hab(t) euch lieb – curated by 2026

Renate Bertlmann, „Zärtliche Berührungen - Tender Touches – Tableau“, 1976-2026, Digital photographymounted on Dibond, 70 x 68,92 cm, 5+2 AP (Courtesy Galerie Steinek). Foto © Renate Bertlmann / Bildrecht, Wien 2026

LOVE – das ist das Thema der heurigen Ausgabe von curated by. Seit 2009 findet das Galerienfestival jährlich in Wien statt und lädt auch in seiner 15. Ausgabe wieder 24 Galerien ein, zu einem gemeinsamen Thema Ausstellungen zu kuratieren.


Als ich mich das letzte Mal verliebt habe, hat sich mein Algorithmus verändert. Mit der Zuneigung und Fürsorge kam Zugang zu einer neuen Oberfläche: unbekannte Referenzen, Geschichten, Hindernisse. Ich begann, Dinge zu lernen, nach denen ich sonst nie gesucht hätte. Die Welt eines anderen Menschen war in meine eingedrungen, und plötzlich hatte ich einen Grund, sie zu verstehen. Ich wurde geduldiger mit dem, was ich nicht wusste, und eher bereit, einer Referenz zu folgen, eine Annahme zu überdenken oder eine andere Perspektive gelten zu lassen. Denn ich war für die Liebe. Ich wollte, dass sie beweist, dass zwei unterschiedliche Sichtweisen auf die Welt aufeinandertreffen können – und dass sich die Welt durch diese Begegnung erweitert.

Ariana Reines schreibt in On Love: „Wenn du nichts über die Liebe weißt, versuche alles andere, lerne alles andere, das du lernen kannst…“ Für Reines ist Liebe eine Haltung: Etwas, das durch das, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, was wir lernen und was wir bereit sind zu sehen, in die Welt tritt. Ihre Kraft liegt in der Qualität ihrer Aufmerksamkeit und in der Dringlichkeit ihrer Neugier.

Chen Cohen, The Caregivers, 2019, Charim Galerie, curated by 2026, Foto: © kunst.dokumentation.com / Manuel Carreon Lopez

Chen Cohen, The Caregivers, 2019, Charim Galerie, curated by 2026, Foto: © kunst.dokumentation.com / Manuel Carreon Lopez

Das scheint mir ein sinnvoller Zugang zu curated by 2026, bei dem 24 Wiener Galerien ihre Ausstellungen rund um das Thema LOVE organisiert haben. Wenn Liebe den Algorithmus verändern kann, dann könnte Kunst eine der Möglichkeiten sein, wie wir überhaupt erst lernen zu lieben. Sie lenkt Aufmerksamkeit neu, macht Unvertrautes sichtbar und gibt uns Gründe, uns für Dinge zu interessieren, die wir sonst vielleicht übersehen würden. Sie lehrt uns, worauf wir schauen, wie wir schauen – und vielleicht sogar, was es wert ist, geliebt zu werden.

Kunst ist eine Form emotionaler Bildung. Aus dieser Perspektive wird die LOVE-Vorgabe von curated by zu mehr als einem Thema. 24 Ausstellungen um ein einziges Wort zu organisieren bedeutet, die Aufmerksamkeit auf bestimmte Körper, Beziehungen, Geschichten, Formen von Fürsorge, Objekte und Wünsche zu lenken – unsere Aufmerksamkeit bewusst auf etwas zu richten, das wir vielleicht verlernt haben wahrzunehmen.

Jede Galerie lädt eine:n Gastkurator:in ein, daher auch der Name des Festivals. Bei MEYER*KAINER ist der Kurator Andreas Reiter Raabe nebenbei selbst Künstler: ein Künstlerkurator, wenn man so will, und weniger ein Kuratorenkurator. Im Gespräch mit ihm wird dieser Unterschied schnell deutlich. Die Berufsbezeichnungen der Kunstwelt können den Eindruck erwecken, als würden Künstler:innen, Kurator:innen und Galerist:innen auf unterschiedlichen Seiten desselben Systems arbeiten. Bei Raabe wirken sie eher wie unterschiedliche Arten, sich um dasselbe zu kümmern.
Er erzählt, dass er einer Gruppe von drei Skulpturen von Rebecca Ackroyd noch eine vierte hinzugefügt hat, weil drei Elemente in diesem bestimmten Raum nicht funktionierten: Die Komposition brauchte vier. Eine kleine, beinahe unsichtbare Intervention, und doch auch ein Akt der Liebe: zu bemerken, was etwas braucht, und es ihm zu geben. Über Kris Lemsalus True Colors, zwei grüne Köpfe, die aus einem Tisch hervorkommen, erklärt Raabe, dass Menschen, die verliebt sind, „zu Monstern werden können“ – eine Vorstellung, die sich auch in einer transzendenten, zusammengesetzten Wandarbeit des österreichischen Kollektivs Gelatin wiederfindet.

Gelatin (Alle für Alle, 2026) und Kris Lemsalu (True Colors, 2026), MEYER*KAINER, Vienna, curated by 2026, Foto: © Simon Veres

Gelatin (Alle für Alle, 2026) und Kris Lemsalu (True Colors, 2026), MEYER*KAINER, Vienna, curated by 2026, Foto: © Simon Veres

Bestimmte Motive tauchen in mehreren Galerien auf. Agnes Martin erscheint bei MEYER*KAINER und dann erneut als Referenz in Evelyn Taocheng Wangs Arbeit bei Emanuel Layr, wo sie neben Kai Althoffs Untitled (2012–14) hängt, einer seltsamen Studie über kollektives Empfinden. Eine Frau mit Buntstiften steht zwischen chassidischen Männern, die nach oben blicken; an anderer Stelle schweben Gruppen zwischen Ritual, Ekstase und möglicher Gewalt. Alle scheinen etwas zu verstehen, das der:die Betrachter:in nicht versteht. Wir bleiben außerhalb dieses gemeinsamen Wissens und versuchen herauszufinden, was alle anderen offenbar wissen.

Wenn du nichts über die Liebe weißt, versuche alles andere, lerne alles andere, das du lernen kannst…

Ariana Reines in "On Love"

Fürsorge kann viele Formen annehmen und erscheint dabei immer wieder als etwas kaum Wahrnehmbares. Joana Escovals Skulpturen bei Lombardi—Kargl sind eher zu erahnen als zu sehen, präsent und doch schwer zu fassen. Eine ähnlich gerasterte Metallinstallation von Melanie Ender bei Charim ist deutlicher ausgeprägt, doch ihre Schatten verwandeln sie in einen Käfig. Auch der Atmosphäre wird viel Aufmerksamkeit geschenkt, etwa durch kuratorische Elemente wie den unerwarteten Nebel bei Lombardi—Kargl oder den dunklen, bewusst schwach beleuchteten Raum bei Gianni Manhattan.

An anderer Stelle wird Fürsorge praktischer. Bei Kandlhofer verwandelt Puppies Puppies die Galerie in eine funktionierende Kleiderbörse. Clothing Drive (for Trans, Queer, GNC and 2S+ people) versammelt gespendete Kleidung, die Mitglieder der Community kostenlos mitnehmen können; eine Umkleidekabine innerhalb der Ausstellung ermöglicht es, die Stücke direkt anzuprobieren. Die Arbeit verändert sich ständig, während Kleidung hinein- und wieder hinauswandert, und macht aus der Galerie einen Ort, an dem nicht nur Objekte betrachtet, sondern tatsächlich Dinge ausgetauscht werden.

Installation View, Puppies Puppies (Jade Guanaro Kuriki-Olivo), Clothes (Kleidung), 2026, Galerie Kandlhofer, curated by 2026, Foto: Manuel Carreon Lopez

Installation View, Puppies Puppies (Jade Guanaro Kuriki-Olivo), Clothes (Kleidung), 2026, Galerie Kandlhofer, curated by 2026, Foto: Manuel Carreon Lopez

"Threesome (magnetic fields)" Curated by João Laia, Lombardi—Kargl, curated by 2026, Foto: kunst-dokumentation.com, Courtesy the artist and Lombardi—Kargl

"Threesome (magnetic fields)" Curated by João Laia, Lombardi—Kargl, curated by 2026, Foto: kunst-dokumentation.com, Courtesy the artist and Lombardi—Kargl

Installation view "Walter or You jerk you didn’t call me up", Curated by Lou von der Heyd, Galerie Layr, curated by 2026, Foto: kunst-dokumentation.com

Installation view "Walter or You jerk you didn’t call me up", Curated by Lou von der Heyd, Galerie Layr, curated by 2026, Foto: kunst-dokumentation.com

Bei Steinek holt Renate Bertlmanns Fotografie in einem Treppenhaus einen Gegenstand zurück, der mit männlicher Sexualität und Verhütung assoziiert wird. Aufgeblasene Latexkondome werden zu Brüsten, Blumen, Händen, Waffen oder sogar zu Figuren, die sich umarmen. In Tender Touches scheinen sich zwei Kondomspitzen zunächst zu berühren und schließlich ineinander einzudringen; an anderer Stelle wird dasselbe Material in komische und aggressive Formen überführt.

Bei EXILE zeigt ein bislang unbekannter Bestand früher Druckstöcke von David Medalla, die von seinem verstorbenen Partner und Mitarbeiter Adam Nankervis entdeckt wurden, traumartige Bilder männlichen Begehrens. Die Arbeiten wurden hergestellt, aber nie verwendet, und erscheinen nun posthum. Ihr nicht verwirklichtes Potenzial wird damit selbst Teil der Ausstellung – und Teil der Frage, wie man sich nach dem Tod eines Künstlers um dessen Vermächtnis kümmert. Eine andere Form des Umgangs mit den Toten zeigt Additional Scenes bei Gregor Podnar, eine Ausstellung von Yarema Malashchuk und Roman Khimei über den Krieg im Donbas, Ukraine.

"Additional Scenes" Curated by Katarzyna Różniak-Szabelska, Gregor Podnar, curated by 2026, Courtesy of Gregor Podnar

"Additional Scenes" Curated by Katarzyna Różniak-Szabelska, Gregor Podnar, curated by 2026, Courtesy of Gregor Podnar

Die Frage danach, was bleibt, wird bei Christine König wörtlich genommen. Sabine Reuters Ausstellung wird von einem neu erschienenen Katalog begleitet, der mit einer Fotografie des Ateliers der Künstlerin beginnt. Reuter starb 2005, und der Raum wurde genau so belassen, wie sie ihn hinterlassen hat. Ihr Ehemann hat nichts bewegt: Materialien, Möbel und Gegenstände stehen noch an ihrem Platz, das Atelier ist beinahe als Fortsetzung ihrer Anwesenheit erhalten. Vielleicht ist dies einer der unmittelbarsten Akte der Liebe im Festival: die Welt eines Menschen unberührt zu lassen, wenn der Mensch selbst nicht mehr da ist.

In Paul Prothesis’ Containment & Desire in the Leaking Body bei in der Galerie Crone sieht Fürsorge weniger ordentlich aus. Unter einem Pseudonym, das als provisorischer Körper fungiert, greift Prothesis auf jahrzehntelange Pflegearbeit für seinen Vater nach einem Arbeitsunfall zurück und verwandelt diese Erfahrung in eine Auseinandersetzung mit Care-Arbeit, queerer Selbstfürsorge und verletzter Männlichkeit. Der Körper leckt, schmerzt, verkrustet und kontaminiert – Fürsorge bekommt hier eine deutlich weniger fotogene Form. Die raumgreifende Installation und das Video sind beeindruckend, doch die Künstlerbücher sind das eigentliche Highlight: intime, haptische Aufzeichnungen über Pflege, Verletzlichkeit und Begehren.

Bei Hubert Winter treten zwei Filme aus unterschiedlichen Räumen miteinander in Dialog. Roberts French film (2000) kreist um das Begehren als etwas Unfassbares und sucht mithilfe von Marguerite Duras und der Sprache des Kinos nach seinem „Objekt“. J Triangulars Love is the Only True Act of Resistance (2018) schlägt die entgegengesetzte Richtung ein: ein filmischer Liebesbrief aus taiwanesischen Liebesliedern, Reisen, Körpern, Landschaften und queerer Intimität, in dem Liebe weniger etwas ist, wonach man sucht, als etwas, das gelebt und geteilt wird.

"My Whole Being Is a Dark Verse" Curated by Chus Martínez, Galerie Krinzinger, curated by 2026, Courtesy GalerieKrinzinger and the artists, Foto: Simon Veres

"My Whole Being Is a Dark Verse" Curated by Chus Martínez, Galerie Krinzinger, curated by 2026, Courtesy GalerieKrinzinger and the artists, Foto: Simon Veres

Sabine Reuter, "Presence of an Absence", Curated by Max Dax, Christine König Galerie, curated by 2026, Foto: kunst-dokumentation.com / Manuel Carreon Lopez

Sabine Reuter, "Presence of an Absence", Curated by Max Dax, Christine König Galerie, curated by 2026, Foto: kunst-dokumentation.com / Manuel Carreon Lopez

Meret Oppenheim, Handschuhe mit Adern, 1985, Book with colored silkscreen on a pair of goatskingloves 25,5 x 21 cm, Edition 34/150 + 12 E.A. (Courtesy Levy Galerie). Foto © Galerie Steinek / C. Tachdjian

Meret Oppenheim, Handschuhe mit Adern, 1985, Book with colored silkscreen on a pair of goatskingloves 25,5 x 21 cm, Edition 34/150 + 12 E.A. (Courtesy Levy Galerie). Foto © Galerie Steinek / C. Tachdjian

"I Am a Wanderer In My Heart", Curated by Théo-Mario Coppola, Galerie Hubert Winter, curated by 2026, Foto: Simon Veres

"I Am a Wanderer In My Heart", Curated by Théo-Mario Coppola, Galerie Hubert Winter, curated by 2026, Foto: Simon Veres

Paul Prothesis “Containment & Desire in the Leaking Body”, Curated by Andrea Kopranovic, Crone Wien, curated by 2026, Foto: Simon Veres, Courtesy Galerie Crone, Berlin Wien

Paul Prothesis “Containment & Desire in the Leaking Body”, Curated by Andrea Kopranovic, Crone Wien, curated by 2026, Foto: Simon Veres, Courtesy Galerie Crone, Berlin Wien

Wenn ich zu einer Arbeit zurückkehren könnte, wäre es Alexa Karolinski und Ingo Niermanns Oceano de Amor in der Galerie Krinzinger. Mit 93 Minuten verlangt der Film mehr Zeit, als die meisten Galeriebesucher:innen bereit sind zu geben. In Kuba gedreht, begleitet er Mitglieder der sogenannten Army of Love, die über Einsamkeit, Begehren, Alter, Behinderung, Arbeit und Fürsorge sprechen und sich eine Gesellschaft vorstellen, in der Liebe und sinnliche Aufmerksamkeit als eine Art soziale Infrastruktur verteilt werden könnten – und nicht als privates Privileg. In Wien hatte ich nicht die Zeit, alle 93 Minuten zu sehen, aber ich wollte es. Vielleicht ist es genau die Art von Arbeit, die einem die Zeit zurückgibt, die man bereit ist, ihr zu schenken.

Vielleicht ist das die eigentliche Zumutung von curated by: Liebe lässt sich nicht kuratieren. Aufmerksamkeit schon. Und manchmal ist das bereits ein Anfang?
 


curated by 2026

bis 17.10.26
24 Galerien in Wien

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© curated by 2026

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PARNASS 03/2026

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