Jetzt ist die Linie die Linie

Im Portrait – Jorinde Voigt

Jorinde Voigt, Foto: Martin Müller / Bildrecht, Wien 2026

Jorinde Voigt hat seit einigen Jahren ihr Atelier im Reinbeckareal in Berlin-Oberschöneweide, einem von riesigen alten Fabrikhallen geprägten Viertel direkt an der Spree. Vor den hohen Fenstern liegt die raue Idylle eines ehemaligen Betriebsgeländes, hinter den Fenstern herrschen eine noble Ordnung und der Wille, die Welt zu fassen, ihre Systeme zu erkennen.


PARNASS: In Ihrem vorigen Atelier war alles weiß, sogar die Steine im Garten. Hier ist alles farbig. Wie kam es dazu?
Jorinde Voigt:
Als das Studio gebaut wurde, habe ich an der Serie »Immersionen« gearbeitet. Für diese Serie habe ich kein weißes Papier verwendet, sondern jedes Blatt in ein Farbbad getaucht. Ich habe ganz bewusst einen nicht-neutralen Hintergrund erzeugt, weil ich eine heterogene Ausgangsbasis haben wollte. Das war die Anpassung meiner Arbeit an die Realität, denn keine Situation ist neutral. Ich dachte damals, dass die Konvention eines neutralen weißen Papiers grundsätzlich falsch ist. Es gibt nichts Neutrales, alles ist spezifisch. Das habe ich mit dem Färben der Blätter zum Thema gemacht.

Ich habe höchstens ein Vorbild. Und das sind Bäume.

Jorinde Voigt
Jorinde Voigt, Sky Script VI, 2026, Grafit, Blattgold, Tinte und Pastell auf Papier, 140 × 216 cm, © by the artist / VG Bild-Kunst , Bonn / Bildrecht, Wien 2026, Courtesy Galerie Judin, Berlin, Foto: Trevor Good

Jorinde Voigt, Sky Script VI, 2026, Grafit, Blattgold, Tinte und Pastell auf Papier, 140 × 216 cm, © by the artist / VG Bild-Kunst , Bonn / Bildrecht, Wien 2026, Courtesy Galerie Judin, Berlin, Foto: Trevor Good

P: Und diese Erkenntnisse sind direkt in die Studiogestaltung eingeflossen?
JV:
Genau, ich hatte eine Farbe abstrakt festgelegt – ein Graugrün. Das ist die Mischung aus meiner Erinnerung an englische Wintergärten des 18. Jahrhunderts und der Summe aller Grüntöne über das ganze Jahr. Für die anderen Räume wurde es immer die Farbe der Bilder, die ich an dem Tag gemacht habe, als der Bau entstand.

P: Wie beginnen Sie Ihren Arbeitstag?
JV:
Der fängt sehr früh an. Ich stehe meistens um halb fünf oder um fünf auf, weil ich nicht mehr schlafen kann. Ich genieße jeden Morgen den Sonnenaufgang. Dann mache ich Skizzen für meine Skulpturen. Denn wenn ich morgens wach werde, werde ich überschwemmt von ganz vielen Ideen. Damit die mich den Tag über nicht belasten, muss ich sie klären. Deshalb zeichne ich jeden Morgen am Küchentisch und trinke Kaffee dabei. Es liegt ein riesiger Stapel Zeichnungen auf dem Küchentisch. Wenn etwas ausgegoren ist, nehme ich es mit ins Atelier und fange an, es zu übersetzen.

Non-Fiction, Installationsansicht Galerie Judin, Berlin, © by the artist / VG Bild-Kunst, Bonn / Bildrecht, Wien 2026, Courtesy Galerie Judin, Berlin, Foto: Trevor Good

Non-Fiction, Installationsansicht Galerie Judin, Berlin, © by the artist / VG Bild-Kunst, Bonn / Bildrecht, Wien 2026, Courtesy Galerie Judin, Berlin, Foto: Trevor Good

Non-Fiction, Installationsansicht Galerie Judin, Berlin, © by the artist / VG Bild-Kunst, Bonn / Bildrecht, Wien 2026, Courtesy Galerie Judin, Berlin, Foto: Trevor Good

Non-Fiction, Installationsansicht Galerie Judin, Berlin, © by the artist / VG Bild-Kunst, Bonn / Bildrecht, Wien 2026, Courtesy Galerie Judin, Berlin, Foto: Trevor Good

Non-Fiction, Installationsansicht Galerie Judin, Berlin, © by the artist / VG Bild-Kunst, Bonn / Bildrecht, Wien 2026, Courtesy Galerie Judin, Berlin, Foto: Trevor Good

Non-Fiction, Installationsansicht Galerie Judin, Berlin, © by the artist / VG Bild-Kunst, Bonn / Bildrecht, Wien 2026, Courtesy Galerie Judin, Berlin, Foto: Trevor Good

P: Geht es morgens immer nur um Skulpturen?
JV:
Ja. Auf jeden Fall in den letzten sechs Jahren.

P: Mit Ihrem Werk verbinden die meisten vor allem Zeichnungen. Skulpturen waren lange nicht präsent.
JV:
Ja, das stimmt. Sie entstanden wie eine Art Auskopplung aus den zeichnerischen Überlegungen, wie eine zweite Ebene der Überprüfung im Raum. Ich habe sie als etwas verstanden, was sich ab und an der Zeichnung gegenüberstellt. Ich selbst habe mich als jemanden gesehen, der Strukturen entwickelt und diese hauptsächlich über eine Notation festhält.

P: Aber Skulpturen sind nichts anderes?
JV:
Nein. Und ich habe natürlich auch mehr Erfahrung mit dem Dreidimensionalen gesammelt. Manchmal scheinen sie fast schon aus einer Zeichnung herauszufallen.

P: Was beschäftigt Sie aktuell?
JV:
Mein Ausstellungstitel in der Berliner Galerie Judin spiegelt das, was mich beschäftigt, perfekt. Er lautet »Non Fiction«. Während der Corona-Pandemie bekam die Wahrnehmung der Realität plötzlich Lücken, ähnlich wie Gletscherspalten. Dinge brachen plötzlich ab. Daraus entstanden Arbeiten, die sich mit Prozessen beschäftigen, in denen geklärt wird, wie Dinge zusammen sinnvolle Abfolgen bilden und warum etwas zusammengehört. Kurz darauf begann der Ukraine- Krieg. Seine Nähe wirkte stark auf mich. Es fühlte sich an, als ob ein Alarm in mir aktiviert würde – als wüsste mein Blut, was Krieg ist. Ich hatte starke Fantasien, Deutschland zu verlassen, teilweise war ich auch vollkommen kraftlos, irgendwie gelähmt. Es war, als ob ich kniehoch im Nebel stünde, sodass ich den Boden nicht mehr sehen kann. Daraus ist auch eine Skulptur entstanden – die Nebelfigur. Ende letzten Jahres habe ich mich entschieden, ganz wach zu sein und konkret auf das zu reagieren, was gerade ist.

	Jorinde Voigt, Foto: Martin Müller / Bildrecht, Wien 2026

Jorinde Voigt, Foto: Martin Müller / Bildrecht, Wien 2026


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