Im Gespräch mit Maha Malluh

Maha Malluh (*1959) zählt zu den bekanntesten Künstlerinnen Saudi-Arabiens. In ihren Werken untersucht sie das kulturelle Erbe ihres Heimatlandes und setzt es in einen zeitgenössischen Kontext. Sie arbeitet mit einer Vielzahl von Medien, darunter Zeichnung, Malerei, Fotografie, Fotogramme und Mixed-Media- Installationen. In Letzteren verwendet sie häufig Fundstücke, die symbolisch für die saudische Kultur stehen, oder ikonische architektonische Elemente, die in der regionalen Architektur häufig genutzt werden. Die Wiener Galerie Krinzinger vertritt die Künstlerin seit vielen Jahren und zeigte letzten Herbst eine Einzelausstellung der Künstlerin mit dem Titel „Stories Matter“ sowie im Krinzinger-Showroom die von Maha Malluh kuratierte Ausstellung „Other Stories“. Wir trafen die Künstlerin in der Galerie Krinzinger zum Gespräch.
PARNASS: Erinnerungen, Geschichte und kulturelle Tradition sind wesentliche Kriterien Ihres künstlerischen Werkes. Dabei verwenden Sie oft Artefakte aus dem täglichen Leben. Adressieren Sie damit auch das Spannungsfeld zwischen kulturellem Erbe und den tiefgreifenden Veränderungen, die die globale Modernisierung mit sich bringt?
MAHA MALLUH: Durchaus, meine Werke zeigen die vielen Aspekte, die ich mit Objekten und mit der Kultur meines Landes verbinde. Alltagsgegenstände sagen viel über uns und unsere Gesellschaft aus. Aber in den letzten Jahrzehnten hat in Saudi-Arabien die Verwendung traditioneller Gegenstände immer mehr abgenommen, und damit auch ihre Herstellung. Ich sehe darin ein großes Problem. Alles, was wir benutzen, ist nicht mehr von uns hergestellt. Es gibt kein Interesse für traditionelles Handwerk mehr und so wird auch das Wissen um handwerkliche Techniken nicht in die nächste Generation weitergegeben. Damit verschwindet auch ein Raum für Kreativität.
Das ist eine allgemein festzustellende Tendenz, die nicht nur Saudi-Arabien betrifft. Früher gab es zum Beispiel Flohmärkte, wo man noch ältere Küchengeräte finden konnte, Töpfe, Pfannen etc. Heute gibt es auch diese Flohmärkte nicht mehr. Das ist hier in Wien anders, hier gibt es Flohmärkte und Antiquitäten- und Altwarengeschäfte, dazu auch Manufakturen, in denen traditionelles Handwerk weitergegeben wird. Ich halte das für sehr wichtig.
Objekte sind Teil unserer Identität. In ihnen lebt Geschichte weiter.

Maha Mulla, Trophies #8, 2025, Aluminium, Kupfer, 61 x 37 cm, Courtesy the artist und Galerie Krinzinger
P: Versuchen Sie in Ihrer Arbeit dafür Bewusstsein zu schaffen?
MM: Ja, das ist mir ein großes Anliegen und ich merke auch, dass das Interesse der jungen Generation für das kulturellen Erbe wieder stärker in den Fokus rückt, dass Handwerk wieder geschätzt wird. Die Inspiration für meine Kunst kommt aus meinem Heimatland Saudi-Arabien. Es ist ein Land der kontrastreichen Bilder und Ideen – diese gilt es, wieder stärker ins Bewusstsein zu rücken.
Kunst ist eine Möglichkeit, Menschen dazu zu bewegen, innezuhalten und sich intensiver mit ihrer Geschichte und Umgebung auseinanderzusetzen. Wenn ich auf Märkten Objekte kaufe, versuche ich daraus etwas Neues zu machen, sie wieder lebendig in das Hier und Jetzt zu stellen. So entsteht ein Art Archiv des Lebens.
Als ich begonnen habe, künstlerisch zu arbeiten, war meine Intention, etwas für mein Land, für meine Gesellschaft zu tun. Ich dachte damals nicht daran, dass daraus eine künstlerische Karriere mit Ausstellungen entstehen würde, sondern folgte meinem intrinsischen Bedürfnis.

Maha Malluh, Echoes of Place, 2025, collage, print on Hahnemühle paper, 1/6 (Ed.6 + 2 AP), 67 x 100 cm, Courtesy Galerie Krinzinger and Maha Malluh
Mein Werk hat keinen „signature style“. Das ist mir wichtig, denn das Festhalten an Werkserien verhindert die Entwicklung von etwas Neuem.
P: Ihre beeindruckende Serie der „Trophies“ besteht aus Alltagsgegenständen. Der Titel ist jedoch ambivalent.
MM: Die Skulpturen bestehen aus Haushaltsgeräten, Industrieabfällen und persönlichen Erinnerungsstücken. Sie hinterfragen die herkömmlichen Vorstellungen davon, was es wert ist, bewahrt oder gewürdigt zu werden. Anstelle von Siegen und Eroberungen ehren sie Ausdauer und Arbeit, die oft unerwähnt und ungesehen bleibt. Sie sind stille Zeugen für Geschichten, eingebettet in die Materialität des Alltags. Sie verkörpern auch das reale Leben und die Erinnerung, die man damit verbindet.
Wessen Geschichten bestehen fort? Woran zu erinnern entscheiden wir uns? Und wie tragen Objekte, Bilder und Routinen die Echos der Geschichte eines Volkes weiter?
P: Wie reagiert das offizielle Saudi-Arabien auf kritische und politische Kunst?
MM: Auch hier hat sich viel verändert. Wir haben auch viele Künstler:innen, die politisch arbeiten. Es gibt keine Restriktion, wenn Sie das meinen.

Porträt Maha Malluh, Courtesy Galerie Krinzinger, Foto: Carmen Alber
Das ganze Interview und mehr über die Kunstszene in der Golfregion lesen Sie in unserem Special Auctions & Fine Arts 2025 auf Seite 46.

