Georg Baselitz – ein letztes Interview

Georg Baselitz war einer der prägenden Erneuerer der Nachkriegsmoderne. Bis zu seinem Tod im heurigen April blieb der deutsch-österreichische Künstler radikal beweglich. Im Vorjahr reüssierte Baselitz mit der Gestaltung der Marionetten und des Bühnenbildes für Igor Strawinskys »Die Geschichte vom Soldaten« im Rahmen der Salzburger Festspiele. Damals entstand auch dieses Interview mit Andreas Maurer, das Baselitz kurz vor seinem Tod noch aktualisiert und redigiert hat. Das ganze Interview lesen Sie in unserer aktuellen Ausgabe.
PARNASS: Sie haben die Marionetten und das Bühnenbild für »Die Geschichte vom Soldaten« bei den Salzburger Festspielen gestaltet und dabei dem Stück von Igor Strawinsky eine völlig eigene Handschrift verliehen. [...] Dieser Wechsel zwischen den Medien – von der Musik zur Bühne, von der Malerei zur Skulptur – zieht sich durch Ihr gesamtes Werk. Ist dieses Genreüberschreiten für Sie ein künstlerisches Prinzip oder entsteht es eher aus Neugier?
Georg Baselitz: Neugier ist gut. Ich bin an Gesamtkunstwerken überhaupt nicht interessiert, so wenig wie ich an zeitidentischer Aussage interessiert bin. Es ist einfach, in Salzburg – wo man bekanntlich meist Mozart spielt – eine gewisse Unruhe zu erzeugen, indem man Strawinsky aufführt. Und wenn die Unruhe zur Begeisterung wird, muss es sinnvoll gewesen haben. [...] Bei meiner Arbeit in Salzburg ging es mir weniger darum, unterschiedliche Charaktere darzustellen, sondern vielmehr darum, Formen oder Unformen Namen zu geben. Das technische Gerüst der Puppen wurde im Lauf des Prozesses immer einfacher, fast schlicht. Schon bei den ersten Proben wurde mir klar, dass da etwas völlig Neues, etwas sehr Zauberhaftes entstand. Und es gelang. Das Publikum war begeistert, auch die Presse.
P: Sie zeigen sowohl in Salzburg als auch in Venedig vor allem neue Werke. In Ihren aktuellen Arbeiten begegnet man Brüchen, Fragmenten, Umkehrungen. Hat diese Haltung mehr mit einem künstlerischen Konzept oder mehr mit Ihrer persönlichen Sicht auf das Leben zu tun?
GB: Ich bin versucht, Psychologisches zu vermeiden. Ich möchte nicht belehren. Ich möchte lieber etwas entdecken, was es schon vorher gab, nur dass niemand davon wusste. Wie die Insel in Arno Schmidts 1957 geschriebenem dystopischem Roman »Die Gelehrtenrepublik«. Ich habe eine lange Biografie hinter mir. Das bedeutet, ich habe unglaublich viele Bilder gemalt in über 60 Jahren. Jetzt, da ich ungefähr am Ende bin mit der Malerei, habe ich mir gedacht, ich müsste so eine Art Fazit ziehen. Also, eine Addition der Bilder, die ich im Lauf der Jahre gemacht habe.

Georg Baselitz, Licht aus, aus, aus, 2019, Öl und Goldlack auf Leinwand, 300 × 212 cm, Privatbesitz, © Georg Baselitz 2026, Foto: Jochen Littkemann
Natürlich und selbstverständlich will ich Erfolg, das heißt positive öffentliche Resonanz. Aber dafür will ich nichts von meinen Antrieben und Ideen fallen lassen.
Parallel zur 61. Venedig-Biennale zeigt die Fondazione Giorgio Cini in Zusammenarbeit mit der Galerie Thaddaeus Ropac die Ausstellung »Eroi d’Oro«. In Österreich sind Baselitz' Werke im Museum der Moderne Salzburg aktuell gleich in zwei Ausstellungen zu sehen: »BASELITZ JETZT«, die die Auseinandersetzung mit dem Altern und Endlichkeit ins Zentrum rückt, und »BASELITZ MANIFESTE«, die sich dem Frühwerk des Künstlers widmet. All diese Ausstellungen wirken nun wie ein Vermächtnis. Unsere Berichte dazu, sowie das vollständige Interview mit Georg Baselitz lesen Sie in unserer aktuellen Venedig-Ausgabe: PARNASS 02/2026

Georg Baselitz, Weißes Bett, weiß, 2022, Öl, Dispersionsklebstoff und Stoff auf Leinwand, 200 × 250 cm, Privatbesitz, © Georg Baselitz 2026, Foto: Jochen Littkemann
Georg Baselitz. EROI D'ORO
bis 27.09.2026
Fondazione Giorgio Cini Venedig / Galerie Thaddaeus Ropac
BASELITZ JETZT
bis 18.10.2026
Museum der Moderne Mönchsberg
BASELITZ MANIFESTE
bis 04.10.2026
Museum der Moderne Altstadt (Rupertinum)

Georg Baselitz in seinem Atelier am Ammersee, 2019, Foto: © Martin Müller / Bildrecht, Wien 2026

