Holzingers Pfingstspiel: Was der Körper zu leisten vermag

Neun Stunden und alle sind nackt. Das Publikum natürlich nicht, als das Erlebnis beginnt unter der sengenden Nachmittagssonne, während Hunderte von Zuschauer:innen vor dem Wiener Eislaufverein Schlange stehen – und es endet im Mondlicht. Florentina Holzinger, die die Einladung der Hermann-Nitsch-Stiftung, im Schloss Prinzendorf aufzutreten, als „Dream come true" bezeichnete, schöpft aus dem Erbe des Aktionismus und treibt ihn gleichzeitig über seine Grenzen hinaus.
Vier Harfenistinnen und zwei Schlagzeugerinnen begleiten eine Abfolge sich steigernder Stunts: quietschend wiederholte Autodreher, Luftakrobatik und eine Performerin, die aufrecht und gelassen an der Fassade des Hotels Intercontinental hinabläuft.
Warum bloß sind alle nackt? Die kurze Antwort lautet: sind sie eigentlich gar nicht. Es handelt sich um eine beunruhigende Art von Nacktheit, die an jemanden erinnert, der bis auf die Socken ausgezogen ist – eine funktionale Nacktheit, ausgestattet mit Gürteln, Gurten und dem Sicherheitsgeschirr des Stuntbetriebs. Die Wirkung ist nicht erotisch, aber effektiv. Mit der Zeit wirken die bekleideten Zuschauer:innen wie die eigentlichen Kuriositäten, besonders angesichts der Vielfalt der Körper auf der “Bühne” – unterschiedliche Altersgruppen, Körperformen und Erscheinungsbilder, die alle mit derselben sachlichen Selbstverständlichkeit präsentiert werden. Die Performance rüttelt an den der Nacktheit angehefteten Annahmen und legt offen, wie viel Bedeutung auf sie projiziert wird. Die Sexualisierung dieser Körper fühlt sich am Ende unangenehmer an als ihre Entblößung per se.

Prolog mit Harfen und Schlagzeugen im Wiener Eislaufverein, PFINGSTSPIEL, Florentina Holzinger, in Kooperation mit den Wiener Festwochen, nitsch foundation und nitsch museum, 2026, Foto: Camille Moreno
Holzingers Arbeit testet und tastet beharrlich die Grenzen der Betrachtenden ab – ihre Faszination, ihr Unbehagen, ihre Vorfreude und ihr Verlangen.
Wichtig ist, was der Körper zu leisten vermag: wie er zu Risiko, Ausdauer und Präzision choreografiert wird. Holzingers Arbeit bewegt sich stets an der Schwelle dessen, was schmerzhaft, gefährlich oder kaum möglich erscheint, und verlangt außergewöhnliche körperliche Beherrschung von ihren Darstellerinnen. Dass Holzingers Arbeit erneut am Pfingstwochenende stattfindet – an jenem Ort, an dem zuletzt die letzten drei Tage von Nitschs legendärem „6-Tage-Spiel" inszeniert wurden –, lädt unweigerlich zum Vergleich ein. Beide Projekte teilen ein Bekenntnis zu Immersion, Dauer und sinnlicher Überfülle.
Es wäre verkürzt, Holzinger einfach als Aktionskünstlerin zu bezeichnen oder ihr Werk, das sich immer noch entwickelt, in die Terminologie eines vergangenen Jahrhunderts zu zwingen. Dennoch zeigt ihre Praxis unbestreitbar verwandte Impulse: ritualisiertes Spektakel, intensive Dauer sowie den Einsatz von Wiederholung und körperlicher Extremität, um etwas zu erzeugen, das einem Gesamtkunstwerk nahekommt.

PFINGSTSPIEL, Florentina Holzinger, in Kooperation mit den Wiener Festwochen, nitsch foundation und nitsch museum, Schloss Prinzendorf, 2026, Foto © Nicole Marianna Wytyczak
Die durchaus nitschianische Dramaturgie von Eruption und Schweben wird deutlich, als das Publikum von einer Symphonie hupender Busse nach Prinzendorf geleitet wird. Bei der Ankunft besprühen Drohnen ein kreuzförmiges Tableau mit Farbe, während die britische Performerin Sophie Duncan mit einem Monstertruck über einen Sperrholz-Panzer fährt und diesen unter riesigen „NO WAR"-Slogans zermalmt. Duncan beschrieb die Erfahrung als „Jackass, nur mit schönerer Musik", aber auch als Gelegenheit, neu zu überdenken, was Kunst eigentlich ist.
Diese Maschinerie der Gefahr wird durch technische Disziplin und Sorgfalt getragen. Holzingers Performerinnen trainierten mit ehemaligen Polizisten und erfuhren von den Ausbildern unter anderem, dass weibliche Lernende schneller Fortschritte machen, weil sie besser zuhören, während viele männliche Teilnehmer mit der Überzeugung kämen, das Wesentliche schon zu wissen. Immer wieder führen uns die Performerinnen dasselbe Prinzip vor: Gefährliche Handlungen werden nur durch eine Infrastruktur, ein Netz aus Vertrauen, Geduld und Schutz, möglich.
Den zertrümmerten Panzer erwarb Rita Nitsch, Witwe von Hermann Nitsch, die Holzingers Arbeit seit Jahren verfolgt. Sie plant, ihn in ihrem Berliner Garten aufzustellen und äußerte den Wunsch, Prinzendorf als lebendiges Zentrum für Performancekunst zu erhalten.
Der Bezug zu Nitsch wurde durch das Erscheinen von „Double Nitsch“ deutlich: Die Performenden Annina Machaz und Boy Bear durchstreifen das Gelände als ein Duo von Doppelgängern. Bestimmte formelhafte Nitschismen bleiben auch unverkennbar – Rituale, blutrote Malerei und Kreuzigungsbilder – doch Holzinger interpretiert sie durch ihre eigene Sprache aus Maschinerie, Athletik, Ausdauer und körperlicher Extremität neu. Auch das Blut wirkt anders. Im Gegensatz zu Nitschs theatralen Substituten ist das Blut hier menschlich und wird in Echtzeit vergossen, wodurch das Dargestellte zur körperlichen Tatsache wird.
Als es dunkel wird, schwebt Fibi Eyewalker, als weiße Taube gekleidet, an einem Fallschirm vom Himmel herab, landet neben dem Schloss und führt eine weiße Fahne schwingend einen Fackelzug über das Gelände. Mitten im Sprung überkam sie scheinbar ein Bedürfnis, sie widerstand jedoch der Versuchung das Publikum unter ihr zu benieseln. Nach der Landung – der gesamte Abstieg wurde live auf Großbildschirmen im Innenhof übertragen – hockte sie sich sofort zum Urinieren auf den Rasen. Angesichts des Kontextes nahm das Publikum verständlicherweise an, dass das Teil der Performance war.
Der Abend endete mit einem schwebenden Tableau, das dem Letzten Abendmahl nachempfunden war. Performende, die den Nachmittag damit verbracht hatten, sich gegenseitig Metallbügel in ihre Haut zu piercen, wurden in eine aufwendige Luftchoreografie gehoben, begleitet von Glocken und Musik, und baumelten an den Haken im Rücken unter dem aufgehenden Mond.
Holzingers Arbeit schafft eine Form des Zuschauens, die weniger in Obszönität als vielmehr im Akt der Aufmerksamkeit verwurzelt ist. In ihren Performances geht es um das Transparentmachen von Realitäten wie Schmerz, Entblößung und patriarchalen Strukturen, die zwar da sind aber von der Gesellschaft oft verborgen werden, sowie den Drang, Dinge anzuschauen, die sich ein wenig verboten, gefährlich oder emotional aufgeladen anfühlen. Die Menschen betrinken sich und essen Hot Dogs, während sie athletischen Körpern bei waghalsigen Stunts zusehen, als würden sie irgendeinen anderen Zuschauer:innensport verfolgen. Wie das unwillkürliche Abbremsen an einer Unfallstelle ermöglicht das Werk so etwas wie kontrolliertes Gaffen – und verwandelt Voyeurismus und morbide Neugier in ein (gesellschaftlich akzeptiertes) kollektives Erlebnis.

Das Letzte Abendmahl, PFINGSTSPIEL, Florentina Holzinger, in Kooperation mit den Wiener Festwochen, nitsch foundation und nitsch museum, Schloss Prinzendorf, 2026, Foto: Camille Moreno
Mehr über Florentina Holzinger und ihren Biennale 2026-Beitrag SEAWORLD VENICE lesen Sie in unserem Porträt und in unseren Print-Ausgaben.
Triptychon aus Unterwasserthemenpark, Sakralbau und KläranlageIm Portrait – Florentina Holzinger












