„Fährten“ in der Galerie nächst St. Stephan

Eine sensibel konzipierte Gruppenschau in der Galerie nächst St. Stephan zeichnet Bezüge zwischen Künstler:innen und ihren Professor:innen nach – und knüpft an die ikonische Geschichte der Wiener Galerie an.
Je nach Tageszeit tritt eines der beiden Werke deutlicher hervor. Spaziert man untertags am straßenseitig gelegenen Schaufenster der Galerie nächst St. Stephan in der Grünangergasse vorbei, ist es die Assemblage von Jessica Stockholder, die einen innehalten lässt; abends leuchtet die Arbeit ihres Schülers Michael E. Smith besonders deutlich. Ein paar Stockwerke darüber entfaltet sich in den Hauptausstellungsräumen eine Begegnung zwischen den farbgewaltigen Malereien von Katharina Grosse und ihrem Professor Gotthard Graubner. Räumlich mit ihnen verflochten sind die Kompositionen von Natasza Niedziółka und Tal R. Die „Aktionsplastiken“ von Josef Beuys, zusammen mit Positionen seines Meisterschülers Imi Knoebel, ergänzen diesen Dialog-Parcours.
In der gemeinsam kuratierten Schau „Fährten“ spannen Rosemarie Schwarzwälder und Raphael Oberhuber ein Netz aus Bezügen zwischen Lehrenden und ihren Studierenden. Offenbart werden in den sinnlich-künstlerischen, durch Archivmaterial ergänzten Gegenüberstellungen teilweise bekannte, oft überraschende Verbindungen – auch zur legendären Historie des Ortes.

Jessica Stockholder, Ausstellungsansicht "Fährten", Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, 2026, Foto © Markus Wörgötter / Bildrecht, Wien 2026
Ein geschichtsträchtiger Ort
Früh avancierte die Galerie nächst St. Stephan zu einem Zentrum der Avantgarde. „Die Galerie gibt es seit mehr als 70 Jahren. Hier wurde viel zur Kunstszene beigetragen. Dieser Ort hat auch einen Auftrag“, reflektiert Oberhuber. Die Institution hatte „immer einen vermittelnden Anspruch“, ergänzt Schwarzwälder. Seit ihrer Übernahme der Galerie im Jahr 1978 verschrieb sie sich einem „klaren Programm“ mit Schwerpunkten auf Abstraktion, Konzeptkunst und Minimal Art.
Feinfühlig werden die verschiedenen Stränge der Galeriegeschichte in der Ausstellung miteinander verwoben. An einen Schlüsselmoment in der eigenen Tätigkeit erinnert Imi Knoebels Keilrahmen, so Schwarzwälder: „Im Jahr 1985 habe ich die Schau ‚Habe und Ehre‘ mit Knoebel konzipiert, in der er lediglich Hartfaserplatten in der Galerie ausgestellt hat. Es war eine grundlegende Auseinandersetzung mit der Malerei und begründete eine jahrzehntelange Zusammenarbeit mit dem Künstler.“

Ausstellungsansicht "Fährten", Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, 2026, Foto © Markus Wörgötter / Bildrecht, Wien 2026
Hervorzuheben ist auch der vielschichtige Dialog der beiden malerischen Handschriften von Helmut Federle und Franz Fedier. Als einen „informierten und interessierten Professor“ erinnert sich Schwarzwälder an Gunter Damisch, dessen Werke in der Schau jenen von Tobias Pils und Luisa Kasalicky begegnen. In der Dependance in der Domgasse kommt es zu einem sprachlich-visuellen Aufeinandertreffen der Arbeiten Peter Weibels und Heinrich Dunsts.
Akzente setzen
Schwarzwälder vermittelt nicht nur zwischen österreichischen und internationalen künstlerischen Entwicklungen, sondern folgte stets dem Interesse, die zeitgenössische Kunst in die Kulturgeschichte einzubetten. In der aktuellen Ausstellung ergänzt ein peruanisches Textil (600 – 1110 n. Chr.) aus ihrer privaten Sammlung die Gegenüberstellung des minimalistischen Werks von Josef Albers und der Textilarbeiten seiner längst selbst zum Superstar der Kunstszene avancierten Schülerin Sheila Hicks. „Albers hat mich aufs Sprungbrett geschoben und mich zum Springen ermutigt. Und er stand auf der Treppe, also gab es kein Zurück“, wird Hicks im umfangreichen Begleitmaterial der Schau zitiert. Es bietet einen Einblick in die vielfältigen, durchaus ambivalenten Beziehungen zwischen den Künstler:innen und ihren Lehrenden.
Die Galerie gibt es seit mehr als 70 Jahren. [...] Dieser Ort hat auch einen Auftrag.
Im Sommer soll der Begleitband zur Ausstellung – gemeinsam mit allen Publikationen der Galerie – im fjk3 präsentiert werden. Schwarzwälder legt großen Wert auf diese Publikationstätigkeit. Es freue sie, wenn die Kataloge von jungen Künstler:innen und Wissenschaftler:innen an Universitäten genutzt werden. Auch beim Rundgang durch „Fährten“ wird deutlich, dass der Blick auf die Vergangenheit für Schwarzwälder und Oberhuber stets mit der Gegenwart zu tun hat – und dabei immer wieder als Ausgangspunkt für neue, zukunftsorientierte Impulse dient.

Ausstellungsansicht "Fährten", Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, 2026, Foto © Markus Wörgötter / Bildrecht, Wien 2026
Fährten
JOSEF ALBERS, JOSEPH BEUYS, GUNTER DAMISCH, HEINRICH DUNST, HELMUT FEDERLE, FRANZ FEDIER, GOTTHARD GRAUBNER, KATHARINA GROSSE, SHEILA HICKS, LUISA KASALICKY, ASTRID KLEIN, IMI KNOEBEL, NATASZA NIEDZIÓŁKA, TOBIAS PILS, TAL R, MICHAEL E. SMITH, JESSICA STOCKHOLDER, CLEMENS VON WEDEMEYER, CHRISTOPH WEBER, PETER WEIBEL
Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder
bis 14.02.2026

"Fährten", Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, 2025/26, Foto © Markus Wörgötter / Bildrecht, Wien 2026
LESEN SIE AUCH:







