Julian Charrière im Porträt

Er ist ein gefragter Tausendsassa. Kaum ein Künstler versteht die Dringlichkeit der Klimakrise und die destruktiven Machtkämpfe zwischen Mensch und Natur so pointiert und erlebnisorientiert auf den Punkt zu bringen wie der Cover-Star unserer Sommer-Ausgabe 2025 – Julian Charrière. Kein Wunder, dass der Künstler von einer internationalen Megashow zur nächsten tourt. Dazwischen blieb auch Zeit für etwas Genuss – in der Maison Ruinart in der Champagne und ebenso beim PARNASS Studio Visit in Berlin.
„Im Sommer kühlen wir uns im Biotop ab“, erklärt uns eine von rund 30 Mitarbeiter:innen im Studio Julian Charrière. Das Biotop ebenso wie der Gemüsegarten liegen bei unserem Besuch im Februar aber noch unter einer dicken Schneedecke. Ungewöhnlich für Berlin. Doch es herrscht kaum Aufregung hier in der ehemaligen Malzfabrik. Freitags ist es im Studio recht ruhig, man pflegt eine Viertagewoche und legt großen Wert auf Ausgleich. Täglich wird im Studio frisch gekocht, auch mit dem Gemüse, das sich gerade unter dem Schnee versteckt. Nun dürfen wir Journalist:innen mitessen und dem Künstler zuhören, wenn er, der 48 Stunden zuvor noch in Los Angeles war, kurz auf einem Zwischenstopp am Weg zurück von Mexiko nun schon vom nächsten Projekt in Basel erzählt.
Meine Arbeit kreist um Zeit, Materie, Transformation. Ich interessiere mich für Orte, an denen sich politische, kulturelle und geologische Narrative überlagern.

Julian Charrière, Ruinart, 2025, Foto: Alice Jacquemin, © Bildrecht, Wien 2025
Eigentlich ist sein Studio – in einer alten Brauerei mitten in Berlin – nur das halbe Atelier, die andere Hälfte ist draußen in der Welt. Julian Charrière bereist sie ununterbrochen und trägt dabei Souvenirs der Zerstörung unseres Planeten zusammen. Ob verstrahlte Kokosnüsse aus dem Bikini-Atoll, Lavasteine aktiver Vulkangebiete, Bodenproben stillgelegter Uranminen oder die letzten Geräusche eines Korallenriffs, die er bei seinen Tauchgängen einsammelt. Letztere stehen derzeit im Zentrum seiner Arbeit. Denn, so erfahren wir aus der eindringlichen Erzählung Charrières: Riffe sind keineswegs stumm – oder besser gesagt, sie waren es ursprünglich nicht. Doch die Korallenbleiche löscht nicht nur die Farben aus dem marinen Raum, sie bringt auch das Klangbild der Riffe zum Verstummen.
Wenn steigende Meerestemperaturen die Korallen zwingen, ihre symbiotischen Algen abzuwerfen, stirbt nicht nur das Polypengeflecht – mit ihm verschwinden auch jene Tiere, die das akustische Leben des Riffs bestimmen: das Knistern, Knacken, Grunzen und Zirpen. Die Geräuschkulisse eines Riffs ist ein akustischer Vitalitätsindikator, je lebendiger der Klang, desto vielfältiger das Ökosystem. Nach der Bleiche herrscht Stille. Und diese Stille ist messbar: Wissenschaftler:innen belegen mit Tonaufnahmen, dass das Sterben der Korallen hörbar ist. „Wir sollten sagen: singen wie die Fische – nicht wie die Vögel“, lacht Charrière. „Sie waren vor uns allen und lang vor den Vögeln auf der Erde.“
Die Limitierung der menschlichen Sinne sei verantwortlich dafür, dass wir nicht das volle Spektrum der Realität wahrnehmen, so der Künstler – Menschen können unter Wasser schlichtweg nicht hören. Und auch das Hinsehen verlernten sie mit dem Erwachsenwerden.
Weiter lesen Sie in der PARNASS Sommerausgabe 02/2025.

Julian Charrière, Midnight Zone (Video Still), 2024, © 2025 ProLitteris, Zürich and the artist

