Über Freiheit, Landschaften, Engagement und Feminismus

Im Portrait – Leiko Ikemura

Leiko Ikemura, Foto: Robert Schittko

Leiko Ikemura zählt zu den spannendsten Künstlerinnen der Gegenwart. Die in Japan geborene und seit Jahrzehnten in Europa arbeitende Malerin, Bildhauerin und Zeichnerin verbindet in ihrem Werk Kulturen, Zeiten und Perspektiven.


Die Albertina widmet Leiko Ikemura eine umfassende Einzelausstellung, die die Malerei, Skulpturen und Zeichnungen der Künstlerin in all ihrer Vielschichtigkeit zeigt. Die von Elsy Lahner kuratierte Schau präsentiert einen Querschnitt durch das Werk der in Berlin lebenden Künstlerin und überzeugt durch eine präzise, konzentrierte und einfühlsame Präsentation, die Ikemuras Vielschichtigkeit sichtbar macht – von ausdrucksstarker Malerei über fragile Zeichnungen bis zu Skulpturen aus Terrakotta, Glas und Bronze, die mythische wie politische Dimensionen eröffnen. Bekannt für ihre poetisch-kraftvollen Arbeiten, in denen sie westliche und östliche Einflüsse vereint, widmet Ikemura sich Themen wie Weiblichkeit, Transformation und Identität.

„Die Zeichnung ist das A und O für mich“, erklärt die Künstlerin beim PARNASS-Besuch in ihrem Atelier in Berlin. Im Gespräch gibt sie persönliche Einblicke in die geplante Ausstellung, ihre Anfänge, die Herausforderungen in einer männlich dominierten Kunstszene und sie erklärt auch, warum Kunst für sie immer auch Engagement bedeutet.

Leiko Ikemura, Tokaido (Triptychon Teil 3), 2015, 190 × 290 cm, Tempera auf Jute, © 2025 Leiko Ikemura, Foto: Jörg von Bruchhausen

Leiko Ikemura, Tokaido (Triptychon Teil 3), 2015, 190 × 290 cm, Tempera auf Jute, © 2025 Leiko Ikemura, Foto: Jörg von Bruchhausen

Meine Malerei eröffnet Räume, in denen Vergangenheit und Zukunft ineinanderfließen und eine kosmologische Dimension anklingt.

Leiko Ikemura

PARNASS: Am 14. November eröffnete Ihre Ausstellung in der Albertina, der Titel lautet „Motherscapes“. Was steht dahinter?
LEIKO IKEMURA:
Mädchen- und Frauenfiguren tauchen immer wieder in meinem Werk auf – nicht als Klischee, sondern als Möglichkeit für Übergang und Veränderung. Für mich ist das eine Metapher für das Menschsein. Anders formuliert: Es geht nicht um Parolen, sondern um Sensibilität und eine universelle Erfahrung. Nicht um Trennung, sondern um eine holistische Weltanschauung.

Leiko Ikemura, Kitsune, 2022, © Leiko Ikemura / Bildrecht, Wien 2025, Foto: Jörg von Bruchhausen

Leiko Ikemura, Kitsune, 2022, © Leiko Ikemura / Bildrecht, Wien 2025, Foto: Jörg von Bruchhausen

Leiko Ikemura, Triptychon Teile 1-3 (Genesis, Tokaido, Tokaido), 2015, 190 x 290 cm, Tempera auf Jute, ALBERTINA, Wien © Leiko Ikemura, Foto: Jörg von Bruchhausen

Leiko Ikemura, Triptychon Teile 1-3 (Genesis, Tokaido, Tokaido), 2015, 190 x 290 cm, Tempera auf Jute, ALBERTINA, Wien © Leiko Ikemura, Foto: Jörg von Bruchhausen
 

P: Sie wurden in Japan geboren, haben in Osaka studiert, sind jedoch sehr früh nach Europa aufgebrochen. Was waren die Gründe für diese Entscheidung?
LI:
Neugier, Freiheitsdrang und Rebellion. Ich bin ohne familiären oder sonstigen Rückhalt nach Spanien gegangen. Das war damals noch kein global vernetztes Zeitalter, sondern ein echtes Wagnis. Aber dieser Alleingang hat mir viel Kraft gegeben.

Feminismus verstehe ich als gelebte Haltung, die Freiräume eröffnet und ebenso von männlicher Seite her mitpraktiziert werden soll.

Leiko Ikemura

P: Hat Ihre Herkunft Ihre Kunst geprägt?
LI:
Indirekt. Kunstgeschichte habe ich in Europa gelernt. In Japan gelten andere Maßstäbe. Japanische Kunst hat eine lange Geschichte ohne großartige Theoriebildung. Für mich war interessant die Unterschiede auszutesten, etwa in Bezug auf Räumlichkeiten und die Illusion der Dreidimensionalität. In Europa herrschte eine Hierarchie, in die ich über die „Neuen Wilden“ hineinkam (lächelt). Das war ein Missverständnis, aber es öffnete Türen.

P: Welche Bedeutung hatte damals der Feminismus für Sie?
LI:
Ich habe unabhängig gelebt, das war meine Form des Feminismus. Der Begriff erschien mir damals zu eng gefasst. Mir geht es um Gleichberechtigung und Vielfalt, um Freiheit, die wir in den 1970er-Jahren schon lebten – heute wird sie leider wieder zurückgedrängt. Als Frau musste ich mich in einer stark männlich geprägten Welt behaupten. Für mich war es entscheidend, meinen eigenen Weg zu gehen.

P: Ihre gemalten Landschaften, bevölkert von Wasserfällen, Bergen und erodierten Formen, wirken dystopisch und poetisch und werden von Betrachter:innen oft auch mit Ängsten in Verbindung gebracht. Ist das beabsichtigt?
LI:
Am Anfang war meine Malerei ein Mittel gegen eigene Ängste. Für mich geht es um die Wahrnehmung von Ängsten und Krisen, sowohl jenen der eigenen dunklen Seite als auch global wie bei Kriegen und der Klimakrise. Ich sehe Ängste als Motor der Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen.

Leiko Ikemura Yellowscape, Gelbe Landschaft, 2020, Tempera und Öl auf Jute, Foto: Gunter Lepkowski, Courtesy Studio Ikemura

Leiko Ikemura Yellowscape, Gelbe Landschaft, 2020, Tempera und Öl auf Jute, Foto: Gunter Lepkowski, Courtesy Studio Ikemura

Das ganze Gespräch lesen Sie in der PARNASS Winterausgabe 04/2025 auf Seite 76.

 


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PARNASS 04/2025

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