Interview mit Daniel Richter

„Ich werde weitermalen“

Die Galerie Thaddaeus Ropac zeigt aktuell neue großformatige Arbeiten Daniel Richters in der Schau „SO LONG, DADDY“. Gemälde, inspiriert von der griechischen Mythologie, die durch starken Kontrasten und großen Gesten auffallen. Ein Anlass, das PARNASS Interview mit Daniel Richter anlässlich seiner Ausstellung im Belvedere21 nochmals zu lesen. Adelheid Sonderegger und Andreas Hoffer trafen den Künstler zu einem Interview in Wien.


PARNASS: Wenn wir uns Ihre Werkphasen anschauen, haben Sie ja am Anfang eher abstrakt gemalt, dann gab es eine Hinwendung zum Figurativen, seit Kurzem überwiegt wieder die Abstraktion. Gibt es trotzdem so etwas wie einen roten Faden in Ihrem Werk?

DANIEL RICHTER: Im Grunde ging es lange Zeit um die Überfrachtung, eine Befragung danach, das Formulieren von Paradoxien. Mehr oder weniger angefangen habe ich mit der Frage: Wie überfrachtet ist ein überfrachtetes Bild, wodurch entsteht diese Überfrachtung, wenn sie nicht durch eine Rhetorik entsteht, sondern durch das Vollmalen des Bildes? Das nächste war dann die Frage nach der immanenten figürlichen Darstellung, dann die nach Narration als symbolischer Ersatzhandlung und schließlich das Arbeiten mit dem Ikonenhaften, also männlichen Klischees oder romantischen Klischees. Wenn man das alles zusammensieht – ich hatte die Befürchtung, dass es da Brüche gibt, die gar nicht miteinander in Beziehung stehen –, dann sieht man, dass die Kontinuität in der Auseinandersetzung mit der Malerei durchaus einer gewissen Verbindlichkeit, einer Dialektik gehorcht, was die einzelnen Werkgruppen miteinander verzahnt. Man findet zwischen den Werkgruppen atmosphärische Reibungen, wenn man das so nennen kann, sodass ich dann auch ganz zufrieden bin mit dem Angebot, was ich machen kann.

P: Woraus entsteht ein Moment der Veränderung?

DR: Relativ lange hangelt man sich durch Bilder und findet diese selbst immer noch interessant, das könnte man natürlich schon als Variation beschreiben. Aber es gibt dann immer noch ein ungelöstes Problem, etwas, das mich reizt, eine Unsicherheit, eine Übertreibungsmöglichkeit oder vielleicht eine Reduktionsmöglichkeit. Irgendwann hat sich ein Thema jedoch erschöpft und dann fängt es an, dass aus einer Methode so etwas wie ein Stil wird. Dann werden die Farben auf einmal wichtiger, die Größenverhältnisse, also ausschließlich ästhetische Variablen, um das weiter durchziehen zu können, dann wird es langweilig. Das Ziel der neuen Arbeiten war eine Reduktion auf eine Pseudokörperlichkeit auf einer abstrakten Ebene. Sie gehen in zwei verschiedene bildnerische Richtungen, die sich aus der gleichen Methode speisen. Ich denke, dass diese neuen Bilder Lösungen sind, aber ob das gelungen ist, wird man erst wirklich beurteilen können, wenn es abgeschlossen ist. Ich bin immer noch dabei, herauszufinden, was mich daran interessiert und was das Drama ist, das dahintersteckt.

P: Noch einmal ein Blick in die nahe Vergangenheit. Die figürlichen Bilder, die knapp vorher entstanden sind, wie sehen Sie die jetzt?

DR: Direkt davor entstanden Bildgruppen mit psychedelischen Figuren, wo einmal die Figuren als Schatten ganz vorne und dann als Anekdoten relativ weit hinten sind. Deutlich zu lesen als männliche oder Machismo-Klischees: der Cowboy, der Taliban, der Orientale, sie sind einfach, aber durch die miteinander vermengten Ebenen sowohl thematisch als auch formal interessant. In ihnen sind eine gewisse Unruhe, Diskursivität, Schönheit und Kitsch. Aber dann gab es da nichts mehr herauszuholen, denn wenn du einen Mann auf dem Berg gemalt hast, kannst du zwar noch einen zweiten Mann auf dem Berg malen, aber das ist eine Variation des Gleichen. Das war damit einfach abgeschlossen. Als ich das begriffen hatte, hat mich das nicht mehr gereizt.

Oh, Flamingos, 2020 Oil on canvas 244 x 186 cm (96,06 x 73,23 in) DAR 1149 , Courtesy of Galerie Thaddaeus Ropac, London · Paris · Salzburg © Daniel Richter / Bildrecht, Wien 2020 Photo: Jochen Littkemann

P: Die neuen Bilder haben eine andere Dichte, Flächigkeit und Farbigkeit, sind viel reduzierter …

DR: Wenn man mit der Fülle angefangen hat, kann man nur weiter reduzieren. Zur Fülle noch mehr Fülle zu addieren, macht nicht viel Sinn. Es gab also nur die Möglichkeit, immer weiter zu reduzieren, weiter zu öffnen, auch freier zu malen, also eine große Veränderung. Die Frage ist dann, wie sich das im Verhältnis zu den anderen Bildern trotzdem zusammenhält. Das kann ich auch nicht genau beantworten. Es hat dann, glaube ich, mehr mit einer bestimmten Stimmung zu tun, oder auch mit Präzision, mit einer Mischung aus Präzision und Vagheit, die diese Bildergruppen zusammenhält. Fakt ist auf jeden Fall, dass sie formal alle unterschiedlich sind, die Theaterräume, die es einmal gab, in denen Figuren in den Räumen standen, sind jetzt verschwunden, reduziert zu Flächen und geraden Linien, die keinen realen Raum, keine Körperlichkeit, also keine deutlichen Referenzen an ein gängiges Bildsystem offenbaren, außer dem sehr vermittelten über einerseits die Verschlungenheit bei pornografischen Abbildungen und andererseits bei historischen oder politischen Karten. Da geht es mehr um die Idee von Invasionen und Überwältigungen, vom Schieben, Stoßen, Verdrängen, als um die Vorstellung von einem erotischen Akt. Es geht mehr um das Bildsystem, das dahintersteckt.

P: Wie wichtig ist Ihnen die Titelgebung für die Bilder?

DR: Ein Titel bringt Assoziationen, man kann das Bild damit in die Geschichte drehen, ins Narrative, ins Anekdotische, ins Witzige, man kann es verharmlosen, und insofern, glaube ich, ist er, ob man will oder nicht, für die Entschlüsselung, für den Prozess des Darübernachdenkens schon wichtig. Wenn der Titel gut gewählt ist, kann er hilfreich sein, um eine weitere Verständnistür zu öffnen. Ich finde es in jedem Fall interessanter, komplexe Missverständnisse zu produzieren als puristische Interpretationen, wie bei einer reinen Nummerierung von Bildern.

Skinners, 2020 Oil on canvas 230 x 170 cm (90,55 x 66,93 in) DAR 1135, Courtesy of Galerie Thaddaeus Ropac, London · Paris · Salzburg © Daniel Richter / Bildrecht, Wien 2020 Photo: Jochen Littkemann

P: Was interessiert Sie nach zwanzig Jahren Malerei immer noch am Medium Malerei?

DR: Die Malerei, da ist ja noch was drinnen, oder? Darüber denke ich nicht nach. Ich werde weitermalen, das glaube ich schon. Ich werde jetzt nicht anfangen, Videos oder Skulpturen zu machen.

Galerie Thaddaeus Ropac Villa Kast

Mirabellplatz 2, 5020 Salzburg
Österreich

Ausstellungsansicht Galerie Ropac Villa Kast,  Courtesy of Galerie Thaddaeus Ropac, London · Paris · Salzburg © Daniel Richter / Bildrecht, Wien 2020

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