Eine Kooperation von STRABAG ART und Künstlerhaus Vereinigung

Im erweiterten Raum

Natascha Schmitten, Phosphor, 2018, Tusche und Öl auf Nylon, 250 × 200 cm, © by the artist

Die Malerei hat sich seit der Postmoderne immer wieder auch auf den Raum per se bezogen, bis hin zu einer installativen Ausweitung von Farbe und Linie. Doch seit in den 1980er-Jahren das Leinwandbild wieder stärker in den Fokus getreten ist, hat dieser Bezug zum Raum eine andere Kontextualisierung erfahren, im Sinne konzeptueller Überlegungen und einer kritisch-reflektierenden Haltung der Malerei zur Gegenwart. So bezieht sich auch die Ausstellung im Wiener Künstlerhaus nicht ausschließlich auf den physischen Raum, sondern sieht die die Malerei als Experimentierfeld, das neue Möglichkeiten eines künstlerischen Handelns aufmacht.


Im Fokus der von Günther Oberhollenzer (künstlerischer Leiter Künstlerhaus) und Sebastian Haselsteiner (Leiter STRABAG ART) kuratierten Ausstellung stehen künstlerische Positionen der Malerei und Zeichnung aus der STRABAG ART Collection, die seit jeher einen Fokus auf diese Medien legt. Die ausgestellten Künstler:innen loten auf sehr unterschiedliche Art und Weise die Grenzen ihres Mediums aus und zeigen, dass die Malerei per se auch in unserer multimedialen Gegenwart nichts an Strahlkraft und Ausdrucksstärke verloren hat. »Aufgrund unserer mittlerweile 35-jährigen Geschichte mit der STRABAG ART Collection und dem ART Award haben wir uns naturgemäß auch mit der Frage auseinandergesetzt, wo die Grenzen der Malerei sind. Und wir haben bis jetzt noch keine gefunden, die wir akzeptieren wollen«, so Sebastian Haselsteiner.

Nach wie vor hat das Leinwandbild seine Berechtigung. Ob im Dialog mit anderen Genres der Kunst als medienreflexive Auseinandersetzung oder im Spiel zwischen Zwei- und Dreidimensionalität: Dem Medium Malerei stehen eine Vielzahl von Möglichkeiten offen. Dies zeigen auf sehr heterogene Weise die ausgewählten zehn Künstler:innen, die zum Teil eigens für die Ausstellung Werke angefertigt haben oder wie Sevda Chkoutova eine neue Wandarbeit in situ schufen.

Beispielhaft ist das Œuvre von Clemens Wolf, bis kürzlich auch in der Galerie SUPPAN zu sehen. Wolf, der sich stets als Maler begreift, hat sich vom klassischen zweidimensionalen Bild weit entfernt. Ursprünglich aus der Sprayer-Szene kommend, hatte der urbane Raum für ihn stets große Relevanz. Mit seinen Fallschirmarbeiten verließ er endgültig den flachen Bildträger.

Stefan Peters, Untitled, 2021, Öl auf Holzplatte, 60 x 80 cm, © by the artist

Stefan Peters, Untitled, 2021, Öl auf Holzplatte, 60 x 80 cm, © by the artist

Der Fallschirm mit all seinen Faltenwürfen hat auch eine kunsthistorische Konnotation, schreibt sich jedoch vor allem als mit Pigmenten und Epoxidharz umhüllter Stoff als reliefartiges Bild oder Skulptur unmissverständlich in den Raum ein. Der Moment der Bewegung wird festgehalten – ein der Malerei nicht fremder Parameter. In der Schau wird der Fallschirm nun als überdimensionales Mobile von der Decke herab inszeniert. Von Wolf ist – auch aufgrund der Tatsache, dass die STRABAG Sammlung den Künstler seit mehr als 20 Jahren begleitet – ein kleiner retrospektiver Überblick der letzten Jahre zu sehen.

Wie sehr das Thema der Landschaftsmalerei zeitgenössisch und auch räumlich interpretiert werden kann, zeigen die Werke von Lucia Tallová und Stefan Peters. Tallovás meist in Schwarz-Weiß und Grautönen gehaltene Acryl- und Tuschemalerei ist im eigentlichen Sinne abstrakt, vermittelt jedoch eine Atmosphäre flüchtiger Nebelschleier oder Wolkenformationen. Ganz anders in ihren Objekten, wo sie Zeichnung und Malerei, historische Fotografien und Fundstücke wie alte Fenster oder Schubladen auf eindrückliche und sensible Weise miteinander verbindet.

Die Tradition der niederländisch-flämischen Landschaftsmalerei ist dem belgischen Künstler Stefan Peters vertraut, und dennoch eröffnet er mit seinen ungewöhnlichen Perspektiven auf die Landschaft für die Betrachter:innen neue Räume. Insbesondere auch mit der großformatigen Wandinstallation »(RE) Appearance of a Landscape«, die je nach Standpunkt der Betrachter:innen das Landschaftsmotiv offenbart oder aber als atmosphärische Abstraktion zu lesen ist.

Stefan Peters, (Re)Appearance of a Landscape, 2025, aus der Serie »Sliced«, Acryl auf 62 Holzleisten, 200 × 550 cm, © by the artist

Stefan Peters, (Re)Appearance of a Landscape, 2025, aus der Serie »Sliced«, Acryl auf 62 Holzleisten, 200 × 550 cm, © by the artist

Wie die Auseinandersetzung mit der Landschaft neue Werkzyklen prägt, zeigen die Zeichnungen von Andreas Werner, die asiatische Kultur mit seiner für ihn charakteristischen Formenwelt der Robotik und ebenso archaisch wie futuristisch anmutenden architektonischen Konstruktionen verbindet. Ihm ist ebenso wie Gunter Damisch, Birke Gorm und Robert Gabris ein eigener Raum gewidmet. Gabris schuf für die Ausstellung einen eindrucksvollen Zeichnungszyklus, der an das kulturelle Erbe der Roma anknüpft und dieses neu interpretiert, indem er queere und bislang ausgeschlossene Figuren in die traditionellen Erzählungen integriert.

Gunter Damisch – der bereits 1996 mit dem STRABAG ART Award ausgezeichnet wurde – hat in seinem Œuvre die Medien Malerei, Grafik und Skulptur stets aufs engste formal wie thematisch miteinander verbunden. Mit seinen »Weltenfeldern« und »Weltenwegen« schuf er individuelle Räume, in denen die Blickachsen zwischen Mikrokosmos und Universum verschwimmen.
Maria Legat, Birke Gorm und auch Sevda Chkoutova entwickeln politische Bildräume aus einer weiblichen Perspektive und besprechen in ihren Werken Themen wie Körper, Identität und Macht.

In subtiler Weise erschließt Natascha Schmitten mit großformatigen Bildern den Raum. Mit großem Gestus trägt sie die Farben auf transparente Stoffbahnen auf. Doch trotz der Kraft des Farbauftrages ist ihren Bildern eine besondere Zartheit immanent. Fluide, fließend und elegant ergießen und überlagern sich die Farben über die Nylonstoffe an der Schnittstelle zwischen Abstraktion und figurativen Anklängen.

Natascha Schmitten, Pulmo, 2023, Tusche, Acryl und Öl auf Nylon, 115 × 105 cm, Foto: Rudi Froese, © by the artist

Natascha Schmitten, Pulmo, 2023, Tusche, Acryl und Öl auf Nylon, 115 × 105 cm, Foto: Rudi Froese, © by the artist

Die Ausstellung begreift den Raum, wie die Auswahl der zehn Künstler:innen deutlich macht, nicht nur als physisch, sondern versteht Malerei und Zeichnung als Experimentierfeld und Forschungsraum. »Die Schau will zeigen, mit welchen Mitteln jenseits des Pinsels man malen kann«, so Oberhollenzer. Die Ausstellung begreift sich darüber hinaus auch als ein Appell für das analoge Erleben von Kunst, um ihre Materialität und Wirkkraft zu erfassen.

Parallel zu dieser Präsentation zeigt die Factory des Künstlerhauses, allerdings nur bis 29. März, einen vertiefenden Einblick in die STRABAG ART Collection – figurative und abstrakte Werke in einer dichten Salon-Hängung. Die Sammlung geht damit, so Sebastian Haselsteiner, erstmals bewusst in die Innenstadt, um sie auch außerhalb der Wiener Zentrale und des Ausstellungsraums ART Site im 22. Bezirk sichtbarer zu machen. Eine bewusste Öffnung, aus der Überzeugung heraus, dass die Werke nicht nur intern für die Mitarbeiter:innen, Kund:innen und Lieferant:innen an den insgesamt 75 österreichischen und internationalen STRABAG-Standorten präsent sein sollen.

Eine weitere räumliche Öffnung wird mit den »ART Containern« an Baustellen der STRABAG SE vollzogen, die von Künstler:innen gestaltet werden: mobile Ausstellungsflächen, die 24/7 Kunst im öffentlichen Raum und auf Baustellen präsentieren,mit dem Ziel, die Kunstförderung (STRABAG ART) mit der Kernkompetenz Bauen zu verbinden und Kunst niederschwellig erlebbar zu machen. So steht auch vor dem Künstlerhaus für die Dauer der Ausstellung ein ART Container, gestaltet vom polnischen Künstler und Preisträger des STRABAG ART Award International 2021, Marcin Zawicki.

 


Im erweiterten Raum

Künstlerhaus Wien
bis 7. Juni 2026

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Lucia Tallová, Room with a View, 2025, Holz, Buch, Buchseiten und Kohle, 151 × 111 × 31 cm, Foto: Adam Šakový

Lucia Tallová, Room with a View, 2025, Holz, Buch, Buchseiten und Kohle, 151 × 111 × 31 cm, Foto: Adam Šakový

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