Gemeinsam ist in! Ab 1. Juli widmet sich das mumok dem großen Thema "Kollaborationen". Die von Heike Eipeldauer und Franz Thalmair kuratierte Ausstellung untersucht ausgehend von der mumok Sammlung Strategien kollektiver Autor:innenschaft. Ein Anlass für uns, sich tiefer mit dem Trend des kollektiven Kunst- und Ausstellungsmachen auseinanderzusetzen.


„Ich bin eine Rampensau, die zu schüchtern ist, um allein etwas hinzubekommen, gesteht Markus Scheiwiller. Der Schweizer ist, neben Maria Metsalu aus Estland und Nicolas Roses aus Argentinien, einer der kreativen Köpfe der Young Boy Dancing Group (YBDG), einem Performance-Tanzkollektiv, welches seit 2014 eine radikale Alternative zum institutionalisierten Modell professioneller Tanzkompanien darstellt. In ihren teils verrückten Studien über körperliche Intensität kann es schon einmal vorkommen, dass parallel zu Techno-Beats eine Kerze im Anus landet. „Ich kann einfach nicht allein auf der Bühne stehen, da fühle ich mich extrem unwohl. Wenn aber mehrere Leute mitmachen, ist es für mich voll okay. Es ist auch viel interessanter und kann bei einer rituellen Performance zu einem regelrechten High-Zustand führen. Performances der Gruppe, welche sich kritisch mit digitaler Kultur, Institutionalisierung und Authentizität auseinandersetzen, verwandeln sich so in Mini-Festivals, findet Markus Scheiwiller.

Diesem hierarchiefreien Miteinander hat sich auch die österreichische Gruppe Gelatin verschrieben. Jede Aktion, jede Arbeit findet unter der identitätslosen Autorenschaft des Kollektivs statt. „Wir sehen uns als Organismus oder als eine Art Band. Jeder hat seine Ideen, verschiedene private Interessen und als Einzelpersonen können wir sehr konträr sein. Wenn wir aber ins Atelier oder eben wie Musiker in den Proberaum gehen, dann beginnt der kreative Prozess im Kollektiv“, erklärt Florian Reither von Gelatin.

1978 – als Jugendliche – haben sich die Kunstschaffenden von Gelatin kennengelernt, 1993 folgte die erste internationale Ausstellung. Seitdem erkunden die Mitglieder die unterschiedlichen Möglichkeiten dessen, was Skulptur sein kann. „Wie wir angefangen haben, gemeinsam zu arbeiten, haben wir aber nicht gleich ein Manifest geschrieben und gesagt: Wir sind jetzt ein Kollektiv. Das hat sich vielmehr entwickelt. Wir haben in Off-Spaces oder auf Partys von Freunden ausgestellt. Dann kamen Einladungen von außen, die  eben nicht eine spezifische Person aus der Gruppe, sondern das Kollektiv buchen wollten“, erinnert sich Florian Reither.

GELITIN | Sweden, 2009 | Courtesy MEYER*KAINER, Wien, Foto: Gelitin, © Bildrecht Wien, 2022

Kollektives Arbeiten hat sich einfach durchgesetzt

Florian Reither

Die Zeit der Ich-Künstler und Egomanen ist vorbei, betont Tobias Urban von Gelatin. „Das eigene Ego kann man bei der Gruppenarbeit in der Garderobe ablegen. Man versucht vielmehr der Idee zu folgen. Diese Idee ist dann die Lampe.“ Die Gedanken vieler verdichten sich schließlich zum Werk. Auch Andy Warhol und Jean-Michel Basquiat, Franziska Maderthaner und Ronald Kodritsch beseelten die weiße Leinwand Schulter an Schulter mit ihrer Kunst, Franz West und Günther Förg trafen sich ebenso zum kreativen Schaffensprozess, während sich Marina Abramović und Ulay gegenseitig Inspiration einhauchten.

ARRAY COLLECTIVE | Turner-Preis-Ausstellung, Herbert Art Gallery & Museum | Foto: Matt Alexander/PA Wire

Selbst der renommierte Turner-Prize ist auf diesen Trend aufgesprungen und präsentierte 2021 erstmals nur Künstlerkollektive auf der Shortlist. Gewonnen hat das Belfaster Array Collective, welches die traditionelle nordirische Identität hinterfragt. Mehr zum Thema lesen Sie in unserer aktuellen PARNASS Ausgabe.

mumok

Museumsplatz 1, 1070 Wien
Österreich

Das könnte Sie auch interessieren