Der Zeichner, der seine Blätter älter aussehen ließ, als sie waren Horst Janssen in Wien

Galerie Jünger zeigt 150 Papierarbeiten

Ausstellungsansicht "ZEICHNER AM WERK", Galerie Jünger, 2026, Courtesy of Galerie Jünger

Gute Nachrichten für alle, die Papierarbeiten schätzen: Die hochkarätige Ausstellung „Zeichner am Werk – Horst Janssen und Künstler:innen der Galerie" wird bis Mitte des Sommers verlängert.


Eine kleine, feine Arbeit von Alois Wichtl aus dem Jahr 1975, auf der zwei sich bückende, Rücken an Rücken an ihren jeweiligen Zeichnungen arbeitende Gestalten zu sehen sind, war titelgebend für „ZEICHNER AM WERK" – eine Ausstellung, die Galeristin und Kuratorin Andrea Jünger gemeinsam mit ihrer Kollegin Sabrina Lemcke von der Hamburger Galerie St. Gertrude für Wien zusammengestellt hat. Zu sehen sind etwa 150 Arbeiten auf Papier, darunter 41 „wirklich museale Janssen-Blätter", so Jünger. Größere Präsentationen des deutschen Zeichners waren in Österreich zuletzt selten geworden, umso wertvoller ist die Kooperation mit der Hamburger Galerie, die sich um das Werk Janssens kümmert und eine umfangreiche Sammlung besitzt.

Klassiker aus dem „Verstaubten" zu holen und mit aktuellen Positionen in Dialog zu bringen, ist seit jeher das Credo der Galerie Jünger.

Ausstellungsansicht "ZEICHNER AM WERK", Galerie Jünger, 2026, Courtesy of Galerie Jünger

Ausstellungsansicht "ZEICHNER AM WERK", Galerie Jünger, 2026, Courtesy of Galerie Jünger

Sie hat Erfahrung darin, unterschiedliche Generationen, Techniken und Bildsprachen einander gegenüberzustellen. Im Falle des 1929 in Hamburg geborenen Horst Janssen steht die Zeichnung im Mittelpunkt. In Künstler:innenkreisen wurde Janssen oft als einer der bedeutendsten Zeichner des 20. Jahrhunderts bezeichnet. „Er arbeitete mit einer enormen technischen Virtuosität, besonders in seinen Bleistiftzeichnungen. Seine Arbeiten beeindrucken durch Präzision und zugleich durch die Kunst des Weglassens", so Andrea Jünger.

Typisch für Janssen sind die expliziten, beschreibenden Titel seiner Arbeiten, ein jeweils konkretes Entstehungsdatum und eine Signatur, die sein Interesse an der japanischen Kunst erkennen lässt. Erwähnenswert ist außerdem sein experimenteller Umgang mit Papier: Er sammelte alte Kartons und vergilbte Blätter, auf denen sich bereits Schriftspuren oder Alterungseffekte fanden. „Er spielte mit diesem Effekt, dass das älter aussieht, als es ist", so die Kuratorinnen. „Seine Zeichnungen wirken dadurch oft wie historische Fundstücke." Berühmt wurde Janssen auch durch seine zahlreichen Selbstporträts. Besonders eindringlich sind die schonungslosen Darstellungen des eigenen körperlichen Verfalls. Janssen, der schwer alkoholkrank war und 1995 starb, hielt diesen Prozess zeichnerisch fest.

Die Ausstellung in der Beletage der Galerie in der Taubstummengasse kombiniert Janssens Werke mit Papierarbeiten aus dem Galeriefundus und erzeugt auf diese Weise thematische und visuelle Dialoge. Allen voran tritt der bereits erwähnte Alois Wichtl, dessen Nachlass Andrea Jünger verwaltet, mit Janssen in Beziehung; die Amerikanerin Christy Astuy befasst sich in einer Zeichnung thematisch ähnlich wie Janssen mit Augen, während das italienische Künstlerinnenduo Casaluce/Geiger sowie Michael Blank auf Janssen treffen, wenn es um Tierdarstellungen geht.

Darüber hinaus treten Janssens Zeichnungen mit weiteren großen Namen der österreichischen Kunstgeschichte in Dialog: mit den expressiven Arbeiten von Hermann Nitsch, den sensiblen Zeichnungen Oswald Oberhubers, den radikalen Überarbeitungen Arnulf Rainers oder der gestischen Bildsprache Hans Staudachers. Vertreten sind außerdem Franz Graf, Alois Mosbacher, Elisabeth von Samsonow, Frenzi Rigling und viele weitere. Erstmals sind auch die Räume des „Studio Beer" im Erdgeschoss des Hauses in eine übergreifende Themenschau integriert. So gelingt es, weitere Werkgruppen zu zeigen – unter anderem eine des zweiten Hausherren Franz Beer.

Andrea Jünger ist seit Jahrzehnten eng mit zahlreichen Künstler:innen der österreichischen und internationalen Kunstszene verbunden. Viele der Positionen, die sie in der Ausstellung zeigt, begleitet sie seit den frühen Jahren ihrer Galeriearbeit – teils durch persönliche Freundschaften, teils durch die Betreuung von Nachlässen oder langjährige Zusammenarbeit. Die Ausstellung spiegelt dadurch nicht nur kunsthistorisches Interesse wider, sondern auch ein gewachsenes Netzwerk persönlicher Beziehungen und künstlerischer Dialoge. Ende des Jahres wandert die aktuelle Wiener Schau in einer abgewandelten Form nach Hamburg weiter.

Ausstellungsansicht "ZEICHNER AM WERK", Galerie Jünger, 2026, Courtesy of Galerie Jünger

Ausstellungsansicht "ZEICHNER AM WERK", Galerie Jünger, 2026, Courtesy of Galerie Jünger

 


ZEICHNER AM WERK

Horst Janssen trifft auf Künstlerinnen
& Künstler der Galerie Jünger

bis Mitte Sommer 2026, Galerie Jünger Wien

Eine Kooperation mit der Hamburger Galerie St. Gertrude.

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Horst Janssen, "ich Auch zu Basel", 1982, © VG Bild-Kunst

Horst Janssen, "ich Auch zu Basel", 1982, © VG Bild-Kunst

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