Von Erinnerungskultur und Gegenwartsschleifen

Im Portrait – Markus Schinwald

Markus Schinwald,  © Markus Schinwald / Bildrecht, Wien 2025, Foto: Markus Huber

Markus Schinwald (*1973 Salzburg) lebt zwischen Wien, New York und Karlsruhe, wo er seit 2021 eine Professur für Malerei an der Akademie der Bildenden Künste innehat. Bekannt sind seine Porträts: übermalte Gemälde des 19. oder frühen 20. Jahrhunderts, die Personen in außergewöhnlichen, nahezu surrealen Situationen zeigen, eingezwängt in Stützapparate, Gesichtsmasken oder Kleidungsstücke, und so die Komplexität von Körperwahrnehmungen in den Fokus stellen. Die Auswahl aktueller Werke, die Markus Schinwald bei Thaddaeus Ropac in Salzburg präsentiert, zeigt allerdings einen neuen Aspekt seiner künstlerischen Praxis. Diese Arbeiten verbinden kunsthistorische Traditionen mit der visuellen Grammatik digitaler Technologien und reflektieren, wie diese unser Verständnis von Geschichte, Erinnerung und Zukunft prägen.


 

Gleich geblieben ist das Arbeiten mit historischen Gemälden als Ausgangsbasis seiner eigenen Malerei. Doch entstehen daraus nun großformatige Bilder, erweitert mittels Tapisserien und immersiver Klangkulissen zu bühnenartigen Räumen. 

Die aktuellen Gemälde sind auch ein Ergebnis seiner steten Beobachtung und Befragung der Gegenwart. Konkret beschäftigt den Künstler die von künstlicher Intelligenz und sozialen Medien vorangetriebene Nivellierung von Bildern und Musik und das damit verbundene „Abhandenkommen von Erinnerungskultur. Die Art und Weise, wie wir Kunstgeschichte schreiben, neigt sich dem Ende zu. Gute Bilder wird es immer geben, davon bin ich überzeugt, aber durch die Nutzung sozialer Medien und digitalisierter Informationen schwindet das Interesse für Geschichte sowie das Verständnis für Entwicklungen und Zusammenhänge." 

Markus Schinwald, Installationsansicht "Interiors Inc.", Thaddaeus Ropac Salzburg Villa Kast, 2025, © Markus Schinwald / Bildrecht, Wien 2025, Foto: Ulrich Ghezzi

Markus Schinwald, Installationsansicht "Interiors Inc.", Thaddaeus Ropac Salzburg Villa Kast, 2025, © Markus Schinwald / Bildrecht, Wien 2025, Foto: Ulrich Ghezzi

Wir verharren in einer Art Gegenwartsschleife.

Markus Schinwald

Was passiert mit unserem Kunst- und Geschichtsbewusstsein, wenn Kommunikation in den sozialen Medien nur noch mittels Bilder funktioniert, die alle gleichzeitig abrufbar sind, die auftauchen und sofort wieder verschwinden? Verbinden wir mit Gemälden, mit Objekten, mit einer Musik noch eine bestimmte Zeit? Besteht überhaupt noch ein Bewusstsein für eine Gegenkultur oder Subkultur oder verwebt sich alles zu einem visuellen Einheitsbrei?

Dieses brisante Spannungsfeld thematisieren Schinwalds jüngste Arbeiten, subtil, komplex, mittels leiser und rockiger Töne, bildgewaltig und räumlich erlebbar. In jedem Fall sind diese Werke einmal mehr ein unmissverständliches Bekenntnis zur Malerei und ein Beispiel ihrer formalen wie inhaltlichen Möglichkeiten.

Die Gemälde verbinden historische Bildnisse nahtlos mit zeitgenössischen Elementen, verweisen auf Kunststile wie die Neue Sachlichkeit ebenso wie auf Science-Fiction-Filme und das Raumkonzept des digitalen „Holodecks“, deren visuelle Sprache auch auf Bildlösungen der Vergangenheit basiert. Sie wirken zum Teil wie melancholische Abschiedsbilder an eine vergangenen Zeit, ohne in eine moralisierende Nostalgie zu verfallen – eher wie Landkarten oder Chroniken, die an bestimmte Orte und Zeiten erinnern, sie kurz aufblitzen lassen, sich dann jedoch in die Gegenwart einschreiben.

Markus Schinwald, Untitled (Extensions), 2025, Öl auf Leinwand, 200 x 200 cm, Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac, © Markus Schinwald / Bildrecht, Wien 2025, Foto: Ulrich Ghezzi

Markus Schinwald, Untitled (Extensions), 2025, Öl auf Leinwand, 200 x 200 cm, Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac, © Markus Schinwald / Bildrecht, Wien 2025, Foto: Ulrich Ghezzi

Ich glaube, in wenigen Jahren wird man auf die White Cubes zurückschauen als eine Art von ‚Period-Roms‘ des 20. Jahrhunderts.

Markus Schinwald

„Ich finde es spannend, in einer Zeit zu leben, in der sich vieles verändert und auch der Kanon der Kunst hinterfragt wird“, so Schinwald in seinem Statement zur Salzburger Ausstellung. Kleine Bilder aus dem 18., 19. oder auch frühen 20. Jahrhundert, die er in Auktionshäusern oder im Antiquitätenhandel kauft, sind ein integraler Bestandteil seiner Gemälde, ja im eigentlichen Sinn der Ausgangspunkt der Komposition. Bilder kaum bekannter Maler:innen, so Schinwald, die mit einer völlig anderen Bildidee vor vielen Jahrzehnten gemalt wurden, jedoch etwas festhalten, das eine überzeitliche Bedeutung hat.

Die Bilder sind sowohl Zeitmarker als auch formaler Ausgangspunkt für die weitere Bearbeitung. Sie werden restauriert und entweder komplett oder ausschnitthaft in eine große Leinwand eingebunden. Die Farben des Initialbildes und sein Pinselduktus bilden sodann den Ausgangspunkt für den weiteren malerischen Prozess, das ursprüngliche Werk selbst ist nur noch bloßes Fragment einer neuen zeitgenössischen Bildkomposition. In diese verwebt Schinwald viele weitere Details, durch die er verschiedene Bedeutungen und Zeitspannen miteinander verbindet.

Markus Schinwald, Installationsansicht "Interiors Inc.", Thaddaeus Ropac Salzburg Villa Kast, 2025, © Markus Schinwald / Bildrecht, Wien 2025, Foto: Ulrich Ghezzi

Markus Schinwald, Installationsansicht "Interiors Inc.", Thaddaeus Ropac Salzburg Villa Kast, 2025, © Markus Schinwald / Bildrecht, Wien 2025, Foto: Ulrich Ghezzi

Den ganzen Artikel lesen Sie in unserer aktuellen PARNASS Winterausgabe, deren Cover übrigens auch Markus Schinwalds Arbeit ziert!

PARNASS 04/2025

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