Interview mit VALIE EXPORT

Die Medienkunst-Pionierin VALIE EXPORT feiert am 17. Mai ihren 85. Geburtstag. Ein wichtiger Anlass, um über ihre Kunst und einen geplanten Kinofilm zu sprechen.
Wenn ich Kunst ausdrücken möchte, dann nehme ich mein eigenes Material, also meinen Körper. So habe ich mit meinen Performances angefangen.
PARNASS: Aktuell sind Arbeiten von Ihnen in der Ausstellung „Radical Software. Women, Art & Computing 1960–1991“ in der Kunsthalle Wien zu sehen. Warum wurde für Sie als Medienkünstlerin der Computer als künstlerisches Werkzeug interessant?
VALIE EXPORT: Um meine Arbeit ausdrücken zu können, brauchte ich neben der Kamera eine Fläche, auf der sie sichtbar wird. Es gibt die Kinoleinwand, die Fotoleinwand, aber auch die Computerleinwand. Das Interessante am Begriff der Leinwand ist die Frage, woraus sie genau besteht. Eine Kinoleinwand zeigt eine Projektion, die mit einem Lichtstrahl durch den Kinosaal erzeugt wird. Für eine Fotografie brauche ich einen Fotoapparat, in dem das Zelluloid zur Leinwand wird. So kam ich zur Computerleinwand, die ebenfalls ein interessantes Medium ist, um etwas darzustellen. Außerdem konnte ich das Filmmaterial sowohl auf dem Zelluloid als auch am Computer bearbeiten.

VALIE EXPORT, Stand Up. Sit Down, 1989, Courtesy the artist
P: Welche Arbeiten werden dort gezeigt?
VE: Die digitale Fotografie mit dem Titel „Stand up. Sit down“ (1989) entstand aus dem Geist der Frauenbewegung heraus, als Reaktion auf die Befehlskultur gegenüber Frauen, gegen die wir angearbeitet haben. Es gibt sie aber natürlich immer noch. Die Befehle an Frauen waren klassischerweise „Bewege Dich / Bewege Dich nicht“ oder „Sei ruhig / Sprich“ oder wie hier „Steh auf / Setz Dich nieder“. Ich mache diesen Dualismus durch die Verdopplung des Frauenbildes sichtbar, das mittels Montagetechnik in einen Block hineingesetzt ist, der verdeutlicht, dass man sich außerhalb dieser Balken nicht bewegen kann. Außerdem ist die computergesteuerte Raum-Text-Installation „Concrete Computer DisPlay“ (1988/1990) ausgestellt.
Die Stadt selbst und ihre Gebäude sind Extensionen von uns, wir tragen sie wie Prothesen.
P: In der genannten Fotografie verdeutlichen Sie ein gesellschaftliches wie architektonisches System. Warum ist in den digitalen Bildmontagen oft das Verhältnis von Körper und Stadt Thema?
VE: Heute glaube ich, dass ich mein Interesse an dem Verhältnis von Körper und Stadt auf meine Kindheit zurückführen kann. Ich bin ein kriegsgeborenes Kind aus Linz. Wie ich bei Bombenalarm mit meiner Mutter und meinen Geschwistern durch die Stadt gelaufen bin, um in den Stollen zu kommen, hat mich die Stadt einerseits anders wahrnehmen lassen und andererseits habe ich meinen Körper dadurch sehr stark empfunden, weil seine Verletzbarkeit so deutlich wurde. Wir hatten keine Helme, haben uns aber Kochtöpfe zum Schutz aufgesetzt.
P: In digitalen Fotografien wie „Selbstporträt mit Stiege und Hochhaus“ (1989) sieht man keine kriegszerstörte Stadt, sondern moderne Architekturen, die den Körper entfremden.
VE: Die Stadt selbst und ihre Gebäude sind Extensionen von uns, wir tragen sie wie Prothesen. Ein Hochhaus ist eine Extension unseres Körpers, aber auch unserer Gedanken, sowie vom Stadtbild, in dem wir uns bewegen und leben. In dieser Arbeit habe ich Stufen digital auf mein Gesicht projiziert. Eine Stufe macht die Bewegung im urbanen Raum sichtbar. Meine künstlerischen Überlegungen waren, wie sich das Gesicht dadurch bewegt oder verändert. Das fotografische Selbstporträt entsteht in der Kamera, es wird auf einen Film projiziert, und wenn ich diesen herausnehme, sieht es genau so aus wie später auf dem Foto. Im Computer hingegen wird das Selbstporträt in einzelne Teile eines digitalen Bildes zerlegt. Es ist auch eine philosophische Frage, wie ich mein Selbstporträt den Begebenheiten der mir bekannten Wirklichkeit zuordnen kann.
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VALIE EXPORT, Selbstportrait mit Stiege und Hochhaus, 1989, Courtesy the artist

