1937 – 2026

In Memoriam: Dóra Maurer

Dóra Maurer, Foto: Évi Fábián

Dóra Maurer ist am 14. Februar 2026 im Alter von 89 Jahren verstorben. Mit ihrem Tod verliert die Welt eine international anerkannte Künstlerin, Kuratorin, Autorin und Hochschulprofessorin, deren Œuvre sich über sechs Jahrzehnte erstreckte und in Medien wie Druckgrafik, Fotografie, Film, Video und Malerei Gestalt annahm. Ihre Arbeiten verbinden technische Präzision und regelbasierte Strukturen mit Experimentierfreude – streng analytisch, zugleich sinnlich und spielerisch.


Als zentrale Protagonistin der ungarischen Neo-Avantgarde der 1960er- und 1970er-Jahre stand Maurer in engem Austausch mit der Wiener Kunst- und Avantgardefilmwelt, etwa mit Peter Weibel, den sie 1977 nach Budapest einlud. Sie beteiligte sich an den von Dieter Bogner initiierten internationalen Arbeitskreisen für konkret-konstruktive Gestaltung auf Schloss Buchberg in Niederösterreich. Dort verwandelte sie ein Turmzimmer in einen begehbaren Bildraum. Mit Space Painting (1983) erweiterte sie die Malerei konsequent in den architektonischen Raum.

Bereits 1964 erwarb Walter Koschatzky für die Albertina Wien vier ihrer Radierungen. 1965 übersetzte sie gemeinsam mit Péter Pál Várnai Anton Weberns Vortragszyklus Der Weg zur Neuen Musik ins Ungarische – ein Hinweis auf die strukturelle Nähe ihres Denkens zu seriellen Kompositionen. 1967 erhielt sie ein Rockefeller-Stipendium in Wien, lernte den Architekten und Künstler Tibor Gáyor kennen und heiratete ihn. Die Ehe verlieh ihr die Doppelstaatsbürgerschaft und eröffnete ihr die Möglichkeit zu Westreisen, die für die internationale Vernetzung ihres Werks entscheidend wurden. Gemeinsam gründeten sie die Produktionsgemeinschaft SUMUS, die Künstler:innen über die politischen Grenzen zur Zeit des Kalten Krieges hinweg verband.

Maurers Werk ist geprägt von seriellen und konzeptuellen Verfahren, in denen Wiederholung, Verschiebung und Variation zentrale Ordnungsprinzipien bilden. Der Körper wurde dabei häufig zur Quelle individueller Strukturen, etwa im Experimentalfilm Timing (1973/80), der erstmals in der Modern Art Galerie von Grita Insam zu sehen war.

In den 1990er-Jahren prägte sie als Professorin an der Ungarischen Akademie der Bildenden Künste eine Generation junger Künstler:innen. Lehrtätigkeit, kuratorische Praxis sowie ihr Engagement in der Open Structure Art Society (OSAS) und als Präsidentin der Széchenyi-Akademie für Literatur und Kunst unterstreichen ihre nachhaltige Wirkung über das eigene Werk hinaus.

Dóra Maurer, Quadricinia 2., 2015, Holz, Leinen, Acryl, 40,5 x 124,5 cm | Courtesy Galerie Steinek, Foto: Miklós Sulyok, Budapest

Dóra Maurer, Quadricinia 2., 2015, Holz, Leinen, Acryl, 40,5 x 124,5 cm | Courtesy Galerie Steinek, Foto: Miklós Sulyok, Budapest

Im Mai 2022, wenige Monate nach dem russischen Angriff auf die Ukraine, gestaltete sie den Ringturm am Wiener Donaukanal mit dem Werk Miteinander. Die monumentale Arbeit übersetzte – wie bereits in Space Painting vier Jahrzehnte zuvor – einen fortlaufenden Prozess der Verschiebung von Farbquadraten in ein großformatiges Bildgefüge. So erscheint jedes Werk als Moment innerhalb eines offenen Systems – Ausdruck einer Haltung, die Kunst als Bewegung, Beziehung und Veränderung versteht.

Maurers Arbeiten sind in bedeutenden internationalen Sammlungen vertreten, darunter Museum of Modern Art New York, Tate Modern London, Albertina Wien, Centre Pompidou Paris und Ludwig Museum Budapest. Als Kosuth-Preisträgerin verstand sie Kunst nicht als abgeschlossene Form, sondern als fortwährende Untersuchung. Ihr Vertrauen in offene Systeme, ihre intellektuelle Unabhängigkeit und ihre methodische Klarheit bleiben ein nachhaltiges Vermächtnis.

Dóra Maurer, Foto: Évi Fábián

Dóra Maurer, Foto: Évi Fábián

 


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