Interview mit Sandra Mujinga

Rätselhaft erscheint die Gruppe der 55 identischen Figuren, die die norwegische Künstlerin Sandra Mujinga, geboren 1989 in Goma, Demokratische Republik Kongo, geschaffen hat. Ihre Ausstellung „Skin to Skin“ war kürzlich im Stedelijk Museum Amsterdam und ist nun im Belvedere in Wien zu sehen. Im Interview lässt Sandra Mujinga den Zusammenhang der Figuren zu ihrem eigenen Leben erkennen, sie erzählt von ihrer Begeisterung für Elefanten, Tiefseegeschöpfe und das Leben in der Dunkelheit.
Die großformatigen Skulpturen erfüllen in Amsterdam den gesamten Ausstellungsraum und vereinen spannungsvolle Ambivalenzen in sich: zwischen Objekten und Subjekten, Tier und Mensch, Natur und Technik, Verletzlichkeit und Stärke, Sichtbarkeit und Tarnung, Zugehörigkeit und Fremdheit. Sie wirken gleichermaßen friedvoll wie feindlich, weltlich wie außerirdisch und sind im Kontext zeitgenössischer Themen wie Identität, Anderssein, Kolonialismus und Digitalisierung zu lesen. Die Künstlerin, die für ihre Ausstellung auch die Licht-, Sound- und Spiegelinstallation kreierte, schafft einmal mehr eine vieldeutige, alternative Realität, die unsere Sicht auf die heutige Welt herausfordert.
PARNASS: Bist du nervös vor der Ausstellungseröffnung heute?
SANDRA MUJINGA: Ja, bei mir passiert gerade sehr viel auf einmal, ich komme kaum hinterher. Als ich gestern hier am Stedelijk Museum vorbeikam und das riesige Plakat mit meinem Namen sah, habe ich erst richtig gespürt und realisiert, dass das nun alles wirklich geschieht. Das war sehr cool.
P: Deine Ausstellung wird nach Amsterdam in Wien zu sehen sein. Hast du eine persönliche Verbindung zu der Stadt?
SM: Ja, ich arbeite mit der Galerie Croy Nielsen zusammen und war 2014 für einen Erasmus-Austausch in Wien. Damals habe ich die Kunstwelt etwas besser kennenlernt. In Skandinavien, wo ich herkomme, ist sie sehr überschaubar. Eine Freundin in Wien hat mich nach Venedig zur Biennale und zur Art Basel mitgenommen. Wien hat mich beeindruckt, weil die Stadt stark von der internationalen Kunstszene geprägt ist.
P: Wie beschreibst du deine Ausstellung jemandem, der sie noch nicht gesehen hat?
SM: Zunächst sieht man die großen, abstrakten Figuren im Seitenprofil, die auf die Wand zu schauen und auf etwas zu warten scheinen. Als Nächstes bemerkt man das sanfte grüne Licht, das sich durch den Raum bewegt. Es repräsentiert die Sonne und hat einen Einfluss darauf, wie wir uns im Raum bewegen. Im Ausstellungsraum ist es ziemlich still, fast so, als würde man durch einen Wald laufen, in dem die Sonne aufgeht. Dann bemerkt man sieben verspiegelte Portale, eine Art architektonische Geste. Ich stellte mir vor, dass die Figuren aus ihnen herauskommen. Auf drei von sechs kleineren Sockeln steht jeweils eine der Figuren. Wir sehen durch die Spiegel Wiederholungen, Vervielfältigungen. Bewegt man sich im Raum, verändert sich die Art, wie die Gestalten miteinander in Beziehung stehen und auch, wie man als Betrachter:in zu ihnen steht.

Sandra Mujinga, Ausstellungsansicht "Skin to Skin", Stedelijk Museum Amsterdam, 2025, Foto: Peter Tijhuis
Der Ausgangspunkt für mein künstlerisches Schaffen war immer die tiefe Neugier auf die Welt.
P: Ich habe mich gleich anfangs gefragt, ob diese Gestalten friedlich sind oder nicht. Das war also intendiert?
SM: Es ist interessant, dass du das ansprichst. Ich beschäftige mich viel mit Tieren, besonders faszinieren mich Elefanten. Man hört manchmal, man müsse vorsichtig sein, weil Elefanten aggressiv werden können. Wir haben also dieses Bild der sanften, sehr freundlichen Wesen vor Augen, aber zugleich haben sie diese unglaubliche Kraft. Es geht aber auch um unsere Projektionen. Wir können entscheiden, ob etwas freundlich ist oder nicht. Und es gibt immer die Möglichkeit, Fürsorge für etwas zu entwickeln, das nicht so aussieht wie man selbst oder das man noch nicht ganz verstanden hat. Für mich geht es darum, dass die Gestalten in genau diesem Zwischenraum existieren.
P: Du erwähnst die eigenen Projektionen – ich hatte in der Ausstellung auch die Assoziation einer Armee. Das hat mich überrascht.
SM: Das stimmt, in ihrer Formation wirken die Figuren wie eine Armee. Oder auch wie Migrant:innen. Sie schauen auf etwas und wir beobachten, dass sie schauen. Wir existieren also auch in dieser Art Choreografie, das Publikum spielt eine große Rolle. Ich glaube, die Vielfältigkeit, die Masse hat auch mit dem Verlust des Selbst zu tun, und das ist auch etwas Schönes. Kunst erinnert uns daran – ob wir in ein Konzert gehen oder gemeinsam zu Hause Musik hören oder ein Dinner genießen – dass da dieses Gefühl ist, sich in anderen zu verlieren, mit menschlichen Netzwerken verbunden zu sein.

Sandra Mujinga, Foto: Thando Sikawuti
Ich bin fasziniert davon, Repräsentation und Sichtbarkeit zu hinterfragen.
P: Das ist sehr schön, zugleich hat „Skin to Skin“ aber auch eine kritische Seite. Die Gestalten scheinen leer und seelenlos zu sein.
SM: Mich fasziniert die Doppeldeutigkeit von Verhüllungen. Die Gestalten sind ziemlich zerbrechlich, gleichzeitig sind sie groß, haben diese starke Präsenz. Aber sie sind auch flach, muten an wie Hüllen. Ich frage mich, wie sicher es für sie wäre, sich zu offenbaren. Wenn ich wieder an die Elefanten denke, diese großartigen Kreaturen: Da gibt es eine Gruppe, die sich langsam zu Nachttieren entwickelte, um der Wilderei zu entgehen. Ich frage mich, was es bedeutet, wenn wir nur im Dunkeln existieren.
P: Rührt daher deine Faszination für die dunkle Seite des Lebens?
SM: Ich glaube, das liegt auch daran, dass ich in Skandinavien aufgewachsen bin, zu einer Zeit, in der es dort nicht viele Schwarze gab. Für mich stellte sich die Frage, was es bedeuten würde, im Rampenlicht zu stehen, wenn die Strukturen von vornherein nicht inklusiv sind. Es gibt diese gewisse Freiheit im Dunkeln, nicht sichtbar zu sein.
Das ganze Interview lesen Sie in unserer PARNASS Winterausgabe ab Seite 60.

Sandra Mujinga, Ausstellungsansicht "Skin to Skin", Stedelijk Museum Amsterdam, 2025, Foto: Peter Tijhuis
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