Georg Baselitz 1938 – 2026

Georg Baselitz in seinem Atelier am Ammersee, 2019, Foto © Martin Müller

Mit dem Tod von Georg Baselitz verliert die Kunstwelt einen Künstler, der die Malerei nach dem Zweiten Weltkrieg maßgeblich mitgeprägt hat – stets widersprüchlich und gegen den Strich. Aktuell widmet ihm das Museum der Moderne in Salzburg eine umfassende Ausstellung und in dieser Woche eröffnet seine Ausstellung „Eroi d'Oro" in der Fondazione Giorgio Cini auf der Isola di San Giorgio Maggiore. Im Vorjahr feierte er mit Igor Strawinskys „Die Geschichte vom Soldaten" für das Salzburger Marionettentheater, wofür er die Figuren und die Ausstattung entwarf, während der Salzburger Festspiele einen großen Erfolg. Das Stück geht in diesem Jahr auf Tournee unter anderem nach Amsterdam, Brüssel und Berlin. Ein Interview zu seiner Leidenschaft für das Musiktheater mit unserem Autor Andreas Mauer für unsere kommende Sommerausgabe hat er noch vor einer Woche autorisiert.


Ich halte mich schon für einen Künstler,
der etwas völlig anderes machte und macht.

Georg Baselitz

1938 in Deutschbaselitz als Hans Georg Kern als zweites Kind eines Lehrerehepaares geboren, (über die NS-Vergangenheit seines Vaters sprach er stets offen in Interviews) studierte er zunächst an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst in Berlin-Weißensee. Bereits hier zeigte sich seine individuelle Persönlichkeit, die so gar nicht den sozialistischen Vorstellungen der DDR entsprach. Nach nur zwei Semestern wurde er wegen „gesellschaftspolitischer Unreife" von der Hochschule verwiesen und setzte 1957 sein Studium in West-Berlin bei Hann Trier fort. Dieses Weggehen von Ost nach West war keine „Fahrt von Stuttgart nach Reutlingen" wie Baselitz 2017 im Interview mit Götz Adriani erzählte, sondern eine Entscheidung, „die nicht mehr rückgängig gemacht werden konnte". Doch auch im Westen musste er, der im sozialistischen System aufgewachsen war, sich zunächst erst zurechtfinden. Nicht nur politisch, auch „dieser unsägliche Streit zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit" war ihm unverständlich. „Heute ist das alles lächerlich, aber damals war es wichtig", so Baselitz 2017 rückblickend. Als Wanderschaft bezeichnete er auch einmal diese frühen Jahre, wo man nach Paris schaute, aber auch – und das tat Baselitz intensiv – sich mit der Kunstgeschichte beschäftigte: „Bei allem, was mir begegnete, gab es einen Niederschlag in mir. Wenn ich die Kunstgeschichte durchblättere [...] mache ich Entdeckungen, die ich verarbeite. Vielleicht aus einem Mangel heraus gab es bei mir eine große Neugierde, mit der ich alles aufnehme."

Georg Baselitz, Spanisch Winter, 2020, Öl auf Leinwand, 273 × 173 cm, Privatbesitz, © Georg Baselitz 2026, Foto: Jochen Littkemann

Georg Baselitz, Spanisch Winter, 2020, Öl auf Leinwand, 273 × 173 cm, Privatbesitz, © Georg Baselitz 2026, Foto: Jochen Littkemann

 

Ringen mit der eigenen Geschichte

Aufgewachsen in der Nachkriegszeit, blieb die Erfahrung von Zerstörung und Neubeginn ein wiederkehrendes Motiv. Diese Unruhe, dieses Ringen mit der eigenen Geschichte, durchzieht sein gesamtes Œuvre. Und dennoch wollte er die Kunst von der Politik getrennt halten. „Das eine ist die gesellschaftliche, persönliche, politische und menschliche Angelegenheit, das andere ist die Kunst", so Baselitz 2017. Er habe es stets vorgezogen, sich von den Regierenden loszusagen. Schon bald ging Baselitz in der Klasse von Hann Trier andere Wege und verließ die Abstraktion und trat mit figurativen Arbeiten an die Öffentlichkeit – von den frühen Rayski-Köpfen bis hin zur „Großen Nacht im Eimer" 1962/63. Malerei, die alles andere als gefällig war – und auch ganz anders als das, was in Amerika damals produziert wurde und 1958 durch die Tourneeausstellung „The New American Painting und Jackson Pollock" erstmals auch nach Deutschland schwappte. Baselitz hatte sie wohl gesehen und war ob der heftigen Malerei, die er da sah, durchaus „schockiert", wie er es ausdrückte. „Entweder du nimmst jetzt eine Pistole und schießt um dich oder du versuchst dich zu besinnen, welche Chance dir noch bleibt", schilderte er Adriani diese Begegnung. Doch war Baselitz ohnedies bereits auf einem anderen Weg. Wenn es eine Orientierung gab, dann war diese eher Richtung Norden gerichtet zur Malerei der CoBrA-Gruppe oder in die Kunstgeschichte, Dubuffet, Ferdinand von Rayski, Chaim Soutine, u.v.a. die Art Brut, Künstler:innen der Prinzhorn-Sammlung, auf die er durch ein Buch, das er in einem Antiquariat fand, stieß, aber auch die Literatur und Zeichnungen von Antonin Artaud, die er in Paris sah, ebenso wie Künstler:innen aus dem Umfeld der Surrealisten Chaissac und Picabia. Es entstanden Bilder, die sich gegen die ästhetischen Konventionen und gesellschaftliche Erwartungen stellten. Gemeinsam mit dem Maler Eugen Schönebeck formulierte er Anfang der 1960er-Jahre das sogenannte „Pandämonische Manifest" – und setzte statt glatter, abstrakter Formen auf rohe, figurative Malerei: deformierte Körper, verstörende Motive.

Georg Baselitz in seinem Atelier am Ammersee, 2019, Foto © Martin Müller

Georg Baselitz in seinem Atelier am Ammersee, 2019, Foto © Martin Müller

Bilder, die alsbald zum Eklat führten. 1963 eröffnete die neugegründete Galerie Werner & Katz mit einer Einzelausstellung von Georg Baselitz. Die beiden Gemälde „Der nackte Mann" und „Die große Nacht im Eimer" verursachten einen Skandal und wurden von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt, weil sie als „obszön" galten. Das machte Baselitz bereits mit seiner ersten Einzelausstellung schlagartig bekannt. Trotzdem erhielt er ein Stipendium für die Villa Romana in Florenz, was die junge Familie Baselitz damals auch finanziell entlastete. Die Beschäftigung mit Kunst Italiens führte zu ganzfigurigen Bildern und letztlich zur Serie der „Helden-Bilder". Die bunte Farbigkeit steht dabei ganz im Kontrast zu den Figuren, die so gar nicht heroisch waren. Er wollte mit den Farben ein wenig verführen, wie er später erzählt. Doch waren die Figuren ebenso voller Brüche wie die darauffolgenden fragmentierten Bilder der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre, zerrissene, verletzte Figuren – keine triumphalen Bilder, sondern Darstellungen von Scheitern und Orientierungslosigkeit im Nachkriegsdeutschland. Immer wieder erwähnte Baselitz dazu Literatur, die ihn beschäftigte: Baudelaire, Novalis, der Simplicissimus von Grimmelshausen. Die Ablehnung des ästhetisch Schönen, Harmonischen war Programm: Kunst soll für ihn nicht beruhigen, sondern irritieren und Widerstand erzeugen. Georg Baselitz spielte in der deutschen Kunst der 1960er-Jahre eine bewusst dem Mainstream und den offiziellen damals von den Akademien empfohlenen Wegen gegenläufige, fast sperrige Rolle, überzeugt davon, dass die deutsche Kunst ihre eigene, auch unbequeme Sprache finden muss. Doch Baselitz' Malerei war dennoch stets eingebunden in die Geschichte der Malerei, ja sie entstand geradezu in Auseinandersetzung mit ihr, um daraus zu schöpfen, Neues zu schaffen und den eigenen Weg zu definieren. Kunsthistorisch kann man sagen: Baselitz war Teil einer Rückkehr zur Figuration, aber nicht im traditionellen Sinn. Er erneuerte die figurative Malerei, indem er sie zerstörte, verzerrte und psychologisch auflud. Damit bereitete er auch den Boden für später als Neoexpressionismus bezeichnete Tendenzen, die in den 1970er- und 80er-Jahren wichtig wurden. Ebenso von einer direkten, körperlichen Auseinandersetzung mit dem Material, roh und expressiv, waren seine bemalten Holzskulpturen, die er ab den späten 1970er-Jahren schuf.

Die verkehrte Welt auf den Kopf gestellt

Diesen Satz schrieb Baselitz 1963. Um 1969 stellte er seine Motive dann tatsächlich auf den Kopf – nicht als Stiltrick, sondern als radikalen Eingriff, um das Gegenständliche zu „entmachten", dem Narrativen zu entkommen. Durch die Umkehrung bleibt das Motiv zwar erkennbar, aber es verliert seine Selbstverständlichkeit. Das Bild soll nicht erklären, sondern bestehen. Der Blick wird gezwungen, sich auf die Parameter der Malerei zu konzentrieren – auf Farbe, Form, Struktur. Was als Bruch begann, wurde zu seinem Markenzeichen. Dass er damit auch einen unverwechselbaren marktkonformen „signature style" schuf, ist evident.

In den Nachrufen auf den Maler wird er mit Zuschreibungen wie Gigant (Almuth Spiegler in Die Presse) oder als der letzte Titan der Malerei (Klaus A. Schröder) bezeichnet. Sah er sich selbst so? Durchaus war er von der Qualität seiner Malerei überzeugt, und seine 2013 im Spiegel-Interview getätigte Aussage, „Frauen malen nicht so gut. Das ist ein Fakt", die er 2015 im Guardian mit Verweis auf den Markt verteidigte, wurde zu Recht kritisiert. Doch liest man seine Interviews, so zeigt sich auch ein anderes Bild eines Malers, der lange auf der Suche nach seinem künstlerischen Weg war. Sah er, der in allen großen Ausstellungen stets vertreten war, langjähriger Schlossherr von Derneburg bei Hildesheim, das er später an ein US-amerikanisches Sammlerehepaar verkaufte, sich selbst als Malerfürst? Unwidersprochen hatte er die Konkurrenz im Blick, wollte an der Spitze bleiben, stets selbstbewusst auf sein Werk blickend.

Georg Baselitz, Surrealismus die Filzlüge, 2020, Öl auf Leinwand, 300 × 400 cm, Ausstellungsansicht BASELITZ JETZT, © Museum der Moderne Salzburg, Foto: wildbild, Herbert Rohrer

Georg Baselitz, Surrealismus die Filzlüge, 2020, Öl auf Leinwand, 300 × 400 cm, Ausstellungsansicht BASELITZ JETZT, © Museum der Moderne Salzburg, Foto: wildbild, Herbert Rohrer

Die Schubladisierung in der 2019 gezeigten Ausstellung „Die jungen Jahre der Alten Meister", die ihn mit Künstlern seiner Generation, wie Richter, Polke und den etwas jüngeren Kiefer, als Vertreter der deutschen Malerei bezeichnete, die zu ähnlichen Zeiten international bekannt wurden, behagte ihm nicht. Seine Themen seien nicht deutsch, sondern er gehe immer nur von Dingen aus, „die mich persönlich betreffen. Ich halte mich schon für einen Künstler, der etwas völlig anderes machte und macht", betonte er damals. Georg Baselitz hat sich immer wieder sehr selbstbewusst – teilweise provokant – über seine eigene Stellung als Künstler geäußert. Solche Aussagen klangen stets nach großem Ego – und das war auch Teil seiner öffentlichen Künstlerrolle. Baselitz wollte provozieren und Erwartungen infrage stellen. Doch waren diese Aussagen oft ironisch oder bewusst widersprüchlich gemeint und spielten mit dem Bild des „Künstlergenies". Es war jedoch dieser Wille, stets an der Spitze zu bleiben, der zugleich auch der Motor für seinen bis zum Schluss unerschöpflichen Schaffensdrang war. Am Rollator gestützt und sitzend über die Leinwand fahrend, sodass man die Fahrspuren erkennen konnte, malte er sein Spätwerk.

Das Spätwerk

Der letzte Schaffensprozess war geprägt von den Bildern auf goldenem Grund. Bilder, die um Erinnerung, Vergänglichkeit und Selbstbefragung kreisen. Baselitz greift Motive aus früheren Werkphasen wieder auf – Figuren, Adler, Selbstporträts – und überführt sie in eine Art Rückschau auf das eigene Leben und Schaffen. Häufig erscheinen die Figuren fragil, aufgelöst oder fragmentiert, nahezu skizzenhaft. Gleichzeitig bleibt die körperliche Geste der Malerei – das Grobe, das Unmittelbare – präsent. Das passt zu seiner späten Haltung, in der er sich offener mit Alter, Körperlichkeit und Endlichkeit auseinandersetzte. Ein zentraler Aspekt blieb auch hier die Umkehrung der Motive. Die auf den Kopf gestellten Figuren wirken in den „goldenen Bildern" noch entrückter, fast schwebend. Interessant ist auch die malerische Technik: Die Oberflächen wirken oft dünner, durchlässiger, weniger massiv als in früheren, pastosen Arbeiten. Die „goldenen Bilder" wirken wie eine Bilanz. Baselitz kehrt zu sich selbst zurück, ohne nostalgisch zu werden. Stattdessen zeigt er, wie Erinnerung funktioniert: bruchstückhaft, widersprüchlich, nicht glatt. Während sein Frühwerk die Welt herausforderte, scheint das Spätwerk stärker nach innen zu schauen – ohne dabei an Radikalität zu verlieren. Bis zuletzt sah Baselitz sich als Künstler, der die Malerei verteidigte – als Genre, das rau, unbequem und unabhängig von Gefälligkeiten sein darf und soll.

Georg Baselitz, 2024, Foto: Martin Müller, Courtesy Ropac

Georg Baselitz, 2024, Foto: Martin Müller, Courtesy Ropac

BASELITZ JETZT, Ausstellungsansicht, Museum der Moderne Salzburg, 2026, © Museum der Moderne Salzburg, Foto: wildbild, Herbert Rohrer

BASELITZ JETZT, Ausstellungsansicht, Museum der Moderne Salzburg, 2026, © Museum der Moderne Salzburg, Foto: wildbild, Herbert Rohrer

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