Endlich ein Versuch, den Mythos Schlingensief zu vermitteln

Christoph Schlingensief, The African Twin Towers, Production Still, 2005, © Aino Laberenz

Mit „Es ist nicht mehr mein Problem!“ widmet das MAK Christoph Schlingensief die erste umfassende Einzelausstellung in Österreich. Im Rahmen der Wiener Festwochen entsteht kein retrospektives Denkmal, sondern ein vielschichtiger Versuch, einen Künstler zu vermitteln, dessen Strategien bis heute nachwirken.


Zum 75. Jubiläum der Wiener Festwochen lief nicht alles rund. Umso deutlicher treten jene Positionen hervor, die diese Festivalausgabe „retteten“. Florentina Holzinger sorgte für die positivsten Schlagzeilen des Festivals (PARNASS berichtete), und Christoph Schlingensief erhält die Aufmerksamkeit, die ihm und dem Publikum zusteht. Mit „Es ist nicht mehr mein Problem!“ widmet das MAK dem Regisseur, Aktionskünstler und Filmemacher erstmals in Österreich eine umfassende Ausstellung. 16 Jahre ist Christoph Schlingensief bereits tot. Endlich wagt man den Versuch, ihn zu vermitteln. Jenen Künstler, der als Mythos in die österreichische Kunstgeschichte einging und dessen Ideen bis heute überdauern.

Das MAK ist der richtige Ort für diese Ausstellung. Schlingensiefs Kunst war stets angewandt und prozessorientiert, so gibt sich auch die aktuelle Schau. Sie soll „keine Retrospektive sein“, betonen die Verantwortlichen, sondern vielmehr einen Reigen an Ideen aufwerfen und nachzeichnen. Es seien „Versuchsanordnungen“, ein Wort, das Schlingensief selbst gerne verwendete, wie Kurator Raphael Gygax erklärt. Gemeinsam mit Aino Laberenz, Schlingensiefs Witwe, Nachlassverwalterin und Leiterin des von ihm initiierten Operndorfs Afrika in Burkina Faso, entwickelte er das Konzept.

Zu prüfen, was davon bis heute hält, überlässt man dem Publikum. Eine kunsthistorische Einordnung findet kaum statt. Dafür sind 16 Jahre womöglich immer noch zu kurz.

Schon beim Betreten der Ausstellung wird deutlich, wie schwierig diese Aufgabe ist. Schlingensiefs Werk entstand meist nicht für Museen. Seine Arbeiten spielten sich auf Bühnen, Straßen, öffentlichen Plätzen oder im Fernsehen ab. Sie lebten von unmittelbarer Reaktion, von Überforderung, von der Energie des Moments. Wie stellt man einen Künstler aus, dessen Werk sich so konsequent gegen Stillstand und Konservierung gewehrt hat?

Christoph Schlingensief, Church of Fear, Ausstellungsansicht Utopia Station, 50. Biennale von Venedig, 2003, © David Baltzer/bildbuehne.de

Christoph Schlingensief, Church of Fear, Ausstellungsansicht Utopia Station, 50. Biennale von Venedig, 2003, © David Baltzer/bildbuehne.de

Markant begrüßt die Besucher:innen die „Church of Fear“, jene Arbeit, die zwei Jahre nach den Anschlägen des 11. September entstand und später auf der Biennale von Venedig gezeigt wurde. Schlingensief legte den Finger in die Wunden seiner Zeit. Die moderne Angst, seine ganz persönlichen Ängste und das Gefühl, dass die Welt immer komplexer und schwerer fassbar wird, brachte er oft auf den Punkt – und zwar mit seinem vielleicht schärfsten Mittel: Humor.

So habe Schlingensief in der Kirche sogar eine kleine „Belohnung“ versteckt, wie Raphael Gygax beim Rundgang erzählt. Solche Spielereien und konterkarierenden Effekte habe der Künstler geliebt. Tatsächlich wird hier deutlich, was Schlingensiefs Arbeiten bis heute von vielen politischen Kunstpositionen unterscheidet: Trotz aller Schwere verloren sie nie ihre Lust am Widerspruch, an der Ironie und am kalkulierten Kontrollverlust.
 

Wer Schlingensief auf den Skandal reduziert, greift zu kurz.

Paula Watzl
MAK Ausstellungsansicht, 2026, "CHRISTOPH SCHLINGENSIEF. Es ist nicht mehr mein Problem!", Christoph Schlingensief, Church of Fear, 2003, MAK Ausstellungshalle (OG), © kunst-dokumentation.com/MAK

MAK Ausstellungsansicht, 2026, "CHRISTOPH SCHLINGENSIEF. Es ist nicht mehr mein Problem!", Christoph Schlingensief, Church of Fear, 2003, MAK Ausstellungshalle (OG), © kunst-dokumentation.com/MAK

Natürlich fehlt auch jene Arbeit nicht, die in Österreich wohl am stärksten mit seinem Namen verbunden bleibt. „Bitte liebt Österreich – Erste österreichische Koalitionswoche“ sorgte im Jahr 2000 unmittelbar neben der Wiener Staatsoper für heftige Debatten. In Anlehnung an das damals allgegenwärtige Reality-TV-Format „Big Brother“ ließ Schlingensief Asylwerber:innen in einem Container wohnen, während das Publikum über deren vermeintliche Abschiebung abstimmen konnte.

Was damals als Provokation gelesen wurde, erscheint heute beinahe unheimlich präzise. Die Mechanismen populistischer Politik, mediale Empörungsspiralen und die Inszenierung von Migration als Spektakel wirken erschreckend vertraut. Die Ausstellung rekonstruiert die Aktion über Dokumentationsmaterial, Videos und Presseberichte. Die Wucht des Originals lässt sich dabei naturgemäß nicht reproduzieren, ihre Relevanz allerdings schon.

Christoph Schlingensief, Bitte liebt Österreich – Erste österreichische Koalitionswoche, 2000, © David Baltzer/bildbuehne.de

Christoph Schlingensief, Bitte liebt Österreich – Erste österreichische Koalitionswoche, 2000, © David Baltzer/bildbuehne.de

Auch Projekte wie die Parteigründung „Chance 2000“ oder Schlingensiefs legendäre „Hamlet“-Inszenierung sind präsent. Sie verdeutlichen, wie konsequent er die Grenzen zwischen Kunst, Politik und gesellschaftlicher Realität verwischte. Mit „Chance 2000“ verwandelte er eine Bundestagswahl in eine künstlerische Intervention und stellte Fragen nach Teilhabe und politischer Repräsentation. In „Hamlet“ nutzte er den Theaterraum als gesellschaftliches Labor. Schlingensief interessierte nie das fertige Werk, sondern der Zustand, den ein Werk erzeugen konnte. Auch ruhigere Filmische Arbeiten erhalten im MAK Raum und Aufmerksamkeit, so gelingt eine multiperspektivische Betrachtung eines schwer fassbaren Werkes.

Milo Rau, selbst bekennender Schlingensief-Bewunderer, formulierte es beim Presserundgang treffend: „Es ist mir so, als würde er jetzt arbeiten, als dass man sich ihm anschließt.“ Tatsächlich hat Schlingensief viele gesellschaftspolitische Entwicklungen in einer Phase erfasst, die heute rückblickend wie eine Wurzel der Gegenwart erscheint. Dennoch funktioniert nicht alles in der Übersetzung ins Heute. An manchen Bildern und Äußerungen stößt man sich mit heutigem Blick. Doch auch das wirbelt auf und wäre vermutlich ganz im Sinne des Künstlers gewesen. Schlingensief wollte nie bestätigen. Er wollte Reibung erzeugen. Obwohl: „Provokation ist ein langweiliger Begriff“, sagte er einmal, er wollte mehr. Denn wer Schlingensief auf den Skandal reduziert, greift zu kurz. Seine Arbeiten waren nie Selbstzweck. Sie zielten auf gesellschaftliche Mechanismen, auf blinde Flecken und kollektive Verdrängung.

Vielleicht ist es eine Ausstellung für eine jüngere Generation, die den Mythos Schlingensief hier zumindest im Ansatz begreifen kann und nicht dem Vergleich ausgesetzt ist, alles live erlebt zu haben. Performance tut sich naturgemäß schwer im begrenzten Ausstellungsraum. Den Kurator:innen darf man dennoch gratulieren, aus diesem schwierigen Material das Beste gemacht zu haben.
Es passt, dass Florentina Holzinger, die heuer zu den prägendsten Stimmen der Festwochen zählt, immer wieder auf die Bedeutung Schlingensiefs für ihre eigene künstlerische Entwicklung verweist. Sein Einfluss ist längst nicht auf Archive und Dokumentationen beschränkt. Er lebt in den Strategien einer jüngeren Generation von Künstler:innen weiter.

Der Titel der Ausstellung sitzt: „Es ist nicht mehr mein Problem!“ – tatsächlich ist es längst unser Problem geworden. Zu früh wurde Schlingensief durch seine Krebserkrankung gestoppt. In seinem bis heute berührenden Buch „So schön kann's im Himmel gar nicht sein“ lässt sich nachlesen, wie intensiv er sich mit Krankheit, Vergänglichkeit und dem eigenen Ende auseinandersetzte.
Möge die Schau im MAK ein Anstoß sein, wieder Lust auf unbequeme Kunst zu schüren. Auf Kunst, die nicht gefällig sein will. Auf Kunst, die Widerspruch aushält.
 


Christoph Schlingensief.
Es ist nicht mehr mein Problem!

bis 13.09.2026 | MAK Museum für angewandte Kunst

Mehr Informationen

 

Christoph Schlingensief, The African Twin Towers, Production Still, 2005, © Aino Laberenz

Christoph Schlingensief, The African Twin Towers, Production Still, 2005, © Aino Laberenz

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