Tage des Exzesses

Zum letzten Mal wird Hermann Nitschs Sechs-Tage-Spiel in Schloss Prinzendorf aufgeführt. Seine Witwe Rita Nitsch vollendet das radikale Werk – kompromisslos und von internationalem Interesse.


Als Hermann Nitsch 1998 zum ersten Mal sein „6-Tage-Spiel“ in Schloss Prinzendorf realisierte, setzte er dem von ihm geschaffenen Orgien-Mysterien-Theater ein Denkmal. Sechs Tage lang wurde das barocke Anwesen zur Kulisse eines Gesamtkunstwerks – exzessiv, überfordernd, kathartisch. Jetzt, ein Vierteljahrhundert später, wird diese monumentale Aktion noch einmal zum Leben erweckt. Vom 7. bis 9. Juni realisiert Rita Nitsch die letzten drei Tage dieses singulären Werks – als Vermächtnis, als Ritual, als finalen Akt. „Das war sein größter Wunsch: dass das Spiel weitergeht“, sagt sie. „Er hat seine Partituren daher minutiös vorbereitet – bis in die letzte Geste, bis zur letzten Minute.“

Bereits 2022 sollte das vollständige Spiel ein weiteres Mal stattfinden, doch Hermann Nitsch erkrankte schwer. In der Folge entschied man sich, das Werk in drei Abschnitten zu realisieren – mit dem Ziel, nun im dritten und letzten Teil den epischen Schlusspunkt zu setzen. Für Rita Nitsch ist es nicht nur eine künstlerische Aufgabe, sondern auch eine persönliche Verpflichtung: „Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht. Und ich tue es auch für ihn.“

Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht. Und ich tue es auch für ihn.

Dass sich die volle Wirkung dieses Werkes erst über sechs Tage hinweg entfaltet, ist ihr bewusst. „Man kann es eigentlich nicht zerstückeln. Die Katharsis, die heilsamen Kräfte – die entwickeln sich erst über die vollen sechs Tage. Aber es ist besser, es in mehreren Teilen aufzuführen, als es ganz verschwinden zu lassen.“

Rita Nitsch © esesl Lorenz Seidler

Denn das Sechs-Tage-Spiel ist mehr als Kunst. Es ist eine Grenzüberschreitung, eine rituelle Selbstentäußerung, ein Zustand zwischen Ekstase und Erkenntnis. Nitsch wollte daher ursprünglich auch keine Zuschauer, sondern lediglich Akteure bzw. Mitwirkende. „In seiner idealen Version wären alle schon bei den Proben dabei gewesen“, erinnert sich Rita Nitsch. „Er wollte, dass man mitmacht, dass man sich einlässt – riecht, schmeckt, greift, erschrickt, sich überwindet.“ Das Spiel zielt auf alle Sinne. Im Zentrum: Fleisch, Blut, Schleim, Geräusch. Im Hof wird das Grobe inszeniert, in der sogenannten „Sinnes-Apotheke“ bieten Gerüche und Geschmack Essenzen des Geschehens – ein synästhetisches Spiegelkabinett der Aktion. „Man muss einfach teilnehmen“, ist Nitsch überzeugt. „Ein unbeteiligtes Zusehen ist fast unmöglich. Außer man ist von der Aktion angewidert und geht. Aber berührungslos danebenstehen, das erlaubt das Spiel einfach nicht.“

Die Konfrontation mit Tierkörpern, mit dem Tod, hat Nitsch daher zeitlebens auch oft Anfeindungen eingebracht. Für Rita Nitsch ist das unverständlich. „Wir lassen täglich hunderttausendfach Tiere töten, wir sehen es nur nicht. In seinem Orgien Mysterien Theater hat mein Mann das sichtbar gemacht. Er wollte, dass man sich damit auseinandersetzt.“ Die Kunst als Spiegel, aber auch als Reinigung – durch Exzess, durch Überforderung, durch das Heraustreten aus der Alltagsvernunft. „Auch wenn der therapeutische Ansatz des Spiels nicht im Vordergrund stand, so war ihm dieser doch wichtig: Die Menschen sollen ihre Aggressionen rauslassen, raustrampeln. Und als geläuterte Wesen wieder hervorgehen.“

So drastisch der Eindruck, so exakt die Struktur. Nitsch schrieb seine Werke als 1000-Seitige Partituren: minutiös, fast mathematisch. Jede Aktion, jede Geste, jede Klangschicht ist notiert. Aber statt Starre entsteht Bewegung, statt Kontrolle eine durchkomponierte Wildheit. „Er hat ständig daran gearbeitet“, sagt Rita Nitsch. „Immer neue Skizzen, neue Ideen. Er war regelrecht besessen davon.“ Bereits in den 1950er-Jahren entstand die Idee zum Sechs-Tage-Spiel, 1985 war Rita Nitsch erstmals aktiv daran beteiligt. Seither begleitete sie jede seiner Aktionen – als Assistentin, Beobachterin, Partnerin.

Mit den Jahren wurde die Musik zum tragenden Element. Während frühe Aktionen von Schrei und Lärm geprägt waren, entwickelte sich zunehmend eine eigene Klangsprache, die das Geschehen formte und überhöhte. Heute erklingen orchestrale Klangflächen, Blasinstrumente, Chöre, Percussion – nicht als Hintergrund, sondern als zentrales Ausdrucksmittel. „Seine Musik war wie seine Bilder – überlagert, flächig, intensiv“, sagt Rita Nitsch. „Er war beeinflusst von Schönberg, von Stockhausen, aber er hat etwas Eigenes geschaffen.“ In späteren Jahren wurde seine Musik harmonischer, beinahe versöhnlich.

Hermann Nitsch Foto Patrick Schuster

Dass sich diesmal auch zahlreiche internationale Medien für das Geschehen in Prinzendorf angemeldet haben, ist nicht zuletzt der Zusammenarbeit mit der renommierten Galerie Pace zu verdanken. Seit die US-amerikanische Galerie das Werk Nitschs international vertritt, wächst das Interesse auch jenseits des deutschsprachigen Raums. „Das hat schon einiges an Aufmerksamkeit gebracht“, sagt Rita Nitsch. „Nicht so viel, wie ich mir gewünscht hätte – aber doch merklich mehr.“

© Hermann Nitsch, Das Orgien Mysterien Theater 2023, Foto FEYERL 02

Damit das Spiel im Juni aber überhaupt stattfinden kann, muss auch die Logistik und die Finanzierung gestemmt werden, betont Rita Nitsch: „Ich muss 80 Akteurinnen und Akteure unterbringen, verpflegen, das Orchester organisieren, Film- und Tonaufnahmen machen, Security stellen.“ Eine Wiederholung in dieser Form sei daher – zumindest aus gegenwärtiger Sicht - unwahrscheinlich. Auch das Schloss Prinzendorf bzw. das Malatelier steht zur Disposition. „Ich habe es dem Land Niederösterreich angeboten, damit es als Ort für das Orgien-Mysterien-Theater erhalten bleibt. Bisher ohne Erfolg.“

Was bleibt, ist der Moment des Abschlusses. Am letzten Tag, im Morgengrauen, erklingt ein Streichquartett, Glocken läuten, die Teilnehmenden umarmen sich. „Da sind wir alle sehr wehmütig und sehr froh zugleich“, sagt Rita Nitsch. „Traurig, weil es vorbei ist – und froh, weil es noch einmal stattgefunden hat.“ Was mit Blut, Lärm und Überforderung beginnt, endet in einer Umarmung. Und in einer Hoffnung: dass das Spiel weiterwirkt – über seinen Schöpfer hinaus.


 

100. Aktion 1998

TICKETKATEGORIEN

1 Tag: Berechtigt zum Besuch an dem gebuchten Tag der Veranstaltung.
3 Tage: Berechtigt zum Besuch der Veranstaltung während der gesamten Laufzeit.

Ermäßigte Tickets gelten für:
• StudentInnen mit gültigem Studentenausweis bis 28 Jahre
• SeniorInnen ab 65 Jahren
• Vereinsmitglieder des O.M. Theater
• Förderer und Freunde des Nitsch Museums
• Freundeskreise unserer Kooperationspartner

 

Weitere Informationen zum Orgien Mysterien Theater

Schloss Prinzendorf
Schloss Straße 1
2185 Prinzendorf an der Zaya
Österreich
www.nitsch.org

Das könnte Sie auch interessieren